(Un)heilige Familien

Predigt am 28. Dezember 2025

Zwei Millionen Frauen oder Männer ziehen in unserem Land ihre Kinder groß. Drei Millionen Menschen leben in nichtehelichen Lebensgemeinschaften zusammen. Hunderttausende Ehen und Familien brechen jährlich auseinander. Kinder zu bekommen ist ein Armutsrisiko geworden. Das sind Fakten, an denen man am Sonntag der Hl. Familie nicht vorbeikommt.

Die Familie hat im Leben der Kirche einen ganz hohen Stellenwert. Das Ideal einer „heilen Familie“ ist lange sehr hochgehalten worden. Die Kirche stemmt sich gerade in Familienfragen gegen viele neue Entwicklungen, tut sich mit ihnen schwer. Hing sie da einem Traum nach, der sich längst als Utopie erwiesen hat?

Was denken da die Partner, die miteinander im Clinch liegen: die Eltern, die nicht mehr wissen, wie sie mit ihren heranwachsenden Kindern umgehen sollen. Oder die Altgewordenen, deren Enkelkinder sich beim Weihnachtsbesuch mehr fürs Smartphone interessieren als für den Opa oder die Oma?

Gottseidank gibt es auch die andere Seite, immer noch. Die Freude der Großeltern über den ersten Enkel, das Leuchten in den Augen, wenn sie von ihm erzählen.
Oder: Eine junge unheilbar erkrankte Frau. Fast jeden Tag war ihre Schwester bei ihr. Sie sprachen über alles, und sie kamen sich so nah wie nie im Leben zuvor. Es waren glückliche Stunden mitten in der Qual, eine Freude mitten im Leid.
Oder: Der Vater, der seine drei Kinder nach der schmerzlichen Trennung von seiner Frau allein großzieht, ein Leben mit großen Einschränkungen, oft genug Stress pur, der nicht mehr viel übrig ließ an Kraft und Energie. Aber man kann spüren, wie stolz er auf seine Kinder ist (und ein wenig auch auf sich).

Nein, sie ist wirklich nicht rosig, die Lage vieler Familien. Und doch leuchtet immer wieder etwas auf in ihnen, das zum Kostbarsten gehört in unserer Welt: Menschen, unterschiedlichen Geschlechts und Alters, unterschiedlicher Herkunft und Prägung, manchmal auch unterschiedlicher Nation und Religion, leben da auf engstem Raum miteinander. Sie lieben sich, sie streiten sich auch, sie lachen miteinander und weinen, sie verletzen und heilen sich gegenseitig, sie stehen gemeinsam im Kampf des Lebens und erleben dabei Sieg und Niederlage. Sie helfen einander und nutzen manchmal einander aus, sie teilen Freud und Leid. Und wenn es hart auf hart kommt, kann man sich auf sie am ehesten verlassen. Sie teilen das Leben, wie es kommt und ist.
Familie ist ein Schmelztiegel des Lebens. Wo sonst wird das Leben ähnlich intensiv erfahren, erlitten und errungen? Familie hat eine große Leuchtkraft, und dieses Licht leuchtet in so vielen Farben, wie es Menschen gibt.

Auch das heutige Evangelium (Mt 2,13-23) wirft einen Blick auf die Familie – die „heilige Familie“. Und das ist keine Idylle. Das ist harter Stress! Sie kann sich ihren Weg nicht aussuchen. Die Räume der Freiheit sind gering – so wie bei vielen heutigen Familien. Die Sachzwänge wiegen schwer: zu wenig Geld. Probleme mit den Ämtern, z.B. dem Ausländeramt. Keine Oma in der Nähe, die mal auf die Kinder aufpassen kann. Drohende Arbeitslosigkeit. Hier bei Josef ist es die schlimmste Herausforderung: die Flucht. So etwas macht keiner freiwillig, nicht aus Lust und Laune. Josef wird in die Flucht geschickt – nach Ägypten und später zurück nach Israel: Josef, steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh – solange der schreckliche König Herodes lebt.
Wenn wir heute Bilder von Menschen und besonders Kindern auf der Flucht sehen (Es sind viele Millionen!), können wir daran denken, dass auch Josef, Maria und Jesus Flüchtlinge waren. Die Menschwerdung Gottes kennt sehr harte Phasen.

Aber so sorgenvoll uns vieles bei den Familien stimmen mag, so unverkennbar strahlt uns auch heute das Licht aus vielen Farben entgegen: In der Treue und Liebe vieler Eheleute, die mit ihren Kindern in verlässlicher Gemeinschaft zusammenstehen. In der Tapferkeit, mit der sich Alleinerziehende den Herausforderungen stellen. In der Freiheit und Achtung voreinander, die das Zusammenleben vieler Partnerschaften prägt. In der ehrlichen Auseinandersetzung mit sich selbst bei Menschen, deren Beziehung gescheitert ist. Gottes Geist weht, wo er will, und sein Licht leuchtet auch auf aus den zerbrochenen und unvollendeten Formen unseres Lebens. Sein Licht leuchtet uns überall dort entgegen, wo Menschen gut und aufmerksam miteinander umgehen.
Denn: Wo Güte und Liebe, da wohnt Gott.

Gott schenke und erhalte unseren Familien dieses Licht in allen seinen Farben.