Rede des hl. Medardus an die Bürger von Lüdenscheid

vorgetragen von einem Schauspieler beim Stadtfestgottesdienst: 750 Jahre Lüdenscheid am 09.09.2018

Pax vobiscum! Der Friede sei mit euch!

Eigentlich müsste ich in Latein fortfahren - aber diese Sprache ist ja aus der Mode. Hier in dieser Stadt scheinen sie alle nach dieser barbarischen Sprache der britannischen Inseln verrückt zu sein, die wir Franken gar nicht lieben. Was ich hier nicht alles habe lesen müssen: City center. Coffee to go. Chrissy's barber shop. Fehlt nur noch an den Kirchtürmen: Spiritual refreshment.

Ich will mich vorstellen. Medardus. Sankt Medardus. Diese ganzen Us-Namen der Antike: Augustinus, Irenäus, Dionysius, Ambrosius! Gibt's ja heute auch noch: Kurschus. Majoruss. Na, Servus! Mein Beruf: Bischof in Noyon, im Frankenreich. Immer erkennbar an der Mitra, der Bischofsmütze.

In Eurem Lüdenscheider Stadtwappen schaue ich fröhlich über die Stadtmauer. In den Psalmen heißt es, man könne mit Gott über die Mauern springen. Aber das klappt leider nicht mehr - wissen Sie, die Hüfte und die Knie machen da nicht mit. Bischöfe haben es nicht so mit dem Springen. Man ist ja in die Jahre gekommen, wie die ganze Kirche. Schon wenn man Wege geht, neue Wege, müssen sie barrierefrei sein. Sie wissen schon: Hüfte und Knie ...

Aber über die Mauern zu schauen, das sollte wohl möglich sein! Nicht der schlechteste Blick für Stadtmenschen und für Christen! Heute gibt es kaum noch Stadtmauern. Ohne die hätten wir in meiner Zeit in ständiger Angst vor den Feinden gelebt. Wo sind denn heute die Feinde? Im Kopf - genauso wie die Mauern! Mauern und Zäune im Kopf! Gott, was hattet ihr Riesenmauern im Kopf! Evangelisch - katholisch. Heute ist das nur noch ein Mini-Mäuerchen. Stattdessen baut ihr aus den Mauersteinen lieber Brücken und nennt das Ökumene. Ich habe den Eindruck, dass man das bei uns im Himmel, in der Gemeinschaft der Heiligen nicht ungern sieht.

Evangelisch - das gab's bei uns damals noch nicht; euer Luther ist tausend Jahre jünger als ich. Wir waren katholisch - aber wie eine Insel in einem Meer von Heiden. Unser König ließ sich damals taufen - Chlodwig, um 500, ich war in meinen besten Jahren -, und das Volk machte es ihm nach, peu a peu. Das Meer der Heiden schrumpfte zum Teich. Kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Wenn eure Königin - Angela Merkel - heute Buddhistin würde oder dem Islam beiträte, den es zu meiner Zeit auch noch nicht gab, würde ihr dann das ganze Volk folgen? Bestimmt nicht! Mit der Volkskirche, zu der fast alle gehören, ist es vorbei. Inzwischen hat jeder seinen eigenen Kopf. Hoffentlich benutzt er ihn auch - zum Denken. Und zum richtigen Hinsehen! Indem er z.B. über die Mauern schaut. Das weitet den Horizont.

Richtig hinsehen. Brillen hatten wir noch nicht. Aber eine entscheidende Sehhilfe war uns gegeben, und wir nutzten sie: Der christliche Glaube. Glauben und sehen - das fiel zusammen. Keine rosarote Brille, mit der man alles schönfärbt. Keine dunkle Brille fürs Schwarzsehen. Kurzsichtige sahen tiefer mit dieser Sehhilfe "Glauben". Leute, deren Blickfeld nur bis zum eigenen Nabel ging, ließen die Nabel- und Tellerrandschau hinter sich und lernten weltweit sehen. Oder sie guckten genau hin und sahen in der Nähe die Nöte und Sorgen in den Augen der anderen. Hallo Bruder, hallo Schwester, sagten sie und handelten. Und sie hielten sich an den, den niemand sehen kann, der aber in allem ganz tief verborgen ist, in der ganzen Wirklichkeit der Welt. Diesem Unsichtbaren bauten sie große Kathedralen. Heute wird in ihnen wohl mehr fotografiert als gebetet. Und so, mit Gott im Blick und den Nächsten im Blick, wurde Europa geboren. Aber nur das Geld im Blick gehört Europa ins Hospital, könnte Europa sterben.

Meine Zeit war die Zeit der Völkerwanderungen. Migration, da kannte ich mich aus. Migration - das erlebt ihr heute auch, ob ihr es wollt oder nicht! Als Bischof versuchte ich, an die Ränder zu gehen, an die Peripherie. Man nennt mich manchmal in einem Atemzug mit St. Nikolaus oder mit St. Martin. Das sind Kollegen, die nicht bloß Mäntel teilten oder Süßigkeiten in Schuhe steckten, sondern mit Leib und Seele für die Armen da waren. Für alle, die arm dran sind. Auch das gehört dazu: über die Mauer zu schauen. Über die Mauern des bürgerlichen Milieus, wo man immer unter seinesgleichen ist und über Autos, Frauen, Sport oder Urlaub redet. Ich höre, die aktuelle Völkerwanderung hat Menschen aus mehr als hundert Ländern in eure Stadt gebracht. Da kommen leicht ein paar andere Themen dazu! Vor allem: dass es immer um konkrete Menschen geht und nicht bloß um Zahlen und Obergrenzen! Wer richtig hinschaut über die Mauer, der sieht Gesichter, der sieht Menschen – Schwestern und Brüder.

Ich muss für vieles herhalten. Ich bin Patron der Bauern. Der Winzer. Für Lüdenscheid interessant: auch Patron der Bierbrauer. Und der Regenschirmmacher. Man ruft mich an bei Regen (da müssten aus Lüdenscheid ständig Anrufe kommen!), bei Zahnschmerzen, Fieber, Geisteskrankheiten und trockenem Heuwetter. Man darf mich ruhig vielseitig nennen! Und diese Vielseitigkeit wünsche ich den Menschen und den Kirchen in der Stadt. Da ich besonders gern die Regenschirmmacher unter meinen Schirm und meine Fittiche nehme, sage ich zum Schluss: Lasst niemanden, wirklich niemanden, im Regen stehen. Schirme werden dringend gebraucht.