Rolf-Dietrich Pfahl SJ +

Predigt am 27.08.2018

"Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen,
mein sind die Jahre nicht, die etwa werden kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
so ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht."

Liebe Schwestern und Brüder, dieses kleine Gedicht eines Barockdichters Andreas Gryphius schickte Rolf gelegentlich an Menschen, die ihren Geburtstag feierten. Er war zutiefst durchdrungen von den Worten, die er da an andere weitergab: Mein sind die Jahre nicht. Die Zeit gehört nicht mir, sie gehört Gott. Sie wird mir geliehen, sie wird mir geschenkt, wie so vieles, was mich ausmacht, Geschenk ist. Begabungen sind gegeben, das Leben ist gegeben, und so wirkt der Geber, Gott, tief und entscheidend hinein in unsere Existenz, ob uns das bewusst ist oder nicht. Unserem Pater Rolf-Dietrich Pfahl war das sehr bewusst. Es machte ihn zu einem tief gläubigen - und zu einem demütigen Menschen. Er hatte so viele Gaben: messerscharfe Intelligenz, umfassendes gelehrtes Wissen, Präzision und Arbeitskraft - ein Jesuit halt (die Jesuiten mit ihrer Ordensabkürzung SJ hat man früher im Volksmund "schlaue Jungs" genannt), Organisationsgeschick, Zuhören können, großes Einfühlungsvermögen in Menschen, die Fähigkeit der geistlichen Begleitung. Er hatte große Ohren und ein großes Herz. Wenn er das jetzt im Himmel mithört, wird er wohl abwinken und milde lächeln: Ach was, alles ist Leihgabe Gottes.

So ruhte Rolf in sich, ruhte in Gott, im Glauben, und sah keinen Anlass, sein Ego aufzublähen und sich allzu wichtig zu nehmen. Ganz bescheiden und demütig kam er daher, herzlich, gelassen und froh. Er war für viele der Rolf und für kaum jemanden der Herr Doktor. Mit großer Dankbarkeit sah er auf sein Leben, das durchaus schwere Zeiten und manche Verwundungen kannte. An den Missbrauchsvorfällen, die zu seiner Zeit als Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin passierten, hat er schwer getragen. Wir haben es nicht gewusst, sagte er, aber wir haben damals auch nicht richtig hingeschaut!

So kam Schweres und viel Schönes in seinem Leben zusammen. Die sieben Jahre in Lüdenscheid waren insgesamt eine glückliche Zeit - für ihn und auch mit ihm - für uns. Er genoss seine schöne Wohnung am Ramsberg (bis dahin hatte er in der Regel nur auf einem Zimmer gewohnt), erfreute sich an den kleinen Dingen, an seinen Orchideen, am Hund der Vermieterin, und vor allem an den vielen Besuchern, die dort zu ihm kamen. Die meisten suchten Rat und Begleitung auf ihrem Glaubensweg und fanden bei ihm, was sie suchten. Sie fanden Gehör - einen hörenden Menschen.

Hier können wir den zweiten Teil des Anfangsgedichtes von Andreas Gryphius zitieren: Mein sind die Jahre nicht, aber:

Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
so ist der mein, der Zeit und Ewigkeit gemacht.

Ich denke, das war Rolfs ganz große Stärke: den Augenblick, das Jetzt als Tor zu Gott zu sehen. Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, wo Gott bei mir anklopfen kann. Hoffentlich bin ich dann zu Hause! Rolf war immer bereit, immer in sich "zuhause". Ich habe selten einen Menschen erlebt, der wohl ständig, nicht nur in der Messe, im Gebet oder in den Übungen der Frömmigkeit in Gott lebte: auch im Alltag, in den Begegnungen mit Menschen, in Sitzungen und Konferenzen. Er war, soweit ich das sehen kann, nie "ausgeklinkt" aus Gott; der "Stecker" war immer angeschlossen an den Stromkreis Gottes. Das machte ihn zum vorbildlichen "geistlichen Begleiter" und sein Leben so fruchtbar für viele. Er konnte wunderbar mit den Menschen umgehen, manchen "ins Herz schauen" und viele ebenfalls an den "Stromkreis Gottes" anschließen. Dabei war er ganz geerdet, ganz "auf dem Teppich", ohne "fromme Sprüche" und ohne geistlich abzuheben.

