Blindheit heilen – sechs Jahre nach Corona
Predigt am 15. März 2026
Genau vor sechs Jahren, an diesem Sonntag mit dem Evangelium von der Blindenheilung, fielen erstmals die Messen aus. Corona, die erste Pandemie in unserem Leben, hatte uns alle im Griff. Ein völliges
Neuheitserlebnis: Keine Treffen mehr – also auch keine Messen! Die Regierung, vor allem die Kanzlerin warb entschieden um Abstand und Distanz und darin um Solidarität aller. Zu groß war die Gefahr, sich
anzustecken! Die Kirche passte sich gleich an. Bischöfe redeten wie Virologen: Händewaschen nicht vergessen! Weihwasser raus! Abstand halten – das ist die Form der Nächstenliebe heute! Der Papst lief einsam
und allein über die römische Via del Corso, er hielt eine Andacht auf dem Petersplatz – ohne Leute. Niemand ließ sich blicken. Leere, wohin man schaute. Leere, die unser gewohntes Leben unterbrach. Sie werden
sich erinnern.
Diese Unterbrechung und Leere hatte damals vielleicht auch etwas Gutes. Was der liturgischen Fastenzeit kaum gelang, konnte das Coronavirus so manchem näherbringen: die Leere, die Stille, den Abstand, die
Genügsamkeit zulassen und sehr behutsam entdecken, was sie uns sagen könnte. „Ja, das ist Fastenzeit,“ schrieb z.B. eine Frau aus Soest damals in einem Leserbrief unserer Zeitung: „Ordnung zu machen, mit mir
ins Reine kommen. So könnte man diese Krise auch als Segen für unsere Seelen betrachten.“
Unterbrechung, so meinte der große Theologe Johann Baptist Metz, ist, was Religion bewirken kann. Religion ist Unterbrechung: Ein Stoppschild im Alltag, in den gewohnten Abläufen des Lebens. Halt, Stopp! Ein
Innehalten im Lärm der Zeit! Wie es scheint, mussten wir damals dazu „gezwungen“ werden – von einem Virus! Freiwillig tut sich bei uns wohl nicht so viel in der Abteilung „Muße“. Innehalten, sich besinnen, ist
meist nur etwas für Sonntagsreden. Aber Stress, Hektik, im Hamsterrad laufen, dauernde Ablenkung ist leider etwas fürs Alltagsleben.
Wir konnten lernen:
- Dankbarkeit für das so selbstverständlich Scheinende, das uns tagaus, tagein zur Verfügung war. Und Dank für die Nähe von Menschen, die uns – oft sehr kreativ und eher aus der Ferne – bereicherten.
- Bescheidenheit und Ernüchterung angesichts der Grenze menschlicher Möglichkeiten: Wir kommen bis zum Mond, aber damals kamen wir kaum vor die Tür. Technisch sind wir die Herren der Welt. Aber ein kleines
Virus konnte uns lahmlegen! Eine Kränkung unseres Selbstbewusstseins! Vielleicht ließen wir einige Illusionen hinter uns und nahmen das Leben an, so wie es auch ist: fragil, verwundbar, zerbrechlich: Ja; so
darf es auch sein.
- Wir haben auch einen anderen Umgang mit der Zeit erlebt. Unser Machen und Planen köchelte auf kleiner Flamme. Wir mussten Langeweile aushalten. Und manchmal konnten wir innehalten, uns besinnen, in unserem
Verhalten ergründen, was uns wirklich wichtig ist und bleibt. Wir konnten „zu uns kommen“ und dabei kleine Schritte nötiger „Umkehr“ gehen (die ja oft damit zu tun haben, womit wir unsere Zeit füllen).
Dann war Corona vorbei. Die Viren zogen sich zurück. Aber das Virus der Gewalt machte sich stattdessen breit. Das Recht des Stärkeren, die Angriffslust. In der Ukraine, in Israel und Gaza. Ganz kurz sogar in
Grönland, und jetzt, hochgefährlich, hoch explosiv, im Nahen Osten. Verbale Angriffslust dazu in den Medien, im Umgang miteinander, eine Verrohung und Rücksichtslosigkeit, die den gegenseitigen Respekt nicht
mehr kennt.
Und jetzt unser Evangelium: Jesus heilt einen Blinden, der nur betteln konnte.
Vielleicht lässt sich der Zustand der Menschheit und vor allem der Mächtigen mit Blindheit umschreiben, vielleicht ist das das treffende Wort: Blind.
Blind im Sinne von: nicht lernen wollen, oder nicht lernen können, aus der Geschichte nicht, aus den Erfahrungen nicht. Verurteilt dazu, dieselben Fehler zu wiederholen – Habgier statt Mitgefühl. Rache statt
Versöhnung.
Das Evangelium erzählt von einer Hoffnung: Der Blinde wird ja geheilt. Heilung könnte bedeuten: „in die Schule Gottes zu gehen“, die Welt und alles „mit den Augen Gottes zu sehen“. Eine neue Sicht. Auf eine
unvollkommene Welt gewiss. Eine Welt-im-Werden, mit allen Variationen des Leidens. Aber unser Mut, unser gutes Wort, unser Lächeln, unser Dranbleiben, unser Glauben und Vertrauen, unser Gebet – das alles kann
hinweisen auf das Leuchten Gottes, auf das Licht in der Dunkelheit: dass wir Menschen diesem Gott nicht wurscht sind, sondern am Herzen liegen. Dummes, aber fromm klingendes Gerede hört dann auf: Dass das
Blindsein des Sohnes eine Strafe für die Sünden der Eltern sei (damals im Evangelium, im Streit mit den Pharisäern), oder dass Gott durch das Corona-Virus eine verlotterte Menschheit bestrafen wolle (in der
Zeit der Pandemie)! Also ein Ausschluss aus der sozialen Gemeinschaft, der mit der Krankheit einherging.
Nein – so nicht! Gott bewahrt uns nicht vor allem Leid, auch nicht vor Viren und dem Bazillus des Bösen. Aber in allem Leid kann er uns bewahren und tiefster Halt sein. Nicht der Karfreitag hat das letzte
Wort. Ostern kommt bestimmt!