Das Lob der kleinen Leute
Predigt am 05. Juli 2026
Es muss einer der Momente gewesen sein, wo Jesus die Nase gestrichen voll hatte. Wo er genug hatte von all diesen Schlaubergern, die immer alles ganz genau und vor allem besser wussten. Die denken: Wenn
einer predigt und sagt, was wir hören wollen, dann ist er gut! Aber wenn er uns in Frage stellt und herausfordern will, dann … ja, dann kann er gerne wieder gehen!
So hat Jesus das erleben müssen – vor allem in seiner Heimatregion in Galiläa. Das Sprichwort hatte mal wieder recht: Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande.
Bei Matthäus finden wir so eine Szene, wo Jesus ordentlich Dampf ablässt. Aber dann lässt er es bleiben, auf die arroganten Neunmalklugen zu schimpfen. Er schaut auf die Anderen: Ich preise dich, Vater,
weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen, aber den Unmündigen offenbart hast. Aus dem Jammern wird also ein Lobgebet! Jesus dankt Gott für die Anderen! Was die Schlauen in ihrem Stolz und ihrer
Verbohrtheit übersehen, das entdecken die, die „arm sind vor Gott“. Die, die nicht glauben, schon alles zu wissen, und die ihre Augen offenhalten. Und die dann bereit sind, neue Wege zu gehen, neue Schritte
ins Reich Gottes hinein.
Die kleinen Leute, die von den Herausforderungen des Lebens über ihre Kräfte gebeutelt sind, sie tun sich leichter, auf Gottes Hilfe zu bauen.
Das erinnert an die Worte, wo uns Jesus die Kinder als Vorbilder hinstellt: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. (Mk 10,15) Letztlich bleiben wir vor Gott wie
Kinder, die nie seine Geheimnisse und seine Wege verstehen. Aber Kinder sind es, die sich jemandem anvertrauen können. Die sich für ihre Hilflosigkeit und ihr Angewiesensein nicht schämen.
Für diese Menschen mit dem Herzen eines Kindes hat Jesus ein Angebot: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!
„Erquicken“ – ein uraltes Wort, das kaum noch jemand gebraucht. Und das in der vergangenen Hitzewelle uns sozusagen immer auf der Zunge lag: Ein Ventilator in der Nähe. Ein kühles Bier zwischendurch. Oder ein
Sprung unter die Dusche. Entlastung – Erfrischung – neue Kraft.
Aber wie ist das, wenn ich “mühselig und beladen” bin – geschafft, erledigt, am Ende meiner Kräfte? Was macht mich da wieder frisch?
Jesus spricht nicht davon, dass alle Lasten verschwinden werden. Er sagt auch nicht: ich übernehme alles, und dann kannst du frei und unbelastet durch Leben hüpfen. Es geht wohl eher darum, wie wir mit den
Belastungen des Lebens umgehen und zurechtkommen, ohne dass sie uns kaputtmachen.
Jesus fährt fort: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Die Lasten nimmt uns Jesus nicht ab, aber er hilft, sie zu tragen. Dazu dient sein „sanftes Joch“: Was meint er damit? Das Joch ist ja eigentlich ein Hilfsmittel, dass man den Zugtieren auf die Schultern
legt, damit sie leichter den Wagen ziehen können. Das Joch verteilt die Last auf eine größere Fläche, es ist oft gepolstert, damit keine wunden Druckstellen entstehen.
Auch gibt es bis heute in manchen Regionen Afrikas Menschen, die Wasser kilometerweit tragen müssen. Die haben oft auch so eine Art Joch auf den Schultern: Eine gebogene Stange, an deren beiden Enden dann an
einer Schnur die Wassereimer hängen.
Spätestens da wird mir deutlich: Das Joch ist etwas, was mir das Tragen der Last zwar nicht abnimmt. Aber es hilft mir, diese Last überhaupt tragen zu können – und zwar aufrecht. Denn nur aufrecht stehend
kann ich so ein Joch tragen.
Ich denke da an seine Jünger, die diese Worte ja auch gehört haben und mit ihnen in die Welt gezogen sind – oft in schwierigste Situationen hinein. Eine urchristliche Erfahrung wird da ausgesprochen: Sie sind
Jesus nachgefolgt, und das geht durch Lernen. Bei Jesus sind sie sozusagen „in die Schule gegangen“!
Sie haben z.B. gesehen, wie er mit den Menschen umging, wie er sie gewürdigt, akzeptiert und wertgeschätzt hat. Abwertung wegen ihrer Fehler und Schwächen – das war nicht seine Art! Wer aber weiß, dass er
geliebt wird, dem fällt es leichter aufrecht zu gehen – auch unter seiner Last.
Gehört haben sie auch, wie er gepredigt hat: Vergebt denen, die man eigentlich nicht leiden kann. Helft denen, die Unterstützung brauchen – auch wenn man selbst genug Probleme hat. Von ihm lernten sie: Wenn
wir uns gegenseitig beim Lastentragen helfen, kommen wir alle zusammen weiter, entsprechen wir dem Willen Gottes, üben wir uns ein in Gerechtigkeit.
Sicher haben alle an ihm gesehen, wie er entschieden hat, seine Last, sein Kreuz nicht abzuschütteln – auch nicht kurz vor Karfreitag im Garten Gethsemane. Da hat er Gott seine Angst und sein Leid geklagt …
und ist dann aufrecht seinen Weg weitergegangen, in den Tod hinein. Und in die Auferstehung.
Zu diesem Jesus, ja zu diesem Gott dürfen wir kommen mit allen Lasten unseres Lebens. Unser Glaube will keine zusätzlichen Lasten aufbürden – etwa die Gebote und Regeln der Kirche. Gott lädt keine Extra-Lasten
auf. Er drückt niemals nieder. Er richtet auf. Und erquickt. In heißen wie in kalten Zeiten.