Von Gott und von den Menschen
Predigt am 31. Mai 2026
Dreifaltigkeitssonntag. Jedes Jahr der Versuch, in Richtung Gott zu schauen – den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist. Dieses Jahr stütze ich mich bei diesem großen Thema auf einen berühmten Autor –
Papst Leo XIV. Er hat jetzt am Pfingstmontag seine erste Enzyklika vorgestellt, eine Art Regierungserklärung. Ihr Name:
Magnifica humanitas , großartige, wunderbare Menschheit. In der Presse heißt es:
Es geht um künstliche Intelligenz. Ich denke, es geht um mehr: um das Menschsein in der gegenwärtigen und zukünftigen Welt. Mensch zu sein ist „wunderbar“, ist aber auch bedroht und gefährdet. Wir leiden alle
an diesen Wunden der Welt, den Kriegen, den sozialen Spannungen oder der Klimakrise. Ganz besonders leiden darunter die Armen! Dem Papst gelingt es in seinem Schreiben, die Krisenphänomene klar und deutlich zu
benennen, aber noch stärker das „Wunderbare“ zu betonen – das, was uns hoffen lässt.
Natürlich verankert er seine Überlegungen im Glauben. In einer Welt, in der die führenden Kräfte die Märkte erobern und ihre Macht ausdehnen wollen, sehen wir Gott in einer entgegengesetzten Bewegung (MH 232)
– er steigt in unsere Geschichte hinab, nimmt unsere Schwachheit an und macht die reale Welt zum Ort der Erlösung. Der Weg führt von der Krippe zum Kreuz, Jesus erträgt alle Lebenslagen, in seinem Gesicht
leuchtet eine großartige Menschlichkeit – die göttliche Liebe, die uns erlöst. Der Heilige Geist gibt uns die Kraft, aus dieser Liebe heraus zu leben. Kein noch so ausgeklügeltes Computersystem samt KI kann
unser Herz oder unser Gewissen lebendig machen; der Papst schreibt: „Das Zentrum der Geschichte bleibt ein menschliches Antlitz, das danach verlangt, angesehen zu werden.“ (MH 233)
Sehr hilfreich und anschaulich finde ich die Gegenüberstellung von zwei biblischen Bildern (MH 7-10). Das eine Bild ist der Turmbau zu Babel, das andere, nicht ganz so bekannt, der Wiederaufbau der Mauern von
Jerusalem, nach den 50 Jahren im babylonischen Exil. Wir haben die Wahl und die Entscheidung vor uns, entweder den Turm von Babel mitzubauen – oder die Mauern von Jerusalem zu renovieren. Was ist damit
gemeint?
Der Turmbau von Babel zeigt, dass die Menschen sehr hoch hinauswollen. Bis in den Himmel soll ihr Turm ragen. Stolz sichern sie sich Macht und Stabilität und einen „großen Namen“. Doch das Ergebnis ist nicht
Einheit, sondern ein großes Durcheinander - die Sprachen vermischen sich, die Menschen verstehen einander nicht mehr. Sie haben sich überschätzt, sind in Größenwahnsinn verfallen und haben den Himmel erreichen
wollen ohne den Segen Gottes. Ist das der Weg der Menschheit heute?
Die zweite Geschichte vom Mauerbau in Jerusalem spricht eine andere Sprache. Das Buch Nehemia erzählt, wie eine Gruppe von Juden nach dem Exil in Babylon nach Jerusalem zurückkehrt. Die Stadt liegt noch in
Trümmern, die Mauern sind eingestürzt. Nehemia wird zum Architekten der Renovierung. Er schreibt keine Lösungen von oben vor. Jede Familie bekommt einen Mauerabschnitt zum Wiederaufbau. Die Stadt wird
wiedergeboren nicht durch die Initiative eines Einzelnen, sondern durch die gemeinsame Arbeit und Verantwortung des ganzen Volkes. Jeder trägt seinen Teil bei, und das ganze Volk erkennt, dass seine Kraft vom
Herrn kommt.
Für heute heißt das: Die Technik – samt der digitalen Revolution – kann heilen, verbinden, bilden und das gemeinsame Haus schützen. Aber sie kann auch spalten, ausgrenzen, tiefe Gräben schaffen. Es hängt
weithin von den Absichten derer ab, die die Technik planen, finanzieren, regulieren und nutzen. Und das sind heute Privatleute, einige wenige Milliardäre, deren Absichten sehr umstritten sind.
Papst Leo kritisiert, dass der Profit vergöttert wird, die Armen übersehen und ausgegrenzt werden, eine einförmige digitale Sprache das Geheimnis des Menschen nicht mehr erfasst und der Mensch nicht mehr Ziel
und Zweck der Wirtschaft und der Technik ist, sondern nur noch ein Mittel zum Zweck. Er sieht die Gefahr der Entmenschlichung und der Herrschaft der Maschinen. Natürlich setzt er sich für den zweiten Weg – den
des Nehemia – ein: es soll eine Stadt, eine Gesellschaft errichtet werden, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist und ein friedliches, gerechtes und würdevolles Zusammenleben ermöglicht.
Der Mensch, betont der Papst immer wieder, ist ein Abbild des dreifaltigen Gottes (MH 48). In Gott sieht der Mensch Gemeinschaft am Werk, lebendige Beziehung, Liebe und Nähe. Wenn wir zum dreifaltigen Gott
aufblicken, dann wird unsere Fähigkeit zu tiefer Gemeinschaft und Solidarität blühen und wachsen. Wir werden den Menschen nicht mehr als bloßes „Rädchen im Getriebe“ ertragen und seine Würde schützen. Bei der
KI können wir anerkennen, wie effizient und leistungsfähig sie Daten verarbeitet; aber alles zutiefst Menschliche fehlt ihr: Keine Gefühle sind im Spiel, keine Erfahrungen, keine Beziehungen, keine Liebe und
kein Gewissen (MH 97). Heute, in der gegenwärtigen Lage der Welt, ist dieses zutiefst Menschliche besonders bedroht. Unser Glaube und die Religion können uns wirklich helfen, dieser Bedrohung und ihren
Herrschaftsansprüchen etwas entgegenzusetzen: die Freude am Menschen und seiner von Gott gegebenen Würde.