Mit Siebzig über Emmaus nach Jerusalem

Predigt am 22.04.2019 - Feier des 70. Geburtstages





























































"Opa, erzähl aus deinem Leben". Es gibt ein Buch mit diesem Titel. Es besteht nur aus Fragen, die ein Opa dann ausfüllt und beantwortet. Dabei zieht das eigene Leben an einem vorbei wie ein Film. Für meinen kleinen Enkel Emile habe ich das zu Weihnachten gemacht. Etliche Seiten musste ich allerdings überschlagen. Zum Beispiel: "Opa, wie hast du die Oma kennengelernt?"

So hat man Anlass, über sein Leben nachzudenken. Diese 60 oder 70 oder 80 Jahre, die man hinter sich hat. Die meisten Leute: "mit Oma", ich: ohne. In diesem merkwürdigen Beruf, in dem eine Oma bis jetzt nicht vorgesehen ist - dem eines katholischen Priesters. Ein Beruf, der, wie es scheint, in unseren Breiten langsam ausstirbt. Man müsste ihn "unter Artenschutz" stellen! Ich sage das mit einiger Wehmut. Nicht einen Tag in meinem Leben habe ich bedauert, diesen Beruf gewählt zu haben, oder besser: dieser Berufung gefolgt zu sein. Mir wurde eine Reise durch das Leben geschenkt - ein Geschenk, das ich mit größter Dankbarkeit betrachte. Mein Leben lief nicht nach einem fertigen Plan. Aber immer wieder wurden mir – unerwartet - Türen geöffnet. Immer wieder wurden Fügungen erkennbar, fügte sich etwas, fand sich etwas - oder jemand. Die kleinen und größeren Geschenke Gottes überraschten mich oft! Die eigene Lebensgeschichte schreibt niemand allein.

Auf meiner Lebensreise zeichneten sich ziemlich früh die beiden Themen ab, die mir am wichtigsten wurden: Gott und Mensch. In immer neuen Anläufen. Auf verschiedensten Reisestationen - in Essen und Bochum, in Altena und schließlich schon seit 30 Jahren in Lüdenscheid. Lüdenscheid ist mein Emmaus geworden - und mein Jerusalem! Viel unterwegs, immer ziemlich neugierig, eher unruhig, nie am Ziel, auch jetzt nicht, immer gespannt. Auf Gott und die Menschen. Auf Gott in seiner Vielfalt - und auf die Menschen in ihrer Vielfalt. Junge und Alte. Ruhrgebietler, Sauerländer, Polen, Italiener, Afrikaner. Mayas aus Guatemala. Schließlich in den letzten drei Jahren die Eritreer. Da kommt schon einiges zusammen - an Menschen. Aber auch an Gott!

Wie geht man den Weg Richtung Gott? Wie geht man "himmelwärts"? Gibt's da einen direkten Weg? Eine Schnellstraße - an den Menschen vorbei? Bloß keinen Umweg über die Menschen? Ich glaube nicht. Ich bin ihn jedenfalls so nicht gegangen. Meine eigene Erfahrung damit - je älter ich werde, umso mehr - findet sich in dem Wort:

Ich suchte Gott - und fand ihn nicht.
Ich suchte mich selbst - und fand mich nicht.
Ich suchte den Nächsten - und fand alle drei.


Noch prägnanter der heilige Augustinus: "Geh durch den Menschen, und du ge-langst zu Gott!"

Ich muss gestehen, dass ich mich manchmal beim Nächsten, etwa bei einem Möbeltransport mit den Eritreern, Gott näher fühle als in großen festlichen und prächtigen Ereignissen - einem Pontifikalamt oder im Petersdom. Manchmal, nicht immer.

Jeder hat seine Weise des Glaubens. "Es gibt so viele Zugänge zu Gott, wie es Menschen gibt," schrieb erstaunlich großzügig Josef Ratzinger, Papst Benedikt XVI. Schwer tue ich mich mit Menschen, die so tun, als hätten sie den vermeintlich einzigen Zugang zu Gott gepachtet, Leute, die ganz genau Bescheid wissen über ihn. Aber Gott ist verborgen, bleibt immer Geheimnis! Gott ist kein Standpunkt, keine Ideologie. Nicht statisch. Nicht einer, der auf dem Himmelsthron sitzt. Ich finde, Gott sitzt nicht - er geht! Er läuft z.B. mit nach Emmaus. Für mich ist der Gott des Evangeliums immer in Bewegung - hin zu den Menschen. Zu Gläubigen und Zweiflern und Ungläubigen! Gott selbst geht einen Weg - menschenwärts! "Doch in den Menschen willst du wohnen, mit ganzer Kraft uns zugetan," singen wir in einem Lied.

Davon erzählt die Bibel durchgehend. Seit dem alten Abraham ist Glauben das Gehen eines Weges. Mit Gott und auf ihn zu. Meine Mitbrüder hier, die mit mir geweiht wurden, erinnern sich an unseren gemeinsamen Weihespruch:

"Im Glauben gehorchte Abraham, als er den Ruf Gottes hörte - und er wanderte aus, ohne zu wissen, wohin er ging!"

