Bei einer ökumenischen Trauung

Predigt am 06.10.2018 in der evangelischen Kirche Wiblingwerde

Euer Trauspruch ist zwar nicht aus der Bibel - aber sehr christlich:

Die Liebe ist wie das Leben selbst - kein bequemer und ruhiger Zustand - sondern ein großes, ein wunderbares Abenteuer. Lieben heißt zum anderen sagen: Du wirst nicht untergehen. Dieser Spruch hat Euch offensichtlich sehr angezogen, und mir ist es dann auch so gegangen. Vor allem die beiden letzten Worte klingen in mir nach: Nicht untergehen.

Nicht untergehen, nicht "baden gehen": Wir treffen so oft eine Untergangsstimmung an - im Blick auf das Ganze, auf die Zukunft, auf den Gang der Welt. Hier ist es so wohltuend anders: Du wirst nicht untergehen! Sagt Gabriel Marcel - in meiner Jugend war er bekannt: ein französischer Existenzphilosoph, ein alter, kleingewachsener Mann, ein gläubiger Christ. Das wichtigste und häufigste Wort bei ihm heißt: Hoffnung! Liebe setzt Hoffnung frei, Liebe schafft Hoffnung. Andere ähnliche Worte von Gabriel Marcel habe ich schon häufiger gelesen: "Liebe heißt zum anderen sagen: Du wirst nicht sterben." Oder: "Wer einen Menschen liebt, setzt für immer seine Hoffnung auf ihn."

Was hat dieser kleine philosophische Ausflug mit Euch beiden zu tun? Ich denke, bei der Auswahl eures Trauspruchs schwingt noch anderes mit: die Liebe als Abenteuer - die Ehe allemal als Dauer-Abenteuer - und noch einmal die hoffnungsvolle Verheißung: "Du wirst nicht untergehen".

Liebes Brautpaar, liebe Festgemeinde, der Trauspruch ist zwar nicht aus der Bibel, aber eine Geschichte vom Nicht-Untergehen ist es. Im Markus-Evangelium (4,35-41), der berühmte Sturm auf dem See! Es ist eine meiner biblischen Lieblingsgeschichten - ich komme beim besten Willen nicht daran vorbei!
Also: Wir sehen Jesus und die Jünger auf dem See Gennesaret. Plötzlich kommt ein heftiger Wirbelsturm - nicht unüblich da in Galiläa -, und die Wellen schlagen ins Boot: es könnte kentern! Jesus, in aller Seelenruhe, liegt auf einem Kissen und schläft. Wir gehen unter, rufen die Jünger. Jesus, tu doch was! Und Er - steht auf, stellt sich den Winden entgegen: "Schweig, sei still!" Sofort herrscht völlige Stille. Jesus wendet sich den Jüngern zu: Warum diese Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Und das Erschrecken der Jünger: Was ist das bloß für ein Mensch, dass ihm sogar Wind und See gehorchen?

Hier wird das erzählt: Du wirst nicht untergehen! Nicht so sehr als Wort der Liebe, sondern als Wort des Glaubens, sozusagen der Schwester der Liebe und der Hoffnung. Glaube - Hoffnung - Liebe sind ein Drillingspaar.

Bleiben wir bei den Bildern, die dieses Evangelium uns anbietet. Ja, es ist ein Abenteuer, sich aufs Wasser zu wagen. Ein eheerfahrener Dichter hat einmal gesagt: "Ehe ist nicht, in den sicheren Hafen einlaufen, sondern auf die hohe See hinausfahren, aber gemeinsam!" Die Menschen zur Zeit Jesu hatten es nicht mit dem Wasser, die Tiefe des Meeres war ihnen unheimlich. Abgründig war das Wasser für sie, abgründig wie das Leben, das dem weiten Meer gleicht, unübersehbar weit, mit einem fernen Horizont. Aber wie gut ist es dann, in einem Boot zu sein. Gut, dass wir nicht allein anschwimmen müssen gegen das abgründige Meer, sondern dass das Boot da ist - vor allem das Boot der Ehe. Manchmal mit schwankendem Boden, aber ein Raum der Geborgenheit! Und beweglich, mobil, im Strom der Zeit. Die Zeiten ändern sich rasant, und auch das Abenteuer Ehe bleibt nicht an derselben Stelle stehen. Das Boot fährt weiter, oder: es treibt weiter, oder: es wird weiter gesteuert, je nachdem. Manchmal kann man sich der Strömung überlassen, manchmal gibt es flaue Zeiten, manchmal muss man kräftig gegenrudern und gegenlenken, um nicht aufzusetzen auf den seichten Stellen, die einen nicht mehr loslassen. Und wenn man nicht so ein ganz winziges Minipackboot nimmt, dann ist das Boot weit genug, dass auf die Dauer noch viele kleine Kinder mit hineinpassen!