Der Stromkreis Gottes ist der Strom der Liebe: Rolf verkündete in immer neuen Anläufen einen liebenden und menschenfreundlichen Gott, in dem das Heil und die Heilung ist. Es lag ihm am Herzen, die traditionellen Verzerrungen des Gottesbildes - der Angstmacher Gott, der straft und dem man nie genügt - zu überwinden und davon zu befreien. Seine Gottesdienste z.B. in den Altenheimen bereitete er gründlich vor; er erstellte ein Blatt mit einem geistlichen Bild (oft von Sieger Köder), einem Gebet und seiner Auslegung des Wortes Gottes. So können wir heute vieles von ihm nachlesen, z.B. diese Gedanken zum Wort Jesu vom Weizenkorn (06.04.2017):

Jesus selber ist das Weizenkorn, das durch seinen Tod uns Menschen ewiges Leben bringt. Er bittet nicht darum, vor dem Tod bewahrt zu werden, sondern darum, dass durch ihn der Heilswille Gottes verwirklicht wird. So schenkt er uns "ewiges Leben" - nicht erst nach dem Tod. Ewiges Leben heißt, durch Christus mit Gott lebendige Gemeinschaft zu haben.
Jesus ruft uns auf, diesen Weg seiner Liebe zu uns zu bejahen. Dieses Ja schließt unser Mitgehen ein. Auch für uns gilt dann: In der Hingabe retten wir unser Leben, bewahren es und bringen - wie das Weizenkorn - Frucht.


Rolf war "ganz drin" in solchen Sätzen. Er verwässerte und entschärfte die Botschaft nicht. Er machte sie verständlich. Die Gemeinden - gerade diese Gemeinde in Brügge, wo er am häufigsten war -, die Alten in den Seniorenheimen und auch Kinder und junge Leute hörten gerne hin. Sie spürten, dass da keine glatten Worte kamen, keine Schönrednerei, sondern der Glaube selbst, der durch einen Menschen hindurch gegangen ist und sich nun anderen mitteilt. Rolf wollte und arbeitete daran, dass wir Christen mehr und mehr lernen, über den Glauben zu sprechen und dass es so zu einem Austausch und zur Stärkung der Gemeinschaft der Christen kommt. Die Gemeinde als ein großer Gesprächsort über unsere christlichen Erfahrungen, das war seine Hoffnung für die Zukunft, über die er viel nachdachte. Trotz seines Alters von 78 Jahren war er "jung" - ein Mensch auf die Zukunft gerichtet, nicht so sehr auf die Vergangenheit.

Der Rolf der letzten Jahre: ein wenig "Dorfpastor" - hier in Brügge. Einer, der die menschliche Nähe und Wärme brauchte, die Wertschätzung genoss und dann ganz gerührt war - wie vor drei Jahren bei der Feier des 75. Geburtstags. Rolf im Beichtstuhl, im Sprechzimmer, in den Altenheimen, Rolf als Spiritual einer ganzen Pfarrei - mit wichtigen Impulsen für die Zukunft. Rolf als einer, mit dem viele eine Erfahrung von Gott machten. Rolf ganz überzeugend als "geistlicher Mensch".
Als solcher aber auch angeschlagen und verwundet: Rolf in mehrfacher Hinsicht "am Stock" mit Arm- und Beinbrüchen und weiteren Krankheiten. In den letzten zehn Wochen todkrank und ganz arm dran. Ein wahrer Kreuzweg! Aber nie allein. Zusammen mit Menschen, die ihm beistanden in seiner Hilflosigkeit und mit Freude auf den Himmel, auf die Ewigkeit.

Apropos Himmel: Nur wenige dürften wissen, dass Rolf ein großes Interesse am Fliegen hatte. Er hätte gern einen Segelflugschein gemacht und sagte einmal: "Wenn ich nicht Priester geworden wäre, wäre ich Flieger geworden." Der Himmel des Glaubens und der Himmel der Piloten waren ihm Sehnsuchtsorte. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein: die Freiheit ... und die Liebe ... und die Ewigkeit.