Versöhnen – statt spalten
Predigt am 15. Februar 2026
Da wird nun hier sehr Unterschiedliches angesprochen. Jesus nimmt zu ganz konkreten Fragen Stellung. Und zwar in der Bergpredigt.
Die Bergpredigt ist bei Jesus etwa das, was die Zehn Gebote im Alten Testament sind. Die Szene ist ähnlich. Beide Male – bei Jesus wie bei Mose – geht es auf einen Berg. Dort auf dem Berg wird der Wille Gottes
verkündet. Mose empfängt ihn – in den Gesetzestafeln. Bei Jesus ist es mehr. Bei ihm heißt es immer wieder: „Ich aber sage euch…“
Er ist der neue Mose, und er ist der größere Mose, der aus eigener Vollmacht spricht. Und er spricht viel radikaler. Er geht auf den Grund – auf den Grund des menschlichen Herzens. Jesus spitzt zu, die
normalen Seh- und Verhaltensweisen stellt er auf den Kopf. Wenn dich einer schlägt, halte auch die andere Wange hin. Das ist nicht normal. Das tut zunächst mal keiner. Aber es kann weiterführen. Berührend zu
sehen, dass kein Christ, sondern ein indischer Hindu, Mahatma Gandhi, diese Worte wörtlich und ernst genommen hat. Mit einer enormen inneren Stärke hat er auf Gewalt verzichtet, gewaltlos Widerstand geleistet
und so sein Land Indien in die Unabhängigkeit geführt. Ohne Krieg! Ohne Blutvergießen! Aber solches Verhalten – die andere Wange hinhalten – geht nur im tiefen Vertrauen auf Gott. Da wird dann die Spirale der
Gewalt unterbrochen, die sich immer höher schraubt, – der Wechsel von Schlag und Gegenschlag.
Ich greife aus den vielen Beispielen des Evangeliums nun ein einziges heraus – die Versöhnung mit dem Bruder, mit der Schwester.
In Taize, dem berühmten Pilgerort vor allem für junge Leute, treffen sich die Menschen in einer sehr großen Kirche. Am Eingang steht seit 50 Jahren ein Schild – jeder, der die Kirche betreten will, muss dort
vorbei: „Versöhnt euch, die ihr hier eintretet – der Vater mit seinem Sohn, der Mann mit seiner Frau, der Glaubende mit dem, der nicht glauben kann, der Christ mit seinem Bruder.“
„Es durchfuhr mich richtig,“ sagte mir ein Jugendlicher, „jedesmal, wenn ich das sah. Denn bei uns in der Familie gibt es dauernd Krach. Ich kann mit meinen Eltern nicht richtig reden, die verstehen mich
nicht. Aber wenn ich an dem Schild vorbeikomme, denke ich, dass ich sicher nicht schuldlos an dem ganzen Theater bin.“ Es durchfuhr mich richtig, hatte der Junge gesagt. Er war noch jung, er war noch nicht
abgebrüht, er hatte sich noch nicht abgefunden damit. Es konnte ihn noch „durchfahren“. Er war noch offen für Versöhnung.
Aus kleinen Anlässen können Kriege entstehen. In meiner Kindheit schoben Nachbarinnen wechselseitig das Herbstlaub der Bäume über die Grenze aufs andere Grundstück. Deshalb sprachen sie lebenslang nicht mehr
miteinander. Bescheidene Geldsummen oder Schmuckstücke können bei Erbschaftsstreit Familien dauerhaft auseinanderbringen. Kleine Anlässe: etwas läuft schief, und das schaukelt sich dann hoch. Man schaltet auf
stur, fühlt sich im Recht und von der anderen Seite betrogen, klärt aber nichts, redet nicht miteinander. Man geht sich aus dem Weg. Kommt der eine, geht der andere. So entstehen private Kriege. Kleine kalte
Kriege. Schweigen und Verstummen.
In der Bergpredigt, im heutigen Evangelium sagt Jesus: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen.
Geh und versöhne dich zuerst!“ Was für ein Hinaus und Hinein würde das in unseren Gottesdiensten!
Jesus hat nicht gesagt: „… und dir dabei einfällt, dass du etwas gegen deinen Bruder hast…“ Vielmehr geht die Frage: Hat dein Bruder etwas gegen dich? Es wird uns zugemutet, sich also erstmal in den Bruder, in
die Schwester hinein zu denken, die Gedanken des anderen sollen wir nachdenken, seine Empfindungen nachempfinden, mitempfinden. So fängt Versöhnung an. Mit einem neuen Blickwinkel – vom anderen her! Wieviel
wäre schon gewonnen, wenn Eltern sich in ihre jugendlichen aufbegehrenden Kinder hineinversetzen und die Kinder in ihre besorgten Eltern.
Nach dem veränderten Blickwinkel dann das zweite: den ersten Schritt zu tun. „Geh!“, sagt Jesus. Nicht: Warte, dass der andere kommt. Da kannst du oft lange warten. Einer muss sich zuerst bewegen: warum nicht
ich? Schließlich drittens: das richtige Wort zu sagen. Wir tun uns oft schwer damit, weil wir Konfliktgespräche nicht gelernt haben und scheuen. Wir gehen ihnen lieber aus dem Weg, vermeiden den fairen Streit
und lassen die Lage ungeklärt. So entgeht uns die befreiende Kraft, die in der Klärung liegt. Wir können wirklich aufatmen – die Wahrheit wird uns frei machen.
„… dann komm und opfere deine Gabe!“ Es muss schon stimmen im Menschlichen, wenn es mit Gott stimmen soll. Vor Gott können wir nicht mit einem Achselzucken alles beim Alten lassen. Vor Gott können wir uns aber
von unserer Rechthaberei und Unversöhnlichkeit verabschieden. Vor Gott können wir den Bruder, die Schwester neu entdecken!