Der Aaronssegen

Predigt am 31. Dezember 2025

Der Herr sprach zu Mose:
Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu Ihnen:
Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.
So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, und ich werde sie segnen.

(Num 6,22)

Das ist die Lesung für Neujahr, für das nächste Jahr, das wir erleben. Ein sehr knapper Text! Manchmal singen wir diesen Aaronsegen am Schluss der Messe. Ich kenne Leute, die von diesem Segen tief berührt sind und ihn wirklich mitnehmen in ihr Leben. Eine Frau sagte mir einmal, sie sei sehr nervös und unkonzentriert in die Kirche gekommen, die Predigt sei an ihr vorbeigerauscht, aber ganz am Schluss habe sie der Segen wie ein Lichtblitz getroffen, und ein tiefer Friede sei in ihr eingekehrt – das Gefühl, gestärkt, getragen, gehalten zu sein. Und das durch ein kurzes und knappes Wort. Viele Worte zu machen ist nicht die Sprache Gottes!

Worte sind mehr als Schall und Rauch. Worte bewirken etwas, haben Macht. „Du schaffst das nie! Du bist und bleibst ein Versager!“ Solche Worte sind Killer; sie rauben einem jeden Mut. „Ich trau dir das zu!“ Oder gar: „Ich hab‘ dich gern!“ Wer so redet, baut andere auf, bringt sie zum Blühen. Die Lateiner hatten dafür ein eigenes Wort, benedicere, wörtlich: gut sprechen, ansonsten übersetzt mit segnen. Bene-dicere findet sich noch wieder in gebenedeit: Du, Maria, bist gebenedeit, bist gesegnet unter den Frauen.

Wir Menschen können den Segen, der von Gott ausgeht, eigentlich nur weitergeben. Nicht nur die Priester, sondern auch Väter und Mütter – und eigentlich jeder Glaubende. Ich weiß noch, wie meine Mutter mich segnete, das Kreuzzeichen auf meine Stirn machte, mich losziehen ließ unter dem Segen Gottes. Hier in Altena wird das ja sehr sichtbar und gepflegt: Segen auf dem Markt, Tier- oder Kräuter- oder Autosegen – alles das wird mit Gott in Beziehung gebracht. Oder Wohnungssegen, damit wir ein Zuhause haben, das von den „guten Mächten“ Gottes erfüllt ist, das uns Menschen an den Himmel erinnert und nicht an die Hölle.

Am wichtigsten ist der Segen über Menschen. Wir geben dann das Kernwort Gottes weiter und sagen es den Menschen auf den Kopf hin zu: Du bist von Gott gesegnet! Du bist von ihm geliebt! Die Liebe Gottes ist kein schönes gefühliges Gerede, son-dern ist ganz konkret: Du bist gemeint! Wirklich! Gerade Weihnachten ist Segenszeit, wir sagen dann ja auch „gesegnete Weihnachten!“ und nicht bloß „frohes geruhsames Fest“! Denn dann zeigt Gott sein Angesicht und rückt uns in dem Kind in der Krippe ganz nah. Der Segen wird vom Himmel auf die Erde geholt. In einem Stall, ganz am Rand der Gesellschaft, unter Hirten und armen Leuten, zwischen Ochs und Esel leuchtet der Segen, leuchtet wie die Engel.

Der uralte Aaronsegen, der in der Mosezeit vor allem den Priestern des Volkes Israel anvertraut wurde, will uns einen dreifachen Rückhalt geben:
– Gott schenkt uns Kraft, die Leben wachsen und gelingen lässt – besonders die Kraft der Hoffnung und Zuversicht. Er behütet uns, stellt uns unter Gottes Geleitschutz, schenkt innere Geborgenheit und bewahrt vor dem Bösen. Ein Schüler sagte einmal: „Es ist so, wie wenn man in einen warmen Mantel schlüpfen kann.“
– Gott wendet sich uns wohlwollend zu; er lässt sein Angesicht über uns leuchten – wie er das in Jesus getan hat. Ein leuchtendes Angesicht – ob wir es auch in anderen Menschen erfahren und erkennen können?
– Gott schenkt und wirkt Frieden. „La pace sia con tutti voi”, der Friede sei mit euch allen, das waren die allerersten Worte Papst Leos XIV an die Menschenmenge auf dem Petersplatz.

Zum Schluss ein Brief an das neue Jahr (von Paul Weismantel)

Du liebes neues Jahr 2026,
wie ein großes Fragezeichen stehst du heute vor mir. Dennoch will ich dich mit offenen Armen begrüßen und herzlich willkommen heißen! Mit der bunten Schar deiner großen und kleinen Kinder, den Monaten und Wochen, Stunden und Tagen kommst du uns entgegen. Hohe Festtage und geruhsame Sonntage werden den grauen Alltag mit seinen Werktagen immer wieder „höhepünktlich“ unterbrechen, manche Morgenstunde wird mich freudestrahlend anlächeln oder nachdenklich stimmen; manche Abendstunde wird mir leise zuflüstern: „Alles gut…!“
Vieles von dem, was du mir bringen wirst, ist heute noch völlig ungewiss. Beruhigend, dass ich es nicht weiß! Ich erwarte natürlich viel Schönes und Wunderbares, weiß aber sehr wohl, dass auch manch Schmerzliches und Trauriges dabei sein wird. Vor, bei und in allem wünsche ich mir die Grundkraft des Vertrauens, der Hoffnung und der Geduld.
Mit Gottes Hilfe und Segen kann ich alles getrost erwarten und gelassen bewältigen. So will ich zuversichtlich Ja sagen zu all dem, was auch kommen mag. Es wird schon werden!