Ja, er brach auf - mit seinen 70 oder 80 Jahren. Brach auf aus dem Trott, aus den reinen Gewohnheiten des Lebens, aus dem Immergleichen und zog ins Neuland, wo noch keiner war. Damals gab es schon ein Navi: Abrahams Navi, sein Kompass, war die Stimme Gottes in ihm.

Neuland liegt auch vor uns - Neuland, wo noch keiner war. Zukunft mit vielen Fragezeichen. Eine neue, jetzt noch nicht ganz deutliche Art, Kirche zu sein. Dahinein muss man selbst gehen - man "darf sich nicht gehen lassen": eine große Herausforderung für Leute mit grauen und weißen Haaren! Und mit dem Schwergewicht der Vergangenheit.

In unserer Kapelle hängt das wichtigste Bild meines Lebens: das Bild von Jesus, dem Mitgeher. Nun, ich möchte meinerseits versuchen, ein Mitgeher Jesu zu sein. Wie er eine Art "Pilger", menschenwärts. Hin zu den Menschen - und dadurch: hin zu Gott, himmelwärts. Himmelwärts, menschenwärts - das hängt so eng zusammen! So eng wie zwei Seiten einer Medaille. Und beide Richtungen verdichten sich und kommen zusammen in einem Namen: Jesus Christus. In ihm ist Gott wirklich in uns Menschen angekommen. Und in ihm und durch ihn kommen wir Menschen im Reich Gottes, im Himmel an.

Davon erzählt die Emmausgeschichte. Mein Lieblingsevangelium! Was für ein Glück, den eigenen runden Geburtstag mit dieser Geschichte verbinden zu können!

Mit den Einzelheiten der Geschichte muss ich mich jetzt zurückhalten. Nur ganz kurz: Christ - das ist kein Nur-für-sich-Sein. Zwei oder drei müssen da mindestens zusammenkommen: der Keim einer Gemeinschaft. Ein Gespräch ist im Gang, in das der unbekannte Fremde, Jesus, sich einmischt. Er mischt sich auch in unser Reden heute ein und kann uns aus unserer Ratlosigkeit und Sorgenlast herausführen durch die Hoffnung, die aus der Osterbotschaft stammt. Sich ins Reden einmischen - machen wir es wie er! Da zündet es denn auch in den beiden Jüngern, ihre Herzen "brennen"- und der heutige eher ausgebrannte "Burn-out-Christ" schaut sehnsüchtig auf die Glut von einst. Beim Brotbrechen ist der bis dahin Fremde nicht länger fremd und anonym. Die Jünger erkennen ihn an dieser Geste, und die Eucharistie ist fortan das große Erkennungszeichen für Jesus: für den einen, der sich selbst verschenkte, in einer Liebe ohne Grenzen. Seine sichtbare Gestalt kann dann auch entschwinden, denn seine Liebe bleibt!

Der Weg nach Emmaus, das ist eigentlich der Weg zur Kirche. Gespräch, das Wort Jesu hören, brennendes Herz, ein gedeckter Tisch, Wegstärkung, und er - Jesus - als Gastgeber.

Aber das allein war's noch nicht. Für mich das Tollste an der Geschichte: Mitten in der Nacht laufen die beiden Jünger 12 km zurück nach Jerusalem! Zurück zum Ausgangspunkt. Die beiden Jünger sagen nicht: "Da haben wir aber gerade eine wunderbare geistliche Erfahrung gemacht! Der Himmel war uns gnädig! Wir können uns glücklich und zufrieden in Emmaus schlafen legen!" Nein, sie sagen: "Die anderen in Jerusalem müssen es erfahren - jetzt!" Sie denken an die anderen und haben offensichtlich etwas von der großen Liebe kapiert. Und gehen wieder los, brechen auf hinein in die Nacht. Zu den anderen. Nach Jerusalem. In die heutige Welt.

Die kleine Hauskirche in Emmaus macht sich auf - zur Welt. An die Hecken und Zäune, wie Jesus und Papst Franziskus sagen. Bricht auf in der Dunkelheit - und sucht die Suchenden und Verunsicherten. Und tritt neu ein ins Gespräch. Nicht in einen kirchlichen Monolog, sondern wirklich ins Gespräch, auf Augenhöhe. Das kann spannend werden!

Emmaus ist auch nur eine Station des Gesamtwegs. Und die Kirche ein Werkzeug Gottes, nicht mehr. Das Ziel ist Jerusalem. Gottes Ziel ist die Welt. Gott geht menschenwärts. Das Ziel ist der Mensch. Und ist das Ziel wirklich erreicht, der Mensch, Gottes Schöpfung, dann wird es himmlisch in Jerusalem.

Das möchte ich noch miterleben: das himmlische Jerusalem!