Weihnachtspredigt 2025 „Jauchzet, Frohlocket…“
Heute singen wir. Singen Lieder wie „Heiligste Nacht“, „O du fröhliche“ oder „Stille Nacht“ – und das Herz geht uns auf. Im Singen kommt Weihnachten bei uns an. Bei einem Weihnachtskonzert für die Armen in
Rom sagte der kräftig mitsingende Papst Leo: „Singen – das ist wie eine Brücke, die hin zu Gott führt!“ Er hält die Musik für „eine Gabe Gottes, die Himmel und Erde verbindet.
Ohne Musik kein Weihnachten! Das wusste auch Piero della Francesca, ein Maler der Frührenaissance des 15.Jahrhunderts in der Toskana. In seiner „Geburt Christi“ (hier ein Ausschnitt davon) sehen wir im
Mittelpunkt fünf Engel, sie haben sich vor dem Stall aufgebaut und bilden eine kleine Musikcombo – mit zwei Lauten (die übrigens keine Saiten haben - aber für Engel ist das wohl kein Hindernis).
In der Weihnachtsgeschichte wird ja erzählt, wie die Engel den Hirten ein himmlisches Festkonzert geben. Unsere Engel hier sind allerdings sehr verhalten, nicht gerade „aus dem Häuschen“, der Maler liebt nicht
den gefühlsmäßigen Überschwang. Eine himmlische Pflichtübung? So wie Weihnachten für uns eine Pflichtübung sein kann: Geschenke kaufen, Gastgeber sein, Karten schreiben, Feiern vorbereiten?
Wechseln wir in die Musik! Und geben 260 Jahre dazu. Da finden wir dann die wirklich große Freude! Hören Sie sich jetzt mal für ein, zwei
Minuten in diese Musik herein.
In Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium (1734) geht es los mit Pauken und Trompeten: Und wie! Es ist, als käme die Musik direkt vom Himmel herab. Bach setzt bereits beim Auftakt einen Ton für das, was
Weihnachten bedeutet, und das Worte kaum fassen können…
„Jauchzet, frohlocket,
auf, preiset die Tage,
rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
stimmt voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
lasst uns den Namen des Herrschers verehren!“
Jauchzet? Frohlocket? Wissen wir noch, wie das geht? Frohlocken Sie schon mal? Wer spricht heute noch so? Aber der Wortlaut ist auch nicht wichtig. Es kommt auf den inneren Klang hinter den Worten an – auf die
Grundmelodie der Freude, die aus allen Tönen strömt! „Ich verkünde euch eine große Freude“, ruft der Engel den Hirten im Evangelium zu. In den 2000 Jahren seitdem hat sich die Freude nicht verflüchtigt; zu
Weihnachten kommt sie heraus aus ihren Verstecken, aus den Gewohnheiten des Alltags und der Überlagerung von Sorgen und Problemen. Hoffentlich! Endlich!
„Lasset das Zagen, verbannet die Klage.“ Immer wieder ruft der Chor uns das zu. Ein großer Einspruch, den wir da hören – ein Widerspruch gegen das Jammern und Klagen, den Hauptton in unserer Zeit.
Im letzten Jahr konnten wir im Fernsehen zu Weihnachten einen FilmM sehen (auch am letzten Montag, 22.12. wurde er gezeigt): „Bach, ein Weihnachtswunder“. Darin wird die Entstehung des Weihnachtsoratoriums
erzählt. Leipzig 1734: Der große Haushalt des Komponisten vibriert vor Aufregung. Den Bachs ist nicht nach „Jauchzet, frohlocket“ zumute – eher nach „Seufzet und klaget“! In allen Zimmern hängen meterweise
Notenblätter an Wäscheleinen. Bach, im Film sehr aufbrausend und ungeduldig, steht unter großem Druck. Einmal Zeitdruck: in zwei Tagen soll das Werk fertig sein. Und es ist noch so viel zu tun! Noch größer aber
ist der politische Druck: Bach ist abhängig vom Stadtrat, und der will von großen opernähnlichen Oratorien und Konzerten in der Kirche nichts hören. Der Stadtpfarrer hat auch protestiert: Es kommt auf das Wort
Gottes an, und auf die Predigt. Die soll doch nicht im Schatten der Musik stehen! Weg damit! Die Musik dient doch nur der Eitelkeit des Musikers! Bach, ein tieffrommer Mann, fühlt sich gründlichst
missverstanden. Für ihn wohnt Gott in der Musik, kommt in Tönen und Klängen zu uns Menschen – ganz weihnachtlich! „Wir müssen die Herzen der Menschen erschüttern und aufschließen, das Verstockte und
Versteinerte müssen wir aufbrechen. Meine Musik öffnet ihre Herzen für Gott,“ ruft Bach aus. Und er braucht lange, bis er seine Gegner überzeugt hat.
