Jesus hatte Mitleid

Predigt am 14. Juni 2026

Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen. So geht es los mit dem heutigen Evangelium.

Mitleid also – das ist der Grund für alles, was folgt: die Worte von der großen Ernte und den wenigen Arbeitern, die Aussendung der Jünger, die Regeln, die sie dafür mit auf den Weg bekommen. Es passiert das alles, weil Jesus Mitleid mit den Menschen hat. Sie sind so mühselig und beladen, so viel drückt sie herunter. Die ganze Kirche – entstanden und geboren also aus dem Mitleid Jesu? Gerade das Matthäus-Evangelium gilt als das Evangelium von der Kirche, kein anderer Evangelist hat sich so intensiv mit der Gemeinschaft der Jesusleute, der Glaubenden befasst. Und da soll das Mitleid eine so große und zentrale Rolle spielen?

Viele Leute von heute mögen das Wort nicht. Eine Gefühlsregung, die schnell aufwallt und nicht viel bringt: Tut mir leid! Manche fühlen sich erniedrigt, wenn sie bemitleidet werden. Das kommt für sie so „von oben herab“. Und was hat man davon – vom Mitleid der anderen?

Ganz anders klingt das Wort „Mitleid“ im Munde Jesu. Ganz anders insgesamt im Hebräischen und Aramäischen, das Jesu Muttersprache war. Sein Wort für Mitleid heißt „rechamim“ – und das kommt von „rechem“ – Mutterschoß. Mitleid hat da, wer jemandem so gut ist, dass er ihn am liebsten gegen alle Gefahren mit dem eigenen Leibe schützen und nähren möchte, ja in sich selber bergen möchte; wer, was dem anderen aufgeladen ist, am liebsten selber trüge. Mitleid haben heißt: für den anderen einstehen und aufkommen – mit allem, was man hat und ist. Die stärkste Form der Solidarität! Wer mitleidet, lässt sich das wirklich was kosten.

Matthäus sieht im Mitleid Jesu nicht nur die freundliche Menschlichkeit. Jesus ist für Matthäus der Gott-mit-uns, mit weit geöffneten Armen, die alle ans Herz drücken möchten. Was Jesus sagte, was er tat, was er verkörpert: so ist Gott. Im Mitleid Jesu zeigt sich Gott. Das ist, salopp gesprochen, „sein Ding“: Mitleid.

Und genau da nimmt die Kirche ihren Anfang. Jesus hat Mitleid mit den verstreuten und erschöpften Menschen: verstreut, weil sie nicht wissen wohin; und müde und erschöpft von dem, was ihnen der Alltag und das Leben abverlangt, – und darum sendet er die Zwölf aus, die er um sich gesammelt hatte. Sie sollen diesen Menschen dienen.

Kirche ist gedacht dazu, das Erbarmen Gottes widerzuspiegeln – es mit Worten zu verkünden und mit Taten zu beleben. Daran muss sie sich messen lassen. In der heutigen Zeit sieht man genauer hin, ob das göttliche Erbarmen noch durchschimmert. Kritisch wird dann aufgezählt, wo man die Kirche erbarmungslos erlebt hat und immer noch erlebt. Da gibt es viele Beispiele. Man muss sie sehr ernst nehmen, an ihnen hängt ein großes Stück unserer Glaubwürdigkeit. Doch geschieht ja heutzutage eine Menge, um Verbrechen wie den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, oder die Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen oder die Härten eines bürokratischen hierarchischen Systems oder die verletzende Lieblosigkeit eines Pfarrers zu bearbeiten, genauer hinzusehen, genauer hinzuhören – und verletzte Herzen zu heilen. Wieviel an inneren Verletzungen, an Verstörungen, an Enttäuschungen hat sich da angesammelt.

Gottseidank sind viele Heilmittel da, wir müssen sie nur als solche erkennen. Ich denke, in jedem Sakrament spricht das göttliche Erbarmen (das „Mitleid“) zu uns.
Da ist die Taufe; sie holt uns aus dem Alleinsein mit uns selber heraus, aus der Verlorenheit, schafft Beziehung und spricht uns die Würde zu, Kinder Gottes zu sein.
Die Firmung stärkt uns auf dem Weg zu Gott und den Menschen.
Die Buße und Beichte hilft uns, falsche Wege zu erkennen und auszusprechen; hier kommt Gottes Erbarmen ganz stark als Vergebung herüber.
Die Eucharistie verbindet uns mit dem Leib Christi, der „für uns hingegeben wird“: Jesus verschenkt sich ganz und gar, sozusagen „mit Haut und Haar“ an uns.
In der Ehe versprechen zwei Menschen in der Kraft Gottes, dass „einer des anderen Last trage“.
Die Priesterweihe nimmt Menschen in den Dienst, wie die Jünger ganz für die Gemeinschaft da zu sein, gerade auch für die Armen und Beladenen.
Und schließlich wendet sich die Krankensalbung direkt an die, die nicht „in Saft und Kraft“ stehen, sondern die Mühen der Krankheit und die Grenzen des Lebens erfahren.

Liebe Christen, Jesus hat laut dem Evangelisten Matthäus den Jüngern viel zugetraut: Sie sollten die Nähe des Himmelreiches anzeigen, indem sie Kranke heilten, Tote auferweckten, Aussätzige wieder in die Gesellschaft holten und Dämonen, also alles, was unfrei macht, vertrieben. Mit den Sprachbildern seiner Zeit kündigt Matthäus Wunder an – das Wunder z.B., dass Menschen durch liebevolle Zuwendung wieder aufblühen, wieder Anschluss ans Leben bekommen. Das ist ungefähr so viel, wie einen Toten wieder ins Leben zu rufen! Und so möchte ich mit einem großen Dank enden: dem Dank für tausende oder Millionen guter Worte, die uns Mut machten auf unserem Weg. Dem Dank für geteiltes Leben. Dem Dank für selbstlose Hilfe, für aufrichtige Gebete, für Willkommen sein und tiefes Wohlwollen. Alles das erfahren zu dürfen, das macht für mich Kirche aus. Und ist wirklich ein Wunder.