Allerheiligen

Predigt am 01.11.2018

Eine Szene im Religionsunterricht. 3. Schuljahr! Es geht um die Heiligen - und um den Himmel. Wie wird einer ein Heiliger? Muss er etwas Besonderes getan haben? Aber was ist dann mit denen, die so gar nichts Besonderes aufweisen können, die nicht so "heilig" waren, die immer wieder auch Böses getan haben? Wo werden die sein? Da gab ein Junge nach einigem Nachdenken diese Antwort: "Ach, die werden sicher auch im Himmel sein - nur: die müssen dann ein bisschen mehr arbeiten als die anderen: Putzen; Kartoffel schälen, aufräumen und so ..."

Ist das nicht wohltuend, dass ein Kind ein so gutes Vertrauensverhältnis zu seinem Gott hat? Dass es seinem Gott zutraut, dass er auch mit Sündern zurechtkommt, sogar gut zurechtkommt? Ein Gott, der so viel Liebe in sich hat, dass er Sünder nicht zum Teufel jagt, sondern Platz für sie hat in seinem Himmel. Auch wenn sie, wie das Kind meint, dort dafür noch etwas "abarbeiten" müssen! Schöner kann man es kaum formulieren: Ein Himmel, in dem Platz ist für alle. Und ein Gott, der keinen ausschließt von seiner Liebe: genau das ist es, was wir heute miteinander feiern.

Keiner wird zum Teufel gejagt! Das ist auch die Botschaft der Lesung, aus dem Buch der Offenbarung. Da ist von den 144.000 Menschen die Rede, die da in ihren weißen Gewändern vor dem Thron stehen. Es sind die Geretteten. Es sind die Erlösten. Es sind die Heiligen.

144.000. Man könnte einwenden: Mehr nicht? So viele Milliarden Menschen hat es schon gegeben, eine unvorstellbare Zahl - und dann nur so wenige am Ziel? Gerade mal die doppelte Einwohnerschaft von Lüdenscheid. Was ist mit all den anderen? Sind die dann vielleicht doch noch woanders gelandet und zum Teufel gegangen?

Nun, diese Zahl 144.000 ist nicht das Endergebnis einer Art "Volkszählung" für die himmlische Bevölkerung. Nein, diese Zahl enthält ein Versprechen, eine Verheißung. Wer die Bibel kennt, der weiß, dass er im Himmel anders rechnen muss als hier auf der Erde - und dass er vor allem mit Gott rechnen muss!

Zwölf - das ist die Zahl der Stämme Israels. Damit ist das ganze Volk Israel gemeint; kein Teil und kein Stamm fehlt. Und 1000, das ist die Zahl der Fülle und der Überfülle. 12 mal 1000, das ist also schon "ganz Israel" in Überfülle. Niemand fehlt von denen, die dazu gehören wollen und sollen. Und wenn wir zwölf mal zwölftausend nehmen, dann haben wir die Zahl 144.000. Überfülle mal Überfülle, wenn wir mit Gott rechnen! Da kommen wir nicht ans Ende mit dem Zählen.

Und diese 144.000 sind nur die Vorhut derer, die um den Thron stehen. Die anderen, die da noch folgen, sind schon gar nicht mehr zu zählen. Und die kommen aus allen Völkern und Nationen, Stämmen und Sprachen. 12 mal 12.000 und dann noch die "Unzähligen" - das heißt in der Bibel: alle! Rettung für alle! Denn die Rettung kommt ja nicht aus unseren eigenen guten Taten heraus, weil wir immer alles richtig gemacht hätten - nein, die Rettung kommt ganz allein von unserem Gott, der,wie es im Text heißt, "auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm".

Das ist der wichtigste Satz in unserer Lesung: Die Rettung kommt von Gott, und sie gilt denen, die "aus der großen Bedrängnis kommen". Bedrängnis damals und manchmal auch heute durch Verfolgung. Bedrängnis durch Glaubensnot, Anfechtungen, Zweifel und Unsicherheit. Bedrängnis durch unsere Grenzen, durch unsere geistliche Armut und alle Gefährdungen. Bedrängnis, weil wir Menschen sind! Bedrängt - und gerettet! Die Rettung kommt durch das Blut des Lammes, in dem die Geretteten ihre Kleider weiß gewaschen haben. Ein eigenwilliges Bild: Weiß werden, rein werden im roten Blut des Lammes! Und deshalb feiern wir heute nicht so sehr die herausragenden menschlichen Leistungen ganz besonderer Menschen (der Heiligen), sondern die Rettung durch Gott! Wir feiern nicht nur die großen Namen: Maria, Franziskus, Elisabeth von Thüringen, Oscar Romero und wie sie alle heißen - zu Allerheiligen feiern wir auch die anderen, die Unbekannten, die vielleicht in den Heiligsprechungsprozessen durchfallen würden. Wir feiern die, die nach unseren menschlichen Maßstäben - und nach der Meinung des erwähnten Schülers - "vielleicht noch ganz lange putzen, Kartoffel schälen und für die anderen aufräumen müssen". Wir feiern die, die angewiesen sind auf die Rettung durch Gott - und sie werden gerettet, nicht, weil sie so gut sind, sondern weil er so gut ist! Weil er sie liebt.

Wenn Paulus einen Brief an die jungen Gemeinden schrieb (z.B. nach Korinth), dann begann er meist mit der Adresse: An die Heiligen in Korinth. Und dann wussten die Menschen dort: Wir alle sind gemeint! Sie wussten es - auch wenn sie nicht gerade heiligmäßig gelebt hatten, auch wenn sie Sünder waren. Sie schauten nicht auf ihre eigenen Verdienste und Leistungen, sie schauten überhaupt nicht auf sich selbst, sondern sie schauten auf Gott, von dem sie sich durch und durch geliebt wussten: er hat sie berufen, er hat sozusagen sein Siegel, seinen Stempel auf ihre Stirn gedrückt mit der Aufschrift "Du gehörst zu mir", er hat sie in seine Gemeinschaft, in seine Familie aufgenommen. Und nur das macht heilig.

Und so wünsche ich Ihnen allen die Freude daran, dazuzugehören, die Freude über das Siegel der Taufe, wünsche Ihnen ein frohes Allerheiligenfest - Ihnen, den Heiligen, die hier sind.