Immer die Liebe ...

Predigt am 04.11.2018

Liebe: Das Wort ist so abgedroschen, und dennoch blüht es auf: Ich liebe es, so warb McDonalds und meinte seine Hamburger. HDL, hab dich lieb, so enden viele Emails und Kontakte übers Internet. Die Schlager hören nicht auf, von der Liebe zu singen. Und da wird gekuschelt und geknuddelt, was das Zeug hält! In kalten Zeiten ist das in jeder Hinsicht eine Wärmequelle.

Liebe, die reine Emotion. Ein Wort, das unsere Gefühle weckt. Zärtlichkeit, Umarmungen. Aber kann man die ganze Welt umarmen? Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Und Gott noch dazu? Haben so viele Platz in unserem Gefühlshaushalt? Natürlich nicht. Gefühlsmäßig sind wir sehr begrenzt. Es mag reichen gerade für den Partner, für die Kinder, für Freunde und Verwandte. Dann geraten wir gefühlsmäßig mit der Liebe auch schon aus der Puste.

Und jetzt die Bibel: Die scheint keine Grenze zu kennen mit der Liebe. Ich werde eingeladen, Gott zu lieben und den Nächsten, d.h. alle Welt, und mich selber natürlich auch - das vergessen übrigens viele! Die Selbstliebe ist ein Kern der Liebe. Aber damit nicht genug: wie Jesus sagt, soll ich sogar meine Feinde lieben! Wie soll das denn gehen? Soll ich denen, die mir das Leben zur Hölle machen, zum Dank dafür noch um den Hals fallen? Ist das Liebesgebot der Bibel nicht eine riesige Überforderung?

Ja. Allerdings nur, wenn man Liebe immer nur als Gefühl nimmt, als ständiges "Schmetterlinge im Bauch". Wenn man Liebe immer nur romantisch und erotisch versteht. Wenn man von Liebe immer nur so spricht wie bei einer Hochzeit. Da steht die Nächsten- oder gar die Feindesliebe natürlich auf einem anderen Blatt. Jesus hat nie gesagt: Du sollst dem Nächsten oder gar dem Feind zärtlich um den Hals fallen. Liebe ihn wie dich selbst. Das könnte heißen: Nimm ihn ernst, so wie du selber ernst genommen werden möchtest. Sieh auch ihn als Geschöpf Gottes. Entscheide dich dafür, nicht die Gräben zu vertiefen, sondern Brücken zu bauen. Halte dich offen für Versöhnung, versuche den ersten Schritt. Alles das: soweit wie du kannst.

Wie weit kann ich das denn? Hier kommt nun Gott ins Spiel. Nicht zunächst meine Liebe zu ihm. Vielmehr seine Liebe zu mir! Das ist nun sozusagen der Nagel, an dem alles in der Bibel hängt: Dass Gott einen Namen hat - Jahwe - d.h.: "Ich bin da für euch!" Er nennt sich so. Und er ist so. Viele Menschen haben ihn so erfahren. Die ganz großen Gestalten der Nächstenliebe, wie z.B. Mutter Teresa, lebten aus dieser Erfahrung. Sie tranken sozusagen immer wieder aus dieser göttlichen Quelle. Mutter Teresa sagte einmal: "Eigentlich bin ich nur ein Spiegel, der das Licht, die göttliche Liebe, nicht für sich behält (das tut ein Spiegel nie!), sondern weiterstrahlt, abgibt an die anderen." Ihr unglaublicher Einsatz für die Armen in Kalkutta und in aller Welt war nur möglich, weil sie sich selber geliebt sah. Sie spürte diese Liebe nicht immer, es gab auch bei ihr lange Zeiten der inneren Dürre, Trockenheit und Gottesferne. Aber was sie in den Phasen lebendiger Gottesnähe aufgesaugt hatte wie ein Schwamm, das war ihr Fundament geworden. Sie wollte nicht nur lieben, sie konnte es auch! Wenn man sich selber geliebt und getragen weiß, dann wird man selber fähig zur Liebe.

Wie werden wir frei zur Liebe, dass sie keine lästige Pflicht, kein bloßes Gebot und keine Überforderung ist, sondern ganz frei aus dem Herzen kommt?

Vielleicht, indem wir nachspüren, wie sehr wir selber geliebt sind. Ich kann die liebevolle Handschrift Gottes in meinem eigenen Leben erkennen. Das Beste in meinem Leben kommt nicht von mir, sondern von ihm. Im Evangelium zitiert Jesus ein großes wichtiges Wort aus dem Alten Testament: "Höre Israel! Der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr." Seine Herrschaft ist nicht wie die Macht der Herrscher sonst, die mächtig sind auf Kosten ihrer Untertanen. Gott wirkt nicht "auf Kosten", sondern "zu Gunsten" der Menschen! Zu unseren Gunsten. Das nennt man Gnade, oder eben: Liebe. Immer: Für euch! Mein Leib, hingegeben für euch! Daran dürfen wir uns immer wieder erinnern und werden auch in jeder heiligen Messe darauf gebracht: Höre, Israel!

Höre, Christ in St. Medardus! Denn mit dem Hören beginnt die Liebe. Ich höre hinein in das Leben, in mein eigenes Leben, in das der anderen. Ich höre, was sie sagen oder auch nicht zu sagen wagen. Ich höre und möchte nicht um mich selbst kreisen, sondern mich den anderen öffnen. Ich höre auf Gottes Wort und lasse es nachklingen. Und so kann denn durch Hören mit dem Herzen die Liebe wachsen - "mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allen Gedanken und aller Kraft". Die Liebe zu Gott und dem Nächsten. Beides gehört zusammen und steht nicht im Verhältnis der Konkurrenz: Was ich dem Nächsten gebe, nehme ich Gott nicht weg! Liebe zum Nächsten ist auch Liebe zu Gott und seinen Absichten. Beides, Gottes- und Nächstenliebe, zielt in dieselbe Richtung: hin zum anderen. Das Kreisen um mich selber ist mir dann zu wenig. Ich suche mehr als mich. Ich suche und brauche den ganz anderen: Gott. Ich suche und brauche den Nächsten. Er ist wie ich, Schöpfung Gottes, und er braucht mich. Und so wird in dieser Liebe das Leben "rund" und erfüllt.