Das Wichtigste ist doch die Gesundheit!?
Zeitschrift der deutschen Claretiner, August 2026
„Und dann wünschen wir Ihnen zum neuen Lebensjahr alles Gute, vor allem Gesundheit!“
Das hat man mir zum Geburtstag am häufigsten gesagt. Ich weiß nicht, ob ich auf die Leute so hinfällig wirkte, dass es immer um die Gesundheit ging. Aber dann merkte ich: Das wünscht jeder jedem zum
Geburtstag, zum Jahreswechsel – vor allem ein gesundes Jahr.
„Das Wichtigste ist doch die Gesundheit.“ Schauplatz dieser Bemerkung ist auch eine Geburtstagsfeier. Die 80-jährige wirkt noch sehr rüstig. „Man merkt Ihnen das Alter gar nicht an,“ so wird ihr geschmeichelt.
Auf dem Gabentisch: allerlei Stärkendes aus der Apotheke. Die älteren Damen auf der Feier tauschen Krankheitsgeschichten und Gesundheitstipps aus.
Es ist offensichtlich: Gesundheit steht auf der Wunschliste ganz oben, und die-sen Wunsch lassen wir uns einiges kosten! Der Joggingläufer kämpft schwitzend mit der Strecke. Die gewichtige Dame kämpft hungernd
mit den Pfunden. Es gibt da vielerlei Kämpfe und Mittel, etwas für die Gesundheit zu tun. Geradezu ein Kult der Gesundheit ist entstanden, und auf seinen Altären werden heute viele Opfer dargebracht.
„Das Wichtigste ist doch die Gesundheit!“ So etwa heißt das Dogma dieses Kultes. Ich möchte diesem Satz widersprechen. Vielleicht wäre es am gesundesten, den Wunsch nach Gesundheit etwas tiefer anzusetzen, den
Kult der Gesundheit aufzugeben und das körperliche Wohlergehen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Ich habe viele Kranke kennengelernt; manche sind schon seit Jahren angeschlagen. Gesundheit erscheint
ihnen als ein ferner, unerreichbarer Traum – aber sie machen nicht den Eindruck, als ob ihnen „das Wichtigste im Leben“ entgangen sei. Im Gegenteil! „Narben sind Augen“, so weiß ein Sprichwort. Sie machen
hellsichtig; sie lassen bewusster leben und weiter sehen. Die Gesunden sind häufig so versponnen in ihrem Alltagstrott, in einer Normalität, die manchmal oberflächlich wirkt und sie daran hindern kann,
manches zu verstehen. „Ich glaube,“ sagt Andre‘ Gide, „dass Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen können.“
Nun will ich Krankheiten nicht verklären – aber die Kranken, die ich vor mir sehe, scheinen mir den Schlüssel gefunden zu haben, um zu einer überzeugenden menschlichen Reife zu gelangen. Gerne möchte ich sie
fragen, was für sie das Wichtigste im Leben sei.
Wenn wir Jesus diese Frage stellen würden, bekämen wir wohl eine deutliche Antwort: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben!“ (Mt 6,33) Die Rang- und
Reihenfolge ist klar: zuerst das Reich Gottes! Das ist die Spur zu einem anderen Ziel. Jesu selber hat sich konsequent in dieser Spur gehalten. Er heilte einzelne Kranke, sorgte für ihre Gesundheit – aber
dann zog er weiter. Er heilte nicht „flächendeckend“, nicht alle – er hört mittendrin auf mit den Worten: „Wir müssen weiter, anderswohin, damit ich dort das Reich Gottes verkünden kann. Denn dazu bin ich
hergekommen.“ (vgl. Mk 1,38) Und dann passieren Überraschungen wie in Kapernaum: Ein Gelähmter liegt da auf seiner Trage vor Jesus. Durchs Dach hat man ihn heruntergelassen, anders war kein Durchkommen wegen
der vielen Menschen. Die Leute recken die Hälse – vielleicht steht ein Wunder ins Haus, eine Sensation! Aber Jesus sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ Zuerst dies! Der Weg geht von innen nach außen, vom
Kern zur Schale, von der Ursache zum Symptom. Jesus praktizierte sozusagen eine „Wurzelbehandlung“: Er rührte den kranken Mann in einer Tiefe an, in die keine Tablette und keine Infusion gelangt. Ganzheitlich,
sagen wir heute gerne. „Suchet zuerst das Reich Gottes“ – das könnte heißen: Lasst euch an der Wurzel heilen, im Kern eurer Person, und alles andere wird euch dazugegeben. Seid also nicht verbissen und
ängstlich um die eigene Gesundheit besorgt; vielleicht erlangt man sie erst, wenn man sie nicht so bemüht und verkrampft gewinnen will. Sie wird euch dazu gegeben. Wie eine Zutat.
Die christliche Botschaft kann dabei helfen, die uns gesteckten Grenzen (der Krankheit, des Altwerdens) anzunehmen und den Lebensraum zwischen diesen Grenzpflöcken zu einem Ort erfüllten Lebens zu machen.
(Das ist meine Definition von „Gesundheit“.) Dabei kann der Glaube aus reichen Erfahrungen schöpfen, wenn es um Sinn und Sinnlosigkeit, um Schuld, Scheitern und Versöhnung, um „Leben und Tod“, Trauer und
Hoffnung, um Selbstfindung und Gemeinschaft, kurz: um das „Heilsein“ des Menschen geht.
Ein kurzer Text des verstorbenen Frankfurter Pfarrers und Dichters Lothar Zenetti bringt das, was ich sagen will, auf den Punkt und fasst es sehr pointiert zusammen:
Ich traf einen jungen Mann,
kerngesund, modisch gekleidet, Sportwagen,
und fragte beiläufig, wie er sich fühle.
Was ‘ne Frage, sagte er. Beschissen!
Ich fragte, ein wenig verlegen,
eine schwerbehinderte ältere Frau
in ihrem Rollstuhl, wie es ihr gehe.
Gut, sagte sie, es geht mir gut.
Da sieht man wieder, dachte ich bei mir,
immer hat man mit den falschen Leuten Mitleid.