Bruder Werner
Auferstehungsmesse am 25. Mai 2026
Bruder Werner. Wenn wir uns sahen, begrüßten wir uns so: Bruder Werner, Bruder Johannes. Das geschah aus gegenseitigem Respekt: Ich im Respekt vor seinem hohen Alter – zwanzig Jahre Unterschied –, er im
Respekt vor dem Amt des Pfarrers, eine Achtung, die er seit der Kindheit in sich trug.
Bruder Werner. Das passte gut. Er war, glaube ich, ein durch und durch brüderlicher Mensch. Auch er lebte mit einem respektablen Beruf: Lehrer und Schulleiter. Aber er blieb in Augenhöhe, blieb immer auf dem
Teppich, war durch und durch bodenständig. Arroganz oder „etwas Besonderes sein“ – das war ihm meilenweit fern. Das passte nicht zu ihm.
Sicher hatte das etwas mit seiner Herkunft zu tun. Er kam vom Dorf, aus Rösenbeck bei Brilon. Das vierte Kind in einer Bauernfamilie. Sein Geburtstag ist bezeichnend: der 6. Januar 1929. Ein Dreikönigstag.
Später nannte man ihn in der Familie gern den „vierten König“: Auf Geburtstagen setzten ihm die Kinder eine Krone auf. Ein König! Aber nicht im Sinne eines Machthabers – eher im Sinne eines Suchenden, eines
Pilgers, der wie die heiligen drei Könige aufbricht und vor dem Kind in der Krippe das Knie beugt. Werner Jansen hatte in seiner DNA aus Rösenbeck einen starken Sinn für den Glauben. Das ist einer der ganz
starken „roten Fäden“ in seinem Leben. Noch im hohen Alter, mit über 90 Jahren, lief er den Kilometer vom Memeler Weg zur Josephskirche, um an der Wochentags- und Sonntagsmesse teilzunehmen. Und es sind viele
andere Gene, die aus Rösenbeck stammen: der Aufstiegs- und Bildungswille, hin zum Lehrerberuf. Die Treue zu Traditionen. Die Naturverbundenheit: Werner liebte den Garten. Die Sparsamkeit und das einfache
Leben. Der Verzicht auf größere Reisen – die Nordsee reichte, es musste nicht New York oder Mallorca sein. Auch eine Freude an Festen – die Schützenfeste in Rösenbeck blieben immer ein Fixpunkt in seinem
Leben.
Nun ein paar markante Daten: 1954 Abitur in Brilon. Studium an der PH Paderborn. 1956 Lehrer in Halver. 1958 Lehrer an der Medardusschule Lüdenscheid, 1964 dort Konrektor. 1970 Heirat mit seiner Frau Hedwig
in der Abteikirche Meschede. 1971 Rektor der Knapper Schule, zwanzig Jahre lang, 1972 Hauserwerb im Memeler Weg, die drei Kinder Eva, Kathrin und Christoph sind in den 70er Jahren geboren – eine bewegte Zeit.
Es heißt, dass er als Rektor der Knapper Schule keinen Tag gefehlt habe. Manche, so die eigenen Kinder, sagten: Er konnte auch sehr streng sein. Werner zitierte selber gerne einen kleinen italienischen
Schüler, der seinen Rektor mal als „direttore rabiato“ bezeichnete. Aber das waren Ausnahmen. Er galt als Mensch mit großem Herzen, umgänglich, aufmerksam. Eine eher stille Präsenz, die nicht in den
Mittelpunkt drängte. Bescheiden und dankbar. Bis in seine letzten Tage, im Altenheim, war das Wort „Danke“ eines der am häufigsten gebrauchten Worte.
Im Alten Testament gibt es das Ideal des „Gerechten“: gepriesen wird der gerechte, der lebensweise Mensch, der seinen Weg mit Gott geht, der in Gottes Ordnung lebt, der „seinen Baum an frischen Wasserquellen
gepflanzt hat“ – so die Poetik der Bibel. Werner ist diesem Ideal ziemlich nahegekommen. Er schöpfte lebenslang und täglich aus den Quellen des Glaubens und zeigte das in einem großen Wohlwollen. Mit diesem
Wohlwollen begegnete er allen Menschen. Dem anderen Gutes wollen, nichts Böses – das ist eine Umschreibung der Nächstenliebe, wie Werner sie ein Leben lang eingeübt hat.
In den langen Jahren seines Ruhestandes sah man Werner oft im blauen Hausmeisterkittel, in seiner Werkstatt im Keller und im Garten. Er war handwerklich geschickt und künstlerisch begabt, malte Bilder und
schuf aus Beton verschiedene Figuren, darunter ein Schaf für den Garten, das seinem friedlichen Naturell entsprach. Alle Wege machte er noch mit über 90 zu Fuß in die nahe Stadt und las bis zum Schluss die
Zeitung, um informiert zu bleiben über das Leben um ihn herum. Er gehörte der Kolpingsfamilie an und war seiner Pfarrgemeinde auf vielfache Art verbunden. Den engen Zusammenhalt mit seiner Familie und mit den
drei Enkeln genoss er und war dafür sehr dankbar. „Ich hatte ein gutes Leben“, so sagte er noch in seinen letzten Tagen.
Natürlich machten sich die Beschwerden des hohen Alters bemerkbar. Vor fast einem Jahr zog er um ins Haus Elisabeth. Aus allen Widrigkeiten und gesundheitlichen Krisen rappelte er sich wieder auf. Das Motto
des gerade beendeten Katholikentages in Würzburg „Hab Mut – steh auf“ passte gut zu ihm. Aber dann ging kein Aufstehen mehr. Mit einer Blutvergiftung und allen Plagen des hohen Alters ging er auf den Tod zu,
ohne Schmerzen, lebensbejahend und mit ungebrochenem Appetit bis in die letzten Stunden hinein, und bei vollem Bewusstsein. Im Krankenhaus Hellersen starb er am 11. Mai, wenige Tage vor Christi Himmelfahrt.
Wir dürfen glauben, dass es auch bei ihm eine Himmelfahrt war, eine Heimkehr in das ewige Zuhause bei Gott. Die Auferstehungsmesse hier in seiner, in unserer Kirche kurz vor Pfingsten zeigt uns, dass Werner
sein Charisma, seine Gabe des Heiligen Geistes fruchtbar eingesetzt hat zum Wohl der anderen. Wir danken Gott von ganzem Herzen für dieses lange, erfüllte, begnadete Leben.