Seine zweite Frau, Anna Magdalena, eine Sängerin, hört das alles und ist tief traurig. Und: Sie ist wieder schwanger. Sieben Kinder hat sie schon verloren, und sie fürchtet jetzt um das Kind in ihrem Leib. Der
Vater, ganz konzentriert auf die Musik, bekommt von den Ängsten seiner Frau nicht viel mit. So haben sie alle in der großen Familie ihre ganz persönlichen Geschichten, stehen da als Menschen in ihren Ängsten und
Konflikten, Menschen auf der Suche nach Licht und Erlösung. Menschen wie wir. Das Jauchzen liegt einem da eher nicht auf der Zunge.
„Du lebst nur in der Musik, in deinem Heiligtum,“ sagt die Frau zu ihrem Mann. „Vergiss die Menschen nicht. Vergiss die Liebe nicht!“ Bach ist sehr betroffen davon. Vielleicht ist das die entscheidende Szene
im Film, der Wendepunkt. Nicht mehr nur allein das Heilige suchen, die Wahrheit, Gott – sondern es so machen, wie Er es gemacht hat, zu Weihnachten: Mensch werden, die Liebe in die Welt bringen, das Kind Jesus
Christus empfangen. Die Liebe macht das Heilige heilig. In diesen letzten zwei Tagen lässt Bach die Menschen in seinem Riesenhaushalt innerlich an sich heran, versucht, sich selber zu öffnen für sie.
Und so kann dann Bachs Werk wirklich das Weihnachtsgeheimnis ausdrücken, und es kann „gejauchzt und frohlockt“ werden. Nicht an den Menschen vorbei, sondern durch die Menschen hindurch, mit all ihren Nöten und
Sorgen.
Zwei von Bachs zahlreichen Kindern erfahren das nun wie zum ersten Mal: Sie fühlen sich gesehen vom Vater – und nicht mehr übersehen.
Einer der großen Söhne, Carl Philipp Emanuel, ebenfalls Musiker, ist zu Besuch gekommen. „Er vergeudet sein Talent“, findet der Vater, der ihn anfangs frostig empfängt. Er versteht nicht, dass der Sohn sich
freischwimmen musste – zu einengend ist die Autorität des Vaters, von dem der Sohn sich nicht gesehen fühlt. Aber der ungeliebte Sohn steht jetzt dem Vater bei – „Versöhnung“ muss doch möglich sein.
Und da ist – wie irrlichternd im Film – Gottfried, der jüngste Sohn, vielleicht 10 Jahre alt. „Schwachsinnig“ nennt man ihn. Nur selten bringt er einen Laut heraus, manchmal versteckt er sich in der Orgel, da
ist er der Musik ganz nah. Er kriegt alles mit, aber kann sich nicht ausdrücken. Als man sich dann zur Weihnachtsmette anschickt, fängt Gottfried plötzlich zu singen an – er, der mitleidig Belächelte! Ich steh
an deiner Krippe hier, o Jesu, du mein Leben – so singt er mit glockenhellem Sopran, und seine Familie fällt in den Choral ein: Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
Das ist das Weihnachtswunder – dass da jemand seine Stimme findet, ja das auch. Aber dass wir so vor der Krippe stehen können, wie wir sind – alles andere als perfekt, mit unseren dunklen Seiten geliebt und
angenommen – das ist Weihnachten.
Als dann das Oratorium zum ersten Mal in der Kirche erklingt, hält es den kleinen Gottfried nicht in seiner Bank. Glücklich und selbstvergessen tanzt der Junge im Mittelgang der Kirche, wiegt sich in den
Klängen, fast schwerelos, wie zwischen Himmel und Erde, ein Sinnbild des erlösten Menschen. Ja, „jauchzet, frohlocket.“ – Es ist doch möglich, selbst für alte Sauerländer, in seinem Herzen, geöffnet durch die
Musik, etwas zu spüren – von Gott, von seiner Liebe, von unserer Liebe, vom Licht. Zu Weihnachten – und für immer.