Margarete Schmalenbach (†) - 97

Predigt am 26. Oktober 2026

Was gehört zu einem guten Tod? Einem Tod, wie wir ihn uns selber wünschen würden? Einem Tod, der mit einem inneren Frieden einhergeht?

Ich denke, bei Margarete Schmalenbach haben wir so einen guten Tod erleben können. Sie war noch für ein paar Tage im Krankenhaus, durch eine Entzündung sehr geschwächt, aber geistig so klar und wach, wie sie es immer war. Sie selber spürte den nahen Tod, sprach das auch aus, es war deutlich ein bewusster Abschied von ihren Angehörigen und allen, die sie noch besuchten. Bei ihr war es fast so etwas wie den Abschied feiern: für jeden und jede ein gutes Wort, liebevolle Sätze wie ein Vermächtnis, Worte der Wertschätzung und Verbundenheit. Keine Empfindlichkeiten, keine Kritik – nur: Dankbarkeit! „Ich möchte euch alle umarmen…“ – das ist eine schöne Lebensbilanz! Auch ihr Vertrauen wurde deutlich; bei der Krankensalbung sagte sie: „Ich gebe mein Leben in Gottes Hand!“
Dankbarkeit, Glauben, Vertrauen, Wohlwollen, selbst ihr Humor blitzte noch auf. Wirklich: Im Tod fand sich alles zusammen. Das kann man einen guten Tod nennen!

Und vor diesem Tod: 97 Jahre Leben! Siebenundneunzig Jahre! Auf ihr Alter ließ Margarete Schmalenbach sich nicht gerne ansprechen. Auf ihre Körpergröße auch nicht – da konnte sie richtig fuchtig werden! Die kleine Frau (hier darf man es jetzt sagen!) ging – immer auf Selbstbewusstsein und auf Autonomie bedacht – durch ein langes erfülltes Leben, das für sie aber „kein Wunschkonzert“ war. 1929 geboren, in patriarchalischen Zeiten, gehörte sie zu einer Familie mit 9 Kindern. Im elterlichen Betrieb, der Gärtnerei und dem Blumenladen Moskob, gab es viel zu tun. Sie hätte gern eine Ausbildung gemacht und wäre wohl z.B. eine gute Lehrerin geworden, aber der Vater bestimmte, dass sie als älteste Tochter zuhause blieb und im Haushalt half. Sie hat sich mit den Gegebenheiten immer abgefunden und das Getragensein durch eine große Familie geschätzt, aber immer auch Öffnungen gesucht aus allen Engführungen heraus. Sie war weltoffen, lebensklug, neugierig auf die Welt, bereit, sich mit Neuem auseinanderzusetzen: mit neuen Gedanken, auch mit neuen Lebensformen und mit manchem Abenteuer. Ich habe vor Augen, wie sie mit über 70 noch Indiodörfer in Guatemala erkundet.

Aber ihr normales Terrain blieb der Ramsberg. In den vielen Jahrzehnten waren die Familie – gerade auch die eigene, sie heiratete 1955 – und die Nachbarschaft ihr Lebensrahmen. Dort kannte sie jeden, war mit vielen befreundet und vertraut, noch in ihren 90ern ging sie von Haus zu Haus und sammelte für die Caritas. Ihre drei Kinder, die ja viel in der Welt herumgekommen sind (in Oxford und Palästina, in San Francisco, in München oder am Bodensee) sagen: Der Ramsberg, unser Elternhaus, bedeutet für uns Beständigkeit, Heimat, ein bleibendes Zuhause, ein Anker, ein Zentrum in dieser globalisierten, sich ständig verändernden Welt.

Margarete Schmalenbach stellte dieses vertraute Zuhause dar, aber sie ging darin nicht auf. Sie suchte nach mehr und fand vieles. Sie las gern. Eine Tochter sagt: „Sie konnte in Bücher hineinfallen.“ Vorträge in der Gemeinde fanden selten ohne sie statt. Beim Bibelvortrag oder Einkehrabend war sie dabei und machte sich gedanklich mit auf neue Wege. Sie spürte, dass ihre Generation da einen großen Nachholbedarf hatte. Diese Offenheit und dieses Interesse führten dazu, dass sie Brücken bauen und vermitteln und sich gut auf andere einlassen konnte. Ihre Enkelkinder z.B., an die 60 oder 70 Jahre jünger, suchten den Kontakt und das Gespräch mit ihr und hielten sie nicht für ein Wesen aus einer anderen Zeit. Sie spürten: Unsere Oma hat eine klare Haltung, aber auch viel Verständnis und Toleranz für andere. Und eine große fürsorgliche Hilfsbereitschaft! Sie kümmerte sich immer wieder in der Verwandtschaft und in der Nachbarschaft um Kranke oder um Leute, die viel allein waren.

Im Jahr 1997 starb ihr Mann Alex. Da war sie 68 Jahre alt. Alex war für das „Geschäftliche“ zuständig, für Hausverwaltung, Handwerker und Mieter. Kein leichter Job! Manchmal etwas für „harte Männer“. Nach seinem Tod übernahm Margarete, arbeitete sich schnell ein und verstand es souverän, auch in schwierigen Situationen und mit schwierigen Leuten Lösungen zu finden – bis zum Schluss. Sie liebte die Harmonie, sie suchte nicht die Konflikte, mit ihrer Kontaktfähigkeit und ihrem Humor fand sie immer wieder Auswege.

„Margarete, du wirst hundert!“ Wie oft hat sie sich das anhören müssen! Sie hat es nicht drauf angelegt, sondern in Gelassenheit angenommen, was kommt. Mit den Worten des Evangeliums (Joh 14, 1-6): „Ihr Herz ließ sich nicht verwirren, ihr Herz war ohne Angst.“ Das Vertrauen auf Gott, ein roter Faden ihres Lebens, war da. Ich glaube, die Offenheit, die „Neugierde“ auf die Welt umfasste auch die Frage, was wohl im Tod und nach dem Tod mit uns passiert. Sie „ließ es drauf ankommen“! Jesu Antwort auf die Frage ist: „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ Diese Antwort hat ihr sicher gefallen: Viele Wohnungen – für unterschiedliche Typen und Menschen. Nicht genormt. Und für die, die in ihrem Dasein mit ganzem Herzen einen Weg suchen, eine Wahrheit und ein „Leben in Fülle“. Und dies alles in Christus erahnen und finden.