Vorschein einer heilen Welt
Predigt am 12. April 2026
Über diesen Text aus der Apostelgeschichte (Apg 2,42-47) kann man nur staunen: Wie wunderbar ist das denn! Massenweise treten Menschen in die Kirche ein (nicht aus…). Weil die Botschaft überzeugt. Und mehr
noch, weil das Miteinander überzeugt: Weil in der ersten Gemeinde keiner am Rand steht oder zu wenig hat. Alles wird geteilt, der Glaube, Freude und Leid und sogar Hab und Gut. Eine Gemeinschaft, die
zusammenhält und zugleich nach außen wirkt. Kirche als Alternativmodell, als Stück heile Welt.
Darüber kann man aber auch die Stirn runzeln. Sollte das wirklich so gewesen sein? Ist das nicht zu schön, um wahr zu sein? Sind solche Versuche einer besseren Welt nicht meistens schiefgegangen? Kann denn
Kirche perfekter sein als die Welt? Skeptische Fragen, die man nicht los wird. Und trotzdem ist das ein richtungsweisender Text.
Für mich hat er den Charakter einer Vision. So ähnlich wie die Wunder Jesu in den Evangelien beschreibt er eine neue Wirklichkeit, die Jesus „Reich Gottes“ nennt. Und dieses Reich ist nahegekommen, sagt er
immer wieder.
Das Reich Gottes ist nahegekommen – diese Botschaft wird von den Jüngern nach Ostern weitergetragen. Und sie leben dabei ein Miteinander, bei dem keiner zu kurz kommt; sie leben Gerechtigkeit und Respekt für
alle. Das Zusammenleben der ersten Gemeinde ist ein Wunder! Diese Bereitschaft, anders zu leben als die anderen. Anders mit Besitz umzugehen; Gemeinschaft intensiver und verbindlicher zu verwirklichen. Zum
Beispiel in Ordensgemeinschaften. Für ein ganzes Leben. Und manchmal nur auf Zeit. Solche Gemeinschaften sind für mich Leuchttürme, die die Kirche braucht. Es sind Zeichen und Wunder, die Gottes Geist wirkt.
Wir alle dürften wohl Phantasien von einem guten Leben in uns tragen.
Wenn ich vom guten Leben träume, dann denke ich meistens an mich selbst. Ich denke darüber nach, wie ICH es noch ein Stück bequemer, entspannter, wärmer und sonniger haben könnte. Manchmal sind es Träume vom
Typ „Schlaraffenland“.
Damit bin ich wohl nicht allein. Wenn unsere Gesellschaft sich in die Zukunft träumt, dann geht es fast immer um neue Techniken – für unsere Energiesicherheit, für besseres Klima, für Mobilität, für Wohlstand
und Wachstum, weniger Krankheit, ein höheres Alter. Es werden gigantische Summen investiert, um damit für die Einzelnen ein längeres und bequemeres Leben zu ermöglichen. Und das ist ja auch nicht falsch. Aber
ist das schon „das gute Leben“?
Aus biblischer Sicht zeigt sich das gute Leben in dem gelungenen Miteinander von Menschen. Darin, wie sie sich respektieren und achten. Wie sie aufeinander hören. Wie sie teilen, was jeder braucht. Gutes
Leben heißt immer auch Gerechtigkeit und Frieden. Das Reich Gottes ist kein Schlaraffenland.
Warum bleibt das in den Phantasien vom guten Leben so blass? Warum träumen so viele Menschen von selbstfahrenden Autos, von Uraltwerden oder künstlicher Intelligenz? Warum träumen sie so selten vom Leben auf
Augenhöhe, von geringen Einkommensunterschieden, funktionierenden Netzwerken, vom Ende der Armut und der Ausgrenzung von Menschen?
Aus biblischer Sicht ist das das Zeichen einer fundamentalen Geistlosigkeit. Denn seit Pfingsten stiftet der Geist Gottes Menschen dazu an, ihr Miteinander zu erneuern. Wo Gottes Geist wirkt, gibt es gutes
Leben nur als gutes Leben für alle.
Zur Erinnerung daran brauche ich die Gemeinschaft der Kirche.
Nicht die Kirche als perfekte Gesellschaft. Die gibt es ebenso wenig wie die anderen perfekten Gesellschaften, die Menschen zu errichten versucht haben.
Nein, ich brauche die Kirche als Ort für ein gelungenes Miteinander. Als Raum, in dem man anders miteinander umgeht als sonst. Wo man andere aushält, die anders sind als man selbst. Wo man immer wieder teilt,
was man hat, an Besitz und an Gaben. Wo man hört auf die alten Geschichten und Träume, auf die Worte Jesu, der Apostel und Propheten. Wo man miteinander feiert und im Namen Jesu das Brot teilt. Wo die
Beziehung zu Gott Gestalt gewinnt im Gebet.
Es sind diese elementaren Dinge, die die Kirche zur Kirche machen. Ohne die christlicher Glaube ein Unding wäre.
Für Kritik an der real existierenden Kirche gibt es viele Gründe. Diese Kirche hat Strukturen und Institutionen ausgebildet, auf die man verzichten kann und irgendwann vermutlich verzichten muss. Aber auf die
Kirche als Gemeinschaft, in der das gute Leben gemeinsam erprobt wird, können wir nicht verzichten.
In einem Gottesdienst wie diesem wird das, was christliche Gemeinschaft ausmacht, doch zeichenhaft gelebt: das Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft, ja verschiedener Sprachen und Generationen. Das
Hören auf die Botschaft der Bibel, das Brotbrechen und Feiern im Abendmahl, das Gebet in ganz verschiedenen Tonlagen und – wenigstens ansatzweise, in der Kollekte oder in großzügiger Spende, – auch das Teilen
von Besitz.
Darum ist jeder Gottesdienst ein Echo von diesem großen Anfang zu Pfingsten, von dieser Urgemeinde in Jerusalem, vom Wunder des Reiches Gottes.
Nehmen Sie diesen Traum mit. Und die Frage: Was heißt gutes Leben für Sie? Und wie wird Ihr Traum vom guten Leben ein Traum vom guten Leben für alle?
Ich wünsche Ihnen eine traumhafte Woche – und dass Sie das beständige Flüstern des Heiligen Geistes darin hören können!