Propheten haben es schwer: Amos

Predigt am 15.07.2018

"Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." So geht das zu in der Welt. Niemand sägt den Ast ab, auf dem er sitzt. Die ALDI-Kassiererin wird nicht sagen: "Kauft doch lieber bei LIDL ein." Der Manager von RWE wird nicht öffentlich die hohen Strompreise anprangern, der Regierungsbeamte nicht in der Zeitung über seinen Minister herziehen.

"Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." Gegen dieses ungeschriebene Gesetz hat in der Bibel ein Mann namens Amos ziemlich auffällig verstoßen. So jedenfalls wirft es ihm ein Priester vor, Amazja. Der ist angestellt am Tempel der Stadt Bet-El (Bethel) in Nordisrael. Geh doch ins Nachbarland, nach Juda, ruft der Priester. Da kannst du so reden, wie du redest! Hier in Bet-El ist das skandalös! Hier überleg deine Worte - denn das hier ist ein Tempel des Königs! Er wird finanziert vom Staat und dient der öffentlichen Ordnung. Nicht der Unordnung, die du da predigst!

Ich brauche Ihnen nur einige Sätze aus dem Buch des Propheten Amos vorzulesen, und Sie begreifen sofort, warum der Priester Amazja so nervös wird. Bei Amos heißt es: "Hört dieses Wort, ihr Mächtigen: Ihr unterdrückt die Armen und Schwachen und zermalmt sie. Gott der Herr hat geschworen: Seht, Tage kommen über euch, da holt man euch mit Fleischerhaken weg, und was noch von euch übrig ist, mit Angelhaken." (4,1) Starke Worte. Darf einer so reden, hier am Tempel, im Dienst des Staatsgottes und des Königs?

Oder so: "Gott lässt euch sagen: Ich hasse eure Feste, ich kann eure Feiern nicht riechen! Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, habe ich kein Gefallen an euren Gaben. Eure fetten Schlachtopfer will ich nicht sehen! Weg mit dem Lärm eurer Lieder! Euer Harfenspiel will ich nicht hören! Mein Wille ist, sagt Gott: Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein Bach, der nie versiegt!" (5,21) - Da sträuben sich dem Priester Amazja beim Zuhören fürwahr die Nackenhaare!

Doch verwechselt Amazja da nicht etwas? Hat er vergessen, in wessen Dienst ein Prophet steht - und in welchen Diensten er selber als Priester steht? Der eigentliche "Brötchengeber", dessen "Lied er singen muss", ist doch nicht der König! Und nicht der Staat! Es ist Gott! Amos schleudert dem Priester die Wahrheit ins Gesicht: Wenn der Titel "Prophet" nur dem zusteht, der seinem König nach dem Munde redet, dann will ich keiner sein, sagt Amos. "Ich bin kein Prophet, wie du ihn dir denkst. Sondern ein Viehzüchter bin ich, Maulbeerfeigen pflanze ich. Aber der Herr hat mich von meiner Herde und meinem Acker weggeholt und zu mir gesagt: Geh - und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!"

Ähnlich geht es den Jüngern Jesu, die ja mit den Propheten viel gemeinsam haben. Jesus schickt sie in eine ungesicherte Zukunft, auf eine unstete Wanderschaft, weg von den Palästen und Tempeln, weg auch von den Wohnstuben, in denen es sich gemütlich und behaglich lebt. Er schickt sie auf die Straße. Nur das Nötigste tragen sie am Leib. Vorräte nehmen sie nicht mit, sondern einzig und allein nur eine Botschaft. Und der einzige Inhalt dieser Botschaft ist Gott selber! Natürlich müssen sie irgendwo unterkommen, etwas essen, sich einen Schlafplatz suchen. Sie sind aber angewiesen auf die Gastfreundschaft anderer. Gastfreundschaft - die große Tugend der Antike und anderer Völker, ohne die nichts lief - und die uns auch heute noch so guttun kann! Die Jünger damals haben die Dinge nicht in der Hand, sie können nicht groß planen, sie können nur mit großem Gottvertrauen losziehen. Sie können nur hoffen, dass es irgendwo Menschen gibt, die sie unterwegs aufnehmen. Sie haben keine Vorräte mit, auch keinen Speicher kluger Gedanken und gelehrter Worte. Nur auf das "brennende Herz" kommt es an, nur auf das treffende Wort, das man in der Begegnung mit anderen findet. Und wenn die anderen sie ablehnen und die Botschaft gar nicht oder nur sehr verdünnt und aufgeweicht hören wollen, dann sollen die Jünger lieber gleich weiterziehen und "den Staub von ihren Füßen schütteln&" und anderswo Hörer suchen, die an der Botschaft Freude haben.

Liebe Christen, erst viel später kamen dann die Arbeitsplatzbeschreibungen, die Dienstvorschriften und Dienstwohnungen für die Boten Gottes. Ohne so etwas funktioniert wohl weder unsere heutige Gesellschaft noch unsere Kirchen. Bis zum Papst hinauf sollten wir ganz ehrlich dazu stehen, dass wir nicht freie Propheten sind wie damals der Feigenzüchter Amos! Aber wir brauchen den prophetischen Geist gerade heute! Den Geist, der uns immer wieder an Gott erinnert, an seinen Willen und seine Absichten. Den Geist, der unsere Bequemlichkeit und Halbherzigkeit durchkreuzt und uns immer wieder gehörig durchschüttelt. Damit aus Kirchenbeamten Glaubenszeugen werden. Damit hinter einer "Amtsperson" der von Gott ergriffene Mensch sichtbar wird, Gottes Bodenpersonal. Wie der Bauer Amos damals, der Mensch vom Land oder aus der Vorstadt, der Mensch aus Fleisch und Blut. In dessen Leben aber ein Ruf laut geworden ist - ein Ruf von Gott.

Bitten wir auch um einen echt prophetischen Geist für alle Gläubigen, damit aus Kirchensteuerzahlern immer mehr lebendige Glieder am Leib Christi werden. Damit unser Glaube aus unserer Mitte kommt, aus unserem Herzen, aus tiefer Überzeugung - und nicht aus bloßer Routine.
Bitten wir um echte Aufbrüche in unserer Kirche, gerade heute. Die hat es immer wieder gegeben, als neue Orden, Gemeinschaften und Bewegungen entstanden und unerwartet wieder irgendwo das Feuer des Amos und der Propheten entzündet haben. Auch heute sind Menschen am Werk, nicht zuletzt unser Papst mit dem prophetischen Namen Franziskus, die sich nicht in erster Linie darum kümmern, was in die heutige Zeit und heutige Gesellschaft passt, sondern darum, ob es zu Gott passt und von ihm hier gesagt werden muss.

"Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." Bei genauerem Hinsehen erfüllt sich dieser an sich ziemlich törichte Spruch am Ende doch. Hier in dieser Feier essen wir vom Tisch und Brot Christi. Warum sollten wir daher nicht hier und draußen in sein Lied einstimmen?
Es ist das Lied derer, die Gott gerufen hat, um seine große Vision von einer erlösten Welt wach zu halten. Eine Welt, in der die bösen Geister, die Lügen und fake-news nicht das letzte Wort haben. In der es Vergebung und Heilung gibt - und einen Frieden, der wächst. In der Gott bewegte und brennende Herzen findet.