Das eine Wort und der Wortschwall der Zeit

Predigt am 04. Januar 2026

Reden ist Silber. Schweigen ist Gold. So sagt man wohl. Es kann aber auch umgekehrt sein. Das Wort, das aus dem Schweigen kommt, aus der Stille und dem Nachdenken – das ist Gold wert. Das ist ein goldenes Wort! Schweigen und Wort passen zusammen: Ohne Schweigen wird das Wort zum Gerede, zum Geschwätz. Ohne Wort führt das Schweigen zum Verstummen. Das Wort wird aus dem Schweigen geboren. Das Schweigen ist der Mutterschoß.

An Worten fehlt es heute nicht. Tausende, vielleicht Millionen Worte und Wörter prasseln täglich auf uns nieder – in der Werbung, in den Medien, über Handy, oder in gedruckter Form. Wörter am laufenden Band! Dauerberieselung ohne Ende! Man möchte manchmal abschalten, es ist alles zu viel. Und so flüchtig – welche Worte schaffen es schon, sich „in uns zu setzen“ und eine Art geistiger Nahrung zu werden?

Ist das in den Kirchen anders mit dem Wort? Auch hier eine Flut der Wörter und der Papiere. Ob wir mit alledem Gott totreden? Ob er sich sozusagen manchmal die Ohren zuhält und denkt: Leute, seid ruhig! Schafft Stille, schafft Schweigen! Denn diesem Gott, der unfassbar ist und im Geheimnis wohnt, nähert man sich wohl eher mit einem ruhigen, still gewordenen Herzen als mit einem Mund, der von Worten überläuft, der das Geheimnis Gottes zerredet.

Nun, es gibt Situationen, da bricht das pausenlose Gerede auf einmal ab. Da „fehlen mir die Worte“. „Nicht zu fassen – ich bin einfach sprachlos!“ Und vielleicht fängt man an zu stammeln, zu stottern – und dieses Gestammel ist sicher hundertmal ehrlicher und authentischer und „näher dran“ als alles glattzüngige und wortreiche Gerede.

Paul Celan war ein jüdischer Dichter, dessen Leben durch den Holocaust aufs Schwerste gestört und belastet wurde. Seine Eltern kamen um, er selber nahm sich 1970 in der Seine in Paris das Leben. Die Worte blieben ihm förmlich im Hals stecken nach den abgründigen Erfahrungen der Gewalt in der Nazizeit. Aber dann schreibt er:

„Kam, kam.
Kam ein Wort, kam,
kam durch die Nacht,
wollt leuchten, wollt leuchten…“

Celan stammelt. Er ist fassungslos. Die Worte haben ein Echo – er wiederholt sich. Ein Wort kam durch die Nacht, durch die Finsternis, die er so tief und verstörend erlebt hatte. Und das Wort will leuchten, will durch die Finsternis hindurch zum Leuchten kommen. Will Hoffnung geben, will heilen!

Wie nah da der jüdische Dichter an unser Evangelium kommt! Und das Wort wird zum Licht des Lebens – „und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“

Ja, das Wort mit dem Namen Jesus Christus spricht uns an – Gottes Wort an uns! „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund,“ so beten wir in jeder Messe. Solche Kraft hat dieses Wort – es richtet auf, es schafft Leben; es heilt.

Gott macht nicht viele Worte. Es ist wie am Anfang, am Schöpfungsmorgen: Es werde Licht! Es werde Leben! So kurz und knapp ist es bei Gott. Und dieses Leben im Sinne Gottes – sein Wort – bekommt zu Weihnachten ein Gesicht. Gott wird Mensch. Das Wort wird Fleisch.
Und das Licht kann in der Finsternis leuchten. Auch in eine Zukunft hinein, die uns vielleicht Angst macht, die uns bedrängt, weil wir sie nicht kennen.

Gott spricht sein Wort nicht ins Leere hinein und nicht über unsere Köpfe hinweg. Er spricht auf Augenhöhe. Von Mensch zu Mensch. Das Wort ist Fleisch geworden. „Fleisch“ meint uns Menschen in unseren Grenzen: dass wir krank und schwach werden können, und dass wir schließlich sterben. Dass wir nicht perfekt sind und es auch nicht sein müssen.

Gott kommt nicht in eine Traumwelt, nicht in eine virtuelle oder ideale Welt – sondern dorthin, wo wir sind, wo Ställe und Krippen stehen, wo Hirten herumlaufen, die Armen von damals, wo Menschen hungern und leiden und auf der Flucht sind und abgehängt werden. Er kommt dorthin, wo Sünder und Sünderinnen leben und wo Gerechte aufs Kreuz gelegt werden. In diese unsere Welt ist er gekommen; er hat nicht von oben herab alles regeln wollen. Und auch dem Letzten ist er noch Bruder geworden. Er, der große Gott.

Das ist eigentlich nicht zu fassen. Das ist zum Sprachlos-Werden. Aber wer das Wort innerlich aufnimmt und es wie ein guter Gastgeber in sich wohnen lässt, wer noch staunen kann, der tue es und stimme mit ein in dieses Lied
(GL 256,4 – Ich sehe dich mit Freuden an…)