Zweites Bild im Evangelium: die Stürme. Die Gründe des Kenterns und Untergehens. Die sehen in jedem Leben und Zusammenleben anders aus. Die Belastungen, die Grenzen, die wir mitbringen. Die Probleme von außen. Alles, was wie ein Schatten auf unserem Glück liegt.
Wie kann man sich auf diese Stürme einstellen? Manche reden sie weg, hängen "den Himmel voller Geigen", erklären die Ehe zum Vorgeschmack des Paradieses. Die Trauungsworte sind da realistischer und menschlicher. Sie reden von den guten und schlechten Zeiten, von Gesundheit und Krankheit, von allen Wechselfällen des Lebens. Aber in ihnen hält die Treue das Paar zusammen - die Freude daran, das gemeinsame Leben gut zu gestalten, die Ehe zu "pflegen", so wie man Blumen pflegt, wenn sie gedeihen und nicht die Köpfe hängen lassen sollen. Wieder andere scheuen vor der Ehe zurück, sie starren auf die möglichen Stürme, übertreiben sie wohl auch und sehen im Abenteuer der Ehe nur das Risiko und die Gefahren des Kenterns. Sie trauen sich nicht - im doppelten Wortsinn.

Nun, ihr beide seid hier, um getraut zu werden, und ihr tut das ganz sicher in einem großen Vertrauen. Das ist wohl das entscheidende Wort: es im Vertrauen mit den Stürmen aufnehmen. Dieses Vertrauen hat viele Schichten: Vertrauen ineinander, Vertrauen in die eigene Kraft, Selbstvertrauen. Hier im Evangelium kommt diese Schicht an ihre Grenze. Die Jünger im Boot sind ja nicht untätig! Sie hantieren mit den Eimern, sie schöpfen und machen und tun, damit das Boot im Sturm nicht untergeht. Ohne Ergebnis, ohne Erfolg! Das Boot läuft voll Wasser. Hier rückt nun das nächste Bild in den Blick, und das ist der Schlafende.
Da ist einer dabei im Boot, merkwürdige Anwesenheit: Er schläft. Er kann ruhig schlafen mitten im Sturm, weil er sich selber in der Hand eines anderen weiß, in der Hand Gottes, sozusagen im Herzen des Taifuns. Eine stille Präsenz: ein Schlafender drängt sich nicht auf, man kann ihn leicht übersehen, hinten auf seinem Kissen! Stillschweigend ist er Mitfahrer, stillschweigend ist er Dauergast, stillschweigend oder auch ganz ausdrücklich ist er der Dritte im Zweierbund der Ehe, der tragende Grund des Vertrauens, der mit dem Partner zusammen spricht: Du wirst nicht untergehen! Er, der einmal gesagt hat: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Und wo er dabei ist, da gibt es keinen Untergang.

Dieser Jesus Christus wird im Evangelium aufgeweckt, er stellt sich den Stürmen entgegen - und es herrscht eine große Stille, ein großer Frieden. Eine Harmonie, die durch die Stürme hindurchgegangen ist, die ihnen nicht ausgewichen ist, auch weil sie um diesen stillschweigenden "dritten Mann" im Boot weiß. Eine Harmonie, die diesem Gott vertraut. Er will nicht das Kentern, sondern das Füreinander und Miteinander im Boot. In der Ehe. Diesen Frieden wünschen wir Euch für jeden Tag und jedes Jahr eurer Ehe!