Pfingsten 2026

Predigt am 24. Mai 2026

In Würzburg ist vor einer Woche der Katholikentag zu Ende gegangen. Sein Motto, sein Leitwort ließ mich aufhorchen: Hab Mut – steh auf! Das klingt sehr nach Jesus. Aber es ist ein Wort aus der Menge der Leute, die den blinden Bettler Bartimäus umgibt. (Mk 10, 46ff) Die Leute spielen sozusagen in dieser Heilungsgeschichte mit. Erst kommen sie dem Blinden, der Jesus um Hilfe und Erbarmen anruft, mit Vorwürfen: Halt den Mund; dein Geschrei ist ja richtig peinlich. Aber der Blinde lässt sich nicht den Mund verbieten, er wird noch lauter, und Jesus bezieht nun die Menge ein: Ruft ihn her! Die Leute klingen nun ganz anders: vermittelnd, ermutigend: Hab Mut – steh auf! Er ruft dich! Die Menge zieht also mit, macht mit – und das Wunder der Heilung geschieht. Selbst bei einem Toten, dem Jüngling von Nain, ist später das Aufstehen möglich. Die trauernde Menge, die die Mutter des toten Jungen begleitet, hört Jesu Worte: Junger Mann, ich sage dir, ich befehle dir: Steh auf! (Lk 7)

Jesus befreit also Menschen aus dem, was sie am Leben hindert. Steh auf – das ist seine Botschaft, sein immer wieder hörbarer Ruf ins Leben. Leben und Tod stehen sich gegenüber, man kann ein Kandidat für das eine wie für das andere sein! Die Liste der Todesmächte ist lang: Hass und Gewalt, Hoffnungslosigkeit und Resignation, Gleichgültigkeit und Egoismus, und vieles mehr. Dagegen ist die Liste der Lebensmächte ganz kurz, es reicht ein Wort: Liebe. Liebe, das ist Gott, das ist seine Art, sein „Beruf“! Dieser von Gott gelebten Liebe kann ich mich anvertrauen, kann sie erbitten und erflehen. Ich muss sie wollen. Ich muss wollen, dass ich mit meinen eng gezogenen Grenzen und Schwächen und Halbheiten nicht allein bleibe, dass sie nicht das letzte Wort haben. Ich muss wollen, dass Gott mir vergibt und weiterhilft, dass er mich trägt und umfängt, dass ich – sozusagen in seiner „Schule“ – neu sehen und neu gehen lerne. Gehen auf die anderen zu, zu den anderen hin – weil ich sie neu sehen kann als meine Brüder und Schwestern, als Kinder Gottes.

Steh auf. Ich selber spüre rein körperlich: Dazu braucht es Kraft. Ich komme nicht mehr hoch, kann nicht mehr aufspringen, wegen der kaputten Knie, und muss mich mit Händen und Armen hochdrücken. Die Hände sind jetzt ganz wichtig, um aufzustehen. Auch die anderen, die einem hochhelfen. Steh auf – das ist ganz buchstäblich und spürbar für mich eine richtige Kraftanstrengung geworden! Nicht bloß die morschen Knochen hochzukriegen, sondern auch das Innere, die ganze Existenz.

Im Pfingstfest erkenne ich die Hilfestellung Gottes. Er gibt die Kraft in seinem Geist; er gibt die Geistesgaben, um uns aufzuhelfen. Den damaligen Jüngern, die allen Grund hatten, mutlos zu sein und mit Furcht und Zittern in die Zukunft zu blicken. Ihnen „macht er Beine“. Einer von ihnen, Thomas, gerne mit dem Beinamen „der Ungläubige“ versehen, läuft dann mit gestärkten Beinen und gestärktem Herzen bis nach Südindien, um den Glauben an den auferstandenen Christus zu verkünden. Die Thomaschristen Indiens gibt es immer noch, seit 2000 Jahren. Es sind heute einige Millionen, und ein paar junge Leute von ihnen, Krankenpflegeschüler*innen, kommen hier sonntags in die Kirche, um mit uns den Glauben zu teilen. Beruflich helfen sie Alten und Kranken, aufzustehen und wieder „auf die Beine zu kommen“. Und geistlich ist ihre Anwesenheit für uns eine Ermutigung: es gibt doch noch junge Menschen, die die Messe mitfeiern und ihrem Glauben Ausdruck geben.

Die Geistesgabe wird in der Bibel „Charisma“ genannt. Unter Charismatikern stellt man sich Leute vor, die einen förmlich „umhauen“. Glühende Beredsamkeit, sozusagen Feuerzungen über ihren Köpfen, Tag und Nacht im Einsatz – Kandidaten für die Heiligsprechung! Aber Paulus bremst da schon, er betont die Alltäglichkeit der Gaben: Hauptsache, sie nützen den anderen, sie bauen den Leib Christi mit auf. Darauf kommt es ihm an. Ich habe einmal einen Text geschrieben, der das ebenfalls betont:

Komm, der gute Gaben gibt.

Am Pfingstsonntag predigte der Pfarrer
über die guten Gaben des Heiligen Geistes.
Und die Familie unter der Kanzel dachte:
Wir sind leer ausgegangen
als die Gaben verteilt wurden.
Wer sind wir schon?
Und dann gingen sie heim.
Und die Mutter besuchte
eine blinde Tante im Pflegeheim
und hörte ihren Klagen geduldig zu.
Und der Vater brütete
über der Kassenführung der Kolpingsfamilie,
die ihm eher Ärger als Freude einbrachte.
Und die große Tochter klimperte auf der Gitarre
und sang dazu mit ihrer Stimme,
die alle schön fanden.
Und der noch sehr kleine Sohn
brachte die Worte durcheinander,
und alle anderen zum Lachen.
Die geduldige Mutter,
der unauffällige Vater,
die musikalische Tochter,
der fröhliche Sohn
setzen tagtäglich ihre Gabe,
ihr Charisma ein
ohne es zu merken…

Hab Mut – steh auf. In der Kraft des Geistes können Menschen auch über ihren eigenen Schatten springen. Da kann der Geist wie ein Stachel sein, der uns aufstört, der uns aus der Trägheit und Bequemlichkeit in eine heilsame Unruhe bringt, der uns hinblicken lässt auf das, was an Gutem möglich wäre, was an Besserem sein könnte. Im Pfingstfest der Bibel werden ungeahnte Möglichkeiten wach. Freuen wir uns darauf!