Das christliche Menschenbild

Predigt am 13. September 2026

Der letzte Sonntag – mit der Wahl in Sachsen-Anhalt – erschreckte viele. Das Wahlergebnis wirkte wie ein Erdbeben. Die Überzeugung „Nie wieder“ (nie wieder braun, oder bräunlich, nie wieder Rechtsextreme) funktioniert nicht mehr. Eine große Unzufriedenheit mit den Parteien der Mitte wird sichtbar.

Früher gab die Kirche Wahlempfehlungen. Die Bischöfe schrieben da einen Wahlhirtenbrief. In dem empfahlen sie ziemlich eindeutig die Partei, die das Christliche im Namen hat. Heute wäre das undenkbar. Die Situation ist viel zu komplex geworden.

Ich habe mir in den letzten Wochen viele Talkrunden zur politischen Lage angeschaut – der übliche Schlagabtausch der Parteien. Richtig nachdenklich wurde es einmal, als ein Teilnehmer die Frage nach unserem Menschenbild in die Runde warf. Da schauten alle anderen betroffen drein und waren sich dann einig: Ja, ein richtiges klares Menschenbild ist eigentlich nicht mehr da. In Sonntagsreden wird oft noch so getan, in Wahlreden auch – aber was passiert dann in Wirklichkeit? Alle sind sich einig: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen, alles soll dem Wohl des Menschen dienen. Sonntagsreden! Denken Sie an die Lage in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen – vom Pflegenotstand wird da gesprochen. Denken Sie an die älteren Leute mit den kleinen Renten, die kaum noch zurechtkommen, denken Sie an Flüchtlinge und Migranten, an Kinderarmut und schlecht ausgestattete Schulen.

Wofür ist Politik da? Für den Menschen. Aber was ist der Mensch, wie wird er gesehen? In erster Linie ein Konsument, der kaufen soll und Geld ausgibt und so die Wirtschaft am Laufen hält? Nur ein Rädchen im Getriebe der Gesellschaft? Einer, der seine Arbeitskraft einsetzt und nur so Wert hat – und der, wenn er schwach wird, uninteressant ist und nicht mehr zählt? Der Mensch, gesehen durch die Brille der Stärke, der Leistung und Effizienz? Der Mensch, nur eine Nummer, eine Kostenstelle? Alles scheint dem Diktat des Geldes unterworfen (übrigens leider auch das kirchliche Leben!), alles muss billiger werden, an allem wird gespart. Alles wird käuflich. An Sonntagen sollen immer mehr Geschäfte öffnen. Auf Kosten des Menschen herrschen die Finanzen, herrscht das Geld. Soziale Gerechtigkeit kann da leicht in eine Schieflage kommen, kann da auf der Strecke bleiben. Und der Mensch damit auch.

Wir Christen haben ein anderes Menschenbild. Es ist nicht das z.Z. vorherrschende, das so stark von der Ökonomie und dem Geld bestimmt ist. Das christliche Menschenbild darf nicht zur Sonntagsrede verkommen, nur zu schön klingenden Worten. Es muss gelebt werden. Es wird da gelebt, wo der Schwache geschützt und gestützt wird. Wo wir vom Anderen her denken, von den „Brüdern und Schwestern“, – alle sind sie Kinder Gottes! Wo jeder Mensch – jeder, auch der Flüchtling, der Demente, der Behinderte, der Arbeitslose oder der Außenseiter – eine unzerstörbare Würde hat. In der Sprache der Bibel: Jeder ist von Gott geliebt, jeder ist Mitbürger in Seinem Reich der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Der Glaube lädt uns ein, das wirklich zu leben und nicht als bloße schöne Worte abzutun.

Im heutigen Evangelium (Mt 18,21-35) spricht Jesus von der Vergebung. Nicht bis zu siebenmal, sondern vielmehr bis zu siebzigmal siebenmal sollen wir vergeben. Das Übergewicht der Vergebung, hat das mal jemand genannt. Übergewicht: Da kenne ich mich aus, leider. Es wiegt schwer. Aber dieses Übergewicht der göttlichen Vergebung – fällt es bei unseren Konflikten in die Waagschale? Das Gleichnis Jesu spricht von zehntausend Talenten an erlassener Schuld. Eine unvorstellbar große Summe für den Knecht – in Summe die Monatsgehälter einer ganzen Großstadt! Weiß Gott sehr übergewichtig! An Großzügigkeit nicht zu überbieten! Im Gleichnis geht Gott nicht über das Recht hinweg, er geht über das Recht hinaus. Zum Recht hinzu kommt die Großzügigkeit, die Güte, die viel mehr gibt, als man erwarten kann. Aber der Knecht versteht nichts – er bleibt im Kleinklein verfangen, seinen Mitknecht behandelt er erbarmungslos, gnadenlos.

Wir werden einander viel zu vergeben haben, sagte der Politiker Jens Spahn im Rückblick auf die Corona-Krise. Da hat er sehr recht. Vergebung ist ein wichtiges Stichwort für das christliche Menschenbild. Aber Vergebung gilt in den politischen und gesellschaftlichen Debatten nicht viel. Es sieht eher so aus, dass man noch mehr als bisher übereinander herfällt, sich niedermacht und beleidigt und die Schuld immer auf den anderen schiebt. Der Frieden im Inland und der Frieden mit den anderen Ländern rückt immer weiter weg. Ich wünsche mir und allen eine große Portion Nachdenklichkeit, Besonnenheit, auch Gelassenheit und den Sinn für Vergebung in diesen chaotischen Zeiten. Ich hoffe, dass das christliche Menschenbild viele Menschen „erleuchten“ kann.

Womit habe ich das verdient? – So fragt mancher, wenn ihm Schlimmes passiert. Aber so kann man auch fragen, wenn wir unverhofft Wunderschönes erleben. Womit habe ich das verdient? Gemeint ist: Ich habe das gar nicht verdient. Es ist mir zugefallen, ist mir geschehen, ist mir geschenkt. Das alte Wort Gnade kommt einem da in den Sinn – und der Gott, der nicht kleinlich rechnet nach den Mustern unserer Welt, sondern großzügig, gütig, barmherzig auf seine Menschen sieht. Mit dem Blick der Vergebung.