Eherecht im Munde Jesu

Predigt am 07.10.2018

Ist es einem Mann erlaubt, seiner Frau die Ehe aufzukündigen? Ehescheidung ist nicht erst eine Frage und eine Not unserer Tage. Auch vor zweitausend Jahren schon, in biblischen Zeiten, wurden Ehen geschieden. Wir haben gehört, wie im Evangelium die Pharisäer mit einer Fangfrage kommen. Sie hoffen, dass sie Jesus "hereinlegen können", dass er sich in Widersprüche verstrickt zum überlieferten Gesetz des Moses. Mose hatte nämlich dem Mann erlaubt, seiner Frau ein Scheidungspapier auszustellen und sie damit aus dem Haus zu schicken. Das war immerhin ein kleiner Fortschritt zu noch älteren Zeiten, wo die Scheidung ganz formlos ging, ohne ein Gericht, ohne irgendein Papier. Es reichte das bloße Wort des Mannes. Ich will dich nicht mehr! Die Frau wurde dabei nicht gefragt. Es war ihr unmöglich, auf ähnlich einfache Weise ihren Mann loszuwerden. Sie hatte keine Rechte. Es herrschte einseitiges Männerrecht. Man darf sich sicher fragen, ob das alles dem Willen Gottes entsprach.

Und da sagt nun Jesus etwas Kühnes. Nein, das ist nicht der Wille Gottes! Auch wenn es in der Bibel steht! Der Scheidungsbrief ist keine göttliche Urkunde, auch wenn er von Mose genehmigt ist. Er ist eine Konzession, ein Zugeständnis an die Schwäche, an die Herzenshärte der Menschen. Eine Konzession, die Gesetzgeber immer wieder machen müssen, um "auf dem Teppich zu bleiben" angesichts der realen Lage der Menschen. Nichts gegen Mose - aber alles gegen die Behauptung, dieses Zugeständnis des Moses, die Scheidungsurkunde, sei Gottes Wort und Gottes Wille!

Wir erleben hier also einen Jesus, für den nicht jeder Buchstabe und jedes Wort der Heiligen Schrift denselben Rang und Wert hat. Jesus wagt es, zwischen Gotteswort und Menschenwort in der Bibel zu unterscheiden. Dem Zugeständnis des Moses stellt er zwei Worte aus dem Schöpfungsbericht der Bibel gegenüber. Die beiden Worte drücken für Jesus den reinen Willen Gottes aus: dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat - und dass er sie in der Ehe zu "einem Leib", zu einer Gemeinschaft und Einheit zusammenfügt.

Und dann dagegen die Wirklichkeit: die reine Herrschaft des Mannes! Aber hier führt uns Jesus aus dem Hin und Her zwischen Mann und Frau hinaus, führt uns hinaus aus allen Geschlechter- und Rollenkämpfen. Das Vorrangdenken zugunsten des Mannes ist wie weggewischt. Weder der eine noch die andere sind zur Vorherrschaft bestimmt. Gottes Wille ist eindeutig das Miteinander, das Füreinander der Geschlechter auf allen Ebenen: zu Hause, im Beruf, in der Öffentlichkeit. Ja, auch in der Kirche! Die Kirche muss da noch einige Hausaufgaben machen! Miteinander, Füreinander natürlich vor allem in der Ehe: "Somit sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Leib. Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen!"

Jesus war sehr sparsam mit Aussagen über die Ehe. Da kam nicht viel von ihm. Dies ist das einzige Wort, das er zu diesem so wichtigen Thema der Ehe gesagt hat. Die Kühnheit und die Kraft dieses Wortes hat man lange übersehen. Es war bequemer, vor allem für die Männer, auch im Christentum das damals allgemein Übliche einfach nachzubeten: der Mann hat das Sagen. Er befiehlt, und die Frau gehorcht. (Wiewohl es in der häuslichen Realität oft eher nach dem Motto ging: Der Mann ist das Haupt, und die Frau ist der Hals, der das Haupt dahin dreht, wohin sie ihn haben will!)

Für Jesus jedenfalls sind die beiden gleichberechtigte Partner, die sich in ihrer Verschiedenheit ergänzen. Das alte Bild von der Rippe, aus der die Frau in der Schöpfungsgeschichte geformt ist, will sagen: Sie liegt dem Mann am Herzen - wie die Rippe. Ein sehr persönliches Bild! Die Frau ist niemals ein Objekt, über das der Mann verfügen kann. Damals galt sie als Besitz - wie die Wohnung. Aber mit einem Objekt kann man nicht eins werden. Und dahin zielt die Ehe: dass zwei freie Menschen eins werden!

Wie groß hat Gott die Ehe entworfen! Wie gut meint er es mit uns, dass er uns Freiheit und Eins-Sein zutraut! Doch wie kläglich und kümmerlich können Menschen immer wieder diesen großen Entwurf verpfuschen! Nein, es soll jetzt nicht das übliche Klagelied angestimmt werden über den heutigen Familienzerfall, Scheidungen und Unmoral. Eher ein aufrichtiges Nachdenken, was in den "ganz normalen Ehen" neben der Liebe und dem Miteinander auch da ist an Sprachlosigkeit, Machtkämpfen, Resignation und Aneinander-Vorbei.

Wir Menschen sind heilungsbedürftig, auch in den Ehen. Da hilft keine Schönfärberei oder Ausmalung heiler Ehewelten. Viele Ehen schreien nach Heilung, nach Genesung, nach Neuwerdung, nach Vergebung und innerem Frieden. Und doch bleibt Gottes Entwurf und Gottes Wort von der Ehe in Kraft. Jesus Christus steht dafür ein, steht ein für Gottes Treue. Sie ist stärker als unser Versagen, Scheitern und Auseinandergehen. Diese Treue Gottes zu unseren so oder so "angeschlagenen" Ehen, die Jesus hier verkündet, das ist das Evangelium, die frohe Botschaft für alle, die in Ehen leben. Und die Hoffnung auf Barmherzigkeit für alle, die diesen großen göttlichen Entwurf nicht leben können.