Die Suche nach dem Portemonnaie
Predigt am 21.12.2025
Der letzte Sonntag, der Tag Gaudete, war für mich kein Freudentag. Als ich morgens zur Messe nach Maria Königin fuhr, merkte ich, dass mein Portemonnaie nicht zu finden war, nicht in der Hosentasche und auch
sonst an keinem anderen Ort. Klar war: Es musste in der Wohnung sein. Mit anderen zusammen haben wir dann zwei Stunden nachmittags alles in der Wohnung abgesucht. Es ging um viel Geld, das Geld für
Weihnachtsgeschenke und für ADVENIAT, und es ging um sämtliche Kontokarten, Führerschein und Personalausweis. Wir fanden nichts. Mein Schlaf war sehr unruhig. Wo war das Geld? Hatten mich etwa Besucher
beklaut?
Am nächsten Morgen, ganz beiläufig, fast zufällig, klappte es dann doch mit Gaudete, mit der Freude. Meine Hose fühlte sich so schwer an. Ich fasste in die Gesäßtasche, die ich bis dahin nicht beachtet hatte.
Und da war das Portemonnaie, es war auf der ganzen Suche dabei gewesen, ich trug es am Körper, ich saß sozusagen auf meinem Geld, und ich hatte nichts bemerkt.
Die Rettung liegt oft so nah! Ich musste lachen. Und dann setzte gleich mein Predigergehirn ein, und ich dachte: Ist es mit Gott nicht so ähnlich? Wir suchen ihn überall, wir finden ihn nicht, – und er ist
bei der Suche dabei! Er ist dabei, wir denken, wir hätten ihn verloren, aber wir tragen ihn mit uns und in uns, wie den Schatz in der Gesäßtasche. Und merken es nicht.
Dieser verborgene Gott, er macht sich berührbar, zu Weihnachten. „Und das Wort ist Fleisch geworden - und hat unter uns gewohnt.“ So heißt es im Johannesevangelium. Und das Wort ist Fleisch geworden.
Bei „Fleisch“ sollte man nun nicht an einen Metzgerladen denken. Fleisch meint: Mensch. Und Mensch meint hier: vergänglich, sterblich, schwach. So einer wird Jesus. Kein starker Held wie in den alten
Göttersagen, sondern ein Armer, ein Wanderer – ohne festen Wohnsitz in der Welt. Am Anfang seines Lebens steht die Krippe, am Ende das Kreuz! „Der Hirte soll, wie Jesus, nach Schaf riechen“, sagte gleich zu
Anfang seines Wirkens Papst Franziskus. Man kann hinzufügen: „Und das Wort (Gottes) soll nach Erde riechen“ – soll also sein: konkret, nah an uns, geerdet, auf dem Boden. Es soll die Erde atmen, und uns
gleichzeitig einen Geschmack vom Himmel geben. Es soll Himmel und Erde miteinander verbinden.
Was sagt das Wort (Gottes)? Es sagt vor allem: Ich liebe dich! Es ist eine Liebeserklärung Gottes an uns Menschen, an jeden einzelnen von uns. An ein ganzes Volk – Israel – über alle Katastrophen hinweg, und
dann: an das neue Volk Gottes, das sich um Jesus Christus versammelt, und das heute so sehr in der Krise ist.
In Jesus ist diese göttliche Liebe erdnah, hautnah, anschaulich geworden. Sie ist in ihm „aufgeleuchtet“. Jesus ist das Wort Gottes in Sandalen. Nicht „ein bisschen Liebe“ geht von ihm aus – wie im Schlager.
Nein, es ist eine „totale“, ihn ganz ausfüllende Liebe mit verwandelnder Kraft. Darum feiern wir ja auch Ostern, Auferstehung, als das wichtigste aller Glaubensfeste. Weil Jesus als Mensch unter Menschen
lebte, konnten viele den unfassbaren Gott erahnen, erfahren, berühren, ihm begegnen.
Aber Gott kommt verborgen in ihm, geradezu diskret. Wir können ihn übersehen und überhören. Er zwingt uns nicht; er drängt sich nicht auf. „Das Wort hat unter uns gewohnt“, sagt die Bibel. Aber die
Welt „erkannte ihn nicht; die Seinen nahmen ihn nicht auf!“ Werden wir das Wort heraushören aus den vielen Wörtern, aus dem Riesenwortschwall der Welt und der Medien, den wir täglich hören? Aus dem
ganzen Weihnachtsrummel?
Ich wünschte, wir wären so konzentriert und gesammelt wie die Gestalt, die gerade im Evangelium erwähnt wurde: Joseph. Als Redner ist er nicht bekannt. Er hat eher zu den „Stillen im Lande“ gehört. Und er
hat viel zu verarbeiten! Ringend und fragend wendet er sich an den Herrn: Herr, hilf mir, dass ich verstehen kann, was hier geschieht, was Du uns zugedacht hast.
Josef wird im Evangelium ein Gerechter genannt. Das sind die, die ihr Leben an Gott ausrichten. Die, die die Wege Gottes gehen wollen und nach Seinem Willen fragen. In dem schweren Konfliktfall, der ihm
zugemutet ist (von wem stammt das Kind Mariens?) reagiert er gütig und menschlich. Er klammert sich nicht an den Buchstaben des jüdischen Gesetzes, das im Fall einer unehelichen Geburt die Ächtung, ja selbst
die Steinigung der Mutter erlaubt. „In aller Stille“ will er sich trennen, ohne Maria bloßzustellen. Will er sich zurückziehen.
Josef träumt. Träume sind in der Bibel Wege, wie Gott sich – oft durch einen Engel – den Menschen mitteilt. Josef hat wohl den großen Traum seines Volkes mitgeträumt – den Traum, die Vision von einem Messias,
der von Gott her kommt und sein Volk rettet, der es nicht „im Dunkeln sitzen lässt“. Wie ein strahlendes Licht wirkt der Messias für sein Volk. Er ist die Liebeserklärung Gottes an die Menschen. Und Josef ist
wie ein Werkzeug Gottes in dieser großen wunderbaren Geschichte. Er ahnt, dass auch die großen Messias-Träume wahr werden und in Erfüllung gehen können, dass sie also keine bloßen Wunschträume („Schäume“)
bleiben, die wir Menschen uns selber ausdenken. Josef nimmt das Kind, das so unfassbar angekündigt wird, als Gottes Geschenk in sein Leben auf.
In den Weihnachtsbildern wird Josef gern im Hintergrund oder am Rande dargestellt. Väter agieren sonst eher im Vordergrund; gerade damals „hatten sie das Sagen“, waren die Patriarchen, die großen Chefs. Josef
dagegen ist ein Hörender, der in sich hineinhört, der lauscht. Josef ist still und unscheinbar. Er schweigt. Er protestiert nicht lautstark, sondern vertraut Gott. Er gehört zu denen, die kein Aufsehen
erregen, sondern in Treue ihren Weg gehen und auf Gottes Kraft und Beistand bauen. Die erst Hörer und dann Täter sind. Ganz fürsorglich wird er später für die Familie da sein. Und er kann uns bis heute als
Vorbild gelten: wie er können wir die „Zumutungen Gottes“ annehmen, unsere eigenen Lebenspläne loslassen und den „Gott mit uns“ einlassen in unser Herz.