Wie kommt der Mohr in die Krippe?

Predigt am Dreikönigstag 06.01.2019

Als ich ein Kind war, faszinierten mich an der Krippe besonders die drei Könige, meist in prächtigen Gewändern und großem Auftritt. Besonders der "Mohr" hatte es mir angetan. Ich weiß, heute darf man das Wort kaum sagen, - man könnte für einen Rassisten gehalten werden. Egal. Der Mohr war so richtig exotisch! Eine andere fremde Welt! Sie hatte mit unserer wenig zu tun. In meiner Kindheit lief in Essen kein Afrikaner durch die Straßen. Meine Mutter sagte später, sie hätte erst mit über 60 den ersten Afrikaner mit eigenen Augen gesehen. Sie wäre sicher höchst erstaunt darüber, dass es in ihrer Familie später einen afrikanischen Enkel gibt!

(Kleiner Einschub: Die Fürstäbtissin des Stiftes Essen hatte im 18. Jahrhundert einen Leibmohr. Das war unter den Regierenden damals groß in Mode. Ein Afrikaner, der irgendwie nach Europa verkauft worden war, namens Ignatius Fortuna. Die Äbtissin behandelte ihn sehr gut, er hinterließ kostbare Damastroben und 600 Taler, damals viel Geld. Er starb, allein und ohne Familie, als geachteter Bürger 1789 in Essen-Steele. Aber wie mag er sich wohl gefühlt haben - als einziger Afrikaner weit und breit?)

Als Jesus geboren wurde, hat sich ein schwarzer König über die Krippe gebeugt. Damals, im abgelegenen Bethlehem. Die andere, die exotische Welt Afrikas und des Orients kam sozusagen ins Haus, in den Stall, und gehörte nun dazu. Das heißt: Dieser Jesus ist für alle geboren, ist für alle da. Für Weiße und Schwarze, für Juden und Heiden. Rassen interessieren Gott offensichtlich nicht besonders! Sie sind bei ihm kein Gesichtspunkt, um die Menschheit in gut oder weniger gut einzuteilen. Das Evangelium denkt universal, denkt an alle und für alle. Der Rassismus, der leider heute in Europa wieder schwer im Kommen ist, ist für einen Christen jedenfalls ein Unding.

Aber in der Bibel steht doch gar nichts vom schwarzen König, sondern nur von Sterndeutern, die dem Stern folgen? Stimmt! Dass einer von ihnen schwarz ist, das hat sich das gläubige Volk im Mittelalter ausgedacht - mit der großartigen Intuition, zu der das Volk fähig ist. Die Leute wollten damit sagen: Dieses neugeborene Kind Jesus geht wirklich alle an - alle Menschen in den damals bekannten drei Erdteilen: Europa, Afrika und Asien. Und da außerdem von drei Geschenken die Rede ist, die sich eigentlich nur Fürsten und Könige leisten konnten - Gold, Weihrauch und Myrrhe -, war es bald ausgemacht: Aus den Sterndeutern, den Weisen aus dem Morgenland, den Magiern wurden die heiligen drei Könige.

Gut vorbereitet ist das alles schon im Alten Testament. Jesaja malt ein großartiges Bild. Er spricht davon, dass in der Endzeit, wenn Gott kommt, alle Völker zum Berg Zion nach Jerusalem eine Wallfahrt machen. Eine Völkerwallfahrt! Jerusalem ist da wie ein Anziehungspunkt - ein Magnet, wie ein Leuchtturm, der alle anzieht. "Dromedare kommen aus Midian und Efa", aus den Wüstenstädten, und "aus Saba", dem heutigen vom Krieg schwer heimgesuchten Jemen. Sie "bringen Weihrauch und Gold und verkünden die Ruhmestaten des Herrn," so heißt es bei Jesaja in der Lesung.

Matthäus ist der einzige Evangelist, der die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland erzählt. Das jüdische Erbe ist ihm sehr wichtig, aber die Öffnung zur Welt der Heiden auch, wie sie vor allem Paulus betreibt. Juden wie Heiden - "alle sind eins in Christus", ist einer der kühnen Sätze des Völkerapostels. Matthäus drückt es auf seine Weise aus: In Bethlehem fängt die von Jesaja erwartete Endzeit an. Gott kommt in dem Kind Jesus zur Welt. Der "Leuchtturm" geht sozusagen "in Betrieb"! Das Dunkel, das wie eine Decke über den Völkern liegt, endet: "Über dir geht leuchtend der Herr auf - Völker wandern zu deinem Licht!" Das Licht strahlt über Israel hinaus. Es ist nicht exklusiv für die frommen Juden, sondern für alle: "ein Licht zur Erleuchtung der Heiden". Man könnte sagen: Am Volk Israel hat Gott seine Liebe zu den Menschen "ausprobiert", durchgespielt - und die ganze Welt soll sehen, dass auch ihr diese Liebe gilt. "Ein Licht zur Erleuchtung auch der heutigen Heiden", die den Wegen Gottes fremd und nicht interessiert gegenüberstehen. Darum kommen bei Matthäus die Magier, die Vertreter der Völker und der drei Kontinente, zur Krippe: Dieses Kind ist da nicht nur für Samuel, Jakob und Rebecca, sondern auch für Achmed, Ali und Mustafa - und auch für Kevin, Samantha und Jolina heute - kurz: für alle, die noch einen Blick haben für das Licht in ihnen, vor ihnen und über ihnen.

Matthäus endet mit den Worten des auferstandenen Jesus an seine Jünger: "Geht hinaus in alle Welt!" Nicht als Touristen, sondern als Boten, die das Licht bringen. Anfang und Ende des Evangeliums weisen in dieselbe Richtung: "Mache dich auf und werde Licht!"

Mach dich auf, sagen die Weisen aus dem Orient. Wir haben das auch getan. Wir bringen die Weisheit unserer Völker mit. Aber die Weisheit kommt nie an ein Ende. Wir forschen und suchen immer weiter. Wir sind wie die modernen Suchenden: immer unterwegs. Mit einer Sehnsucht - nach Gott, nach dem Messias -, die immer auf der Suche ist. Wir folgen dem Stern der Erkenntnis. Und der Stern führte uns auf einen Weg. Unsere Suche ist nicht blind, sondern "geführt". Man muss nur einen Blick haben für den entscheidenden Stern unter allen Sternen, Stars und Sternchen dieser Welt. Sodann den Mut, ihm zu folgen. Und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Von dem Stall, von dem Kind, von all dem, was man niemals erwartet hätte. Vom Gott im Kleinen. Vom Gott, der dir ganz nah ist!