Unkraut im Blick Jesu
Predigt am 19. Juli 2026
Die Sonne scheint, die Natur steht in Blüte. In den Gärten blühen die Blumen, aber leider schießt auch das Unkraut hoch. Als ich noch im Pfarrhaus am Sauerfeld wohnte, erinnerte der Garten dort an einen
Urwald. Das Unkraut stand meterhoch, und ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich aus dem Fenster in den Garten guckte.
Unkraut – eine Plage für Bauern und Gärtner. Jesus kennt das. Er kam ja auch vom Lande. Und so wird das Unkraut zu einem wichtigen Bild in seinen Gleichnissen. Was steckt dahinter?
Immer wieder spürte Jesus es ganz deutlich, dass die Saat seines Wortes überhaupt nicht in den Herzen der Menschen ankam. Da gab es eine Gegenmacht, eine Feindschaft, und die wurde immer stärker. Die wollte
alles auslöschen, was er lehrte und tat. Ja, auch sein Leben sollte ausgelöscht werden! Seine Gegner kamen zusammen in ihren dunklen Ecken und nächtlichen Sitzungen, um gegen ihn vorzugehen. Jesus ahnte das.
Vielleicht deshalb erzählte er noch einmal das Gleichnis von der Saat des Wortes Gottes, um seine Gedanken und Gefühle zu klären.
Aber jetzt ging es nicht mehr um die Dornen und die Vögel und um den felsigen Grund (wie am letzten Sonntag); jetzt bekommt die Ursache so vieler Schwierigkeiten einen neuen Namen – jetzt spricht er vom
Feind. Dem Feind, dem Satan, der ihn gleich zu Anfang in der Wüste versucht hatte mit den Verlockungen von Reichtum, Ehre und Macht. Diesen Versuchungen hatte Jesus widerstanden. Nicht in ihm wuchs das
Unkraut, dafür aber in den anderen. In Judas z.B., der ihn verraten wird. In Jakobus und Johannes, die die besten Plätze im Himmelreich für sich pachten wollen. Und Petrus – selbst er! – verstand kaum etwas
und verleugnete Jesus.
Ja, die gute Saat gab es kaum in Reinform! Immer mischte sich das Unkraut dazwischen, wuchs und wurde noch größer, verdeckte und erstickte wohl auch die Saat. Und die Jünger fragten ihn – wie die Knechte den
Gutsherrn im Gleichnis: Was ist bloß los mit der Welt? Du hast doch gute Saat gesät – und jetzt dieses viele Unkraut überall. Auch in uns! Dieses viele Unkraut auch in der Kirche! Dieser Halb- und
Viertelglauben, und die Christen sind auch nicht besser als der Rest der Welt! Diese Skandale, immer wieder von neuem! Was tun? Sollen wir das Unkraut ausreißen? Eine Kirche bilden nur noch aus den Reinen,
denen mit den ganz weißen Westen? Nur noch mit den Hundertprozentigen? Nur noch mit den Heiligen? Das Unkraut ausreißen – das hätten die Jünger wohl gern gemacht, das haben dann auch manche in der Kirche gern
getan: Rausreißen, rausschmeißen, raus mit dem und dem und dem. Der oder die passt nicht zu uns, passt nicht in die Kirche, gehört nicht dazu.
Aber Jesus sagt da: Halt, stopp! Reißt das Unkraut nicht aus, lasst es wachsen bis zur Ernte! Weiß man denn immer so genau, was das Unkraut ist? Es sieht doch dem Getreide oft zum Verwechseln ähnlich! Jesus
begründet damit so etwas wie Toleranz im Christentum: ein Ertragen und Aushalten des Unkrauts. Es ist nicht unsere Sache, zu richten. Dafür gibt’s die Ernte, das Endgericht. Und die ist Gottes Sache. Wer aber
die Scheiterhaufen anzündet, um die Abweichler und Häretiker und das Unkraut zu verbrennen, der hat diesen Jesus wohl nicht richtig verstanden.
Jesus war überzeugt, dass das Böse durch das Gute überwunden wird. Er sah, der Weizen würde schneller wachsen als das Unkraut. Das Unheil sah er, aber auch die Gnade. Das verantwortungslose Verhalten, aber
auch die Wiedergutmachung. Er sah die Krankheit, aber auch die fürsorgliche Pflege. Er sah das Kreuz, aber auch die Auferstehung. Und er sagte: das Gute ist das Ziel in der Ernte. Lasst alles wachsen, schont
und schützt die „zarten Pflänzchen“, dass sie zum Zuge kommen.
Dieses Zutrauen in die Kraft des Guten machte Jesus so geduldig, so gelassen, so tolerant. Er lässt uns Zeit. Er kann warten. Er wartet manchmal sehr lange auf uns.
Geduld. Wir brauchen viel Geduld, wenn wir merken wollen: das, was Gott unter uns gesät hat, geht langsam, aber sicher auf. Auch in den eigenen Kindern, auch in der jüngeren Generation, die ihre eigenen Wege
geht. Nichts, was gesät ist, geht einfachhin verloren!
Wir sind von einer Zeit geprägt, in der alles schnell gehen muss, rasend schnell, effizient. Wir wollen die Früchte möglichst gleich, manchmal fast noch vor der Saat – wir wollen am liebsten gleich schon
ernten! Da tun wir uns oft schwer mit der Geduld.
Statt zu verurteilen und dies und jenes vorschnell zum Unkraut zu erklären, sollten wir also auf diesen Keim des Guten bauen. So können wir die Ernte getrost einem anderen überlassen – dem, der alle Abgründe
des Menschen kennt. Er ist größer als unser Herz, und er weiß alles.