Vom Zöllner zum Jünger

Predigt am 07. Juni 2026

Jesus kam viel herum und sah unterwegs, wie es Menschen gehen kann. Er sah das Leiden. Direkt vor unserem heutigen Evangelium wird erzählt, wie er einen Gelähmten heilt. Der war wirklich arm dran. Rollstühle gab es noch nicht. Es ist einer, der nicht mehr weiterwusste. Der darniederlag und nicht mehr hochkam. Für den jede Bewegung fast unmöglich war. Dem sagte er: Steh auf, nimm deine Bahre und geh nach Hause! Und der Gelähmte kehrte ins Leben zurück.

Und nun sitzt da Matthäus am Zoll. Fest eingebunden in seinen Job. Man könnte sagen: Auch er war gelähmt, auf seine Weise. Festgelegt durch die Meinung der Leute, die die Zöllner zum Teufel wünschten, diese korrupten Handlanger der römischen Herrschaft. Festgelegt durch die ständige Beschäftigung mit dem Geld, mit dem Mammon, mit den Steuern und Zollgebühren. Vielleicht auch gelähmt und festgelegt durch die Unlust am Immergleichen: Jeden Tag dasselbe, man kommt da nicht mehr raus – und soll das immer so weitergehen?

Wir schauen jetzt genau in den Bibeltext: Und Jesus, von dort herkommend (also vom Gelähmten herkommend), sieht einen Menschen, der am Zoll sitzt. Es heißt also nicht: Jesus sieht einen Zöllner sitzen. Mit voller Absicht steht da: Er sieht einen Menschen. Und der sitzt am Zoll. So wird der Mensch in den Mittelpunkt gestellt. Und alles Andere: Beruf, Ansehen, Ruf, Vorgeschichte wird zweitrangig. Und frei von Vorurteilen!
Jesus sieht den Menschen – auch hier einen, der gebunden ist, festgelegt, ja gelähmt. Auch er braucht Heilung. Jesus sieht einen Menschen. Und den ruft er: Folge mir nach!
Jesus ruft uns damit immer aus etwas heraus. Da öffnet sich etwas, was bis dahin an uns klebte und uns prägte und umgab – wie hier der Zöllnerberuf, und wir nur noch als Menschen dastehen, als Geschöpfe und Kinder des einen Vaters.
So ein Blick auf den Menschen muss entwaffnend gewirkt und eine Kraft freigesetzt haben. Mit dieser Kraft konnte Matthäus aufstehen. Den Blick fortan auf Jesus gerichtet. Aufstehen ist im biblischen Griechisch dasselbe Wort wie auferstehen. Es ist dieselbe Kraft!

Und nun wird weitererzählt von einer Tischgemeinschaft, die um Jesus herum entsteht: Da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
Heute sprechen wir gerne von Willkommenskultur. Ist die Gruppe, das Geschäft, der Betrieb, die Schule, die Gemeinde einladend, dass jeder – auch der Fremde – sich willkommen fühlt? Jesus war und ist der unerreichte Meister dieses Willkommens – mit seinem Blick der Liebe und der Barmherzigkeit.

Das gefällt nicht jedem. Mancher sucht den Unterschied: Wir Gutbürgerlichen mit der weißen Weste – wir sind drin, sind willkommen. Aber ihr mit eurem komischen Lebenswandel – ihr bleibt draußen! Im Evangelium klingt das so: Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Jesus hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Barmherzigkeit ist für mich das, was ich aus dem Herzen heraus tue. Wo mich Gottes Liebe zu uns Menschen leitet und bewegt und mir den anderen, vor allem den Notleidenden in den Blick rückt.
Opfer dagegen ist eine Pflichtübung, meistens außerhalb des Herzens. Ich will gut dastehen vor Gott, will Pluspunkte sammeln, gute Noten für mein himmlisches Zeugnis.

Auffällig ist: Das Evangelium spricht mit keinem Wort davon, dass „aus den Zöllnern und Sündern“ mit einem Mal andere Menschen geworden sind. Sie haben sich auf den Weg gemacht zu ihm. Das ist erstmal genug. Und ansonsten sind sie so akzeptiert, wie sie sind, mit ihrer Zerrissenheit, ihren chaotischen Stellen, ihrer Lebensgier. So sind sie als Menschen gesehen und willkommen in der Tischgemeinschaft – trotz allem, trotz ihrer Schuld. Sie erfahren, dass das, was ist, nicht alles ist. Und dass da Hoffnung ist, und Zukunft.

Wir Christen dürfen erkennen, dass es nicht Sünder auf der einen und Gerechte auf der anderen Seite gibt. Wir Menschen sind immer beides zugleich. Vor allem Martin Luther hat das zu Recht betont: simul iustus et peccator. Immer zugleich gerecht und sündig. Jede und jeder von uns.
Wie sind nicht die Besseren. Wir wollen es nur besser machen – mit Jesus fest im Blick. Wir sind noch nicht am Ziel. Wir machen uns aber auf den Weg.

Und das ist die Kirche – so ist sie gedacht: Weggemeinschaft, Tischgemeinschaft. Ein großes Willkommen. Keine Erwartung der Vollkommenheit – stattdessen ein geduldiges Bemühen, barmherzig zu sein, immer wieder neu.