Wenn man Johannes heißt

Predigt am 24.06.2018

Johannes, das ist bekanntlich mein Vorname. Johannes Baptist, würde ich in Bayern oder Österreich heißen - Johannes der Täufer. Als man nach meiner Geburt einen passenden Namen überlegte, schlug eine fromme bibelfeste alte Tante den Namen Ezechiel vor. Gott sei Dank hat sie sich nicht durchgesetzt! Stattdessen kam dann Johannes Paul - Johannes nach dem Vater, Paul nach dem Patenonkel. In Zeiten des polnischen Papstes war ich auf diesen Doppelnamen besonders stolz. Johannes wie mein Vater: Der hatte einen kleinen Handwerksbetrieb, auf dem Firmenschild war sein Vorname Johannes zu finden. Mein Vater hoffte, allerdings vergeblich, ich hätte seine handwerkliche Begabung geerbt und würde den Laden später übernehmen, dann brauchte man das Firmenschild nicht zu ändern.

So kommen Namen zustande. Damals, in der biblischen Familienkonferenz im Haus von Zacharias und Elisabeth, dachten die meisten Verwandten traditionell - das neugeborene Kind soll so heißen wie der Vater. Das war so festgelegt. Aber die Mutter Elisabeth und der Vater Zacharias waren sich einig und setzten sich durch - mit einem neuen, anderen, überraschenden Namen, der in der Verwandtschaft noch nicht vorkam: Johannes. Das heißt auf Deutsch: Gott ist gnädig. Der Name war zugleich eine Botschaft, ein Bekenntnis: Gott hat uns noch in unserem hohen Alter ein Kind geschenkt! Wir haben so lange darauf gewartet! Ja, Gott ist gnädig! Der Name war also ein Programm.

Ich weiß nicht, was sich heute bei Familienkonferenzen zur Namensfindung so tut. Hoffentlich ist den Eltern bewusst, dass ihr Kind vielleicht achtzig Jahre und mehr mit einem Namen herumlaufen muss, der bei der Geburt mal modisch war. Die kleine Britney von heute wird auch als Oma noch so heißen, wenn sich niemand mehr an Britney Spears erinnert oder wer sonst "Pate stand" bei diesem Namen.

Da lobe ich mir doch den von der Mode unabhängigen "Dauerbrenner" Johannes! Und finde es gut, dass viele biblische Namen wieder Konjunktur haben: Markus, Thomas, Marie oder Anna. Bei diesen Namen kommt es nicht nur auf den Klang an. Sie erzählen eine Geschichte. Biblische Geschichte! Eine Geschichte mit Gott!

Mein Namenspatron Johannes war mir als Kind etwas unheimlich. Verstört hat mich sein Speiseplan in der Wüste: wilder Honig, das ging ja noch an, aber Heuschrecken? Das Auftreten des Täufers war fremd und dramatisch. Ein unbequemer Prophet steht da, ein Nein-Sager zum Geschehen seiner Zeit. Einer, der den Mächtigen, auch dem König Herodes ins Gewissen redet. Das kostet ihn - im wörtlichen Sinn - den Kopf! Mein Namenspatron ist einer, der seinen Kopf und sein Leben verliert, weil er seinen Glauben und seine Überzeugungen treu bewahrt. Die Wahrheit und die Gerechtigkeit, die Werte Gottes sind ihm wichtiger als das eigene Überleben! Nein, gemütlich und erbaulich ist es nicht mit ihm. Mit den meisten anderen Heiligen übrigens auch nicht.

Der Lebensort des Johannes ist dann später die Wüste. Ein großer Unterschied zur Tempelwelt seines Vaters Zacharias, der ja Priester ist in Jerusalem. Als Kind und junger Mensch erlebt er die Gottesdienste und Wallfahrten zum Tempel. Vielleicht war er da auch so eine Art Messdiener! Er sieht die Pilger von nah und fern, einen Hauch der weiten Welt. Die Bücher und heiligen Schriften im Haus des Vaters dürften ihn auch gepackt haben - er hätte ein Schriftgelehrter werden können. Oder, noch eher: Teil einer Priesterdynastie. Priester, wie der Vater. Das "Firmenschild" wäre dann sozusagen dasselbe geblieben. Sein Geist wurde stark, heißt es im Evangelium. Aber Johannes wählt nicht die Liturgie und nicht das Studium, sondern die Wüste. Oder besser: Gott wählt ihn aus für die Wüste.

Warum gerade die Wüste? Für mich ist die Wüste ein Raum des Abstandnehmens und einer notwendigen Distanz. Wer immer mittendrin im Getümmel ist, der kann betriebsblind werden. Der ist zu nah dran, zu nah drin im Üblichen. Manche Leute machen heute einen "Wüstentag", um aus dem Abstand zum Gewohnten heraus einen neuen Blick zu bekommen. Propheten wachsen und reifen oft in der Wüste. Die Einsamkeit, Fremdheit und Härte schärft ihren Blick. Die Wüste erlaubt keine Ablenkung. Wüste und Smartphone - das geht nicht zusammen. Aber Wüste und Gott - das passt. Den großen Gestalten der Bibel ist Gott in der Wüste begegnet. Dem Mose im brennenden Dornbusch. Dem Elija in einer schweren Krise. Dem Jesus in den Versuchungen, auf die er nicht hereinfiel. Und dem Johannes, damit seine Berufung wach und deutlich wurde: ein Prediger zu werden. Umkehr zu wecken.

In der Wüste gereift, tritt Johannes dann in die Öffentlichkeit. Er tauft am Jordan. Er mahnt. Er weist auf das Ende hin. Die Axt ist schon angelegt, um den Baum umzuhauen, unsere korrupte, verdorbene Gesellschaft. Es ist fünf vor Zwölf!

So etwas haben auch andere gesagt. Das Großartige an Johannes ist, dass er dieses apokalyptische Programm nicht durchzieht, sondern "abbricht", sich zurücknimmt, zurücktritt und auf einen anderen weist - auf Jesus. Jener muss wachsen. Ich aber muss abnehmen!

Ja, das ist der Kern dieses Menschen. Er will nur ein Wegbereiter sein. "Wir machen den Weg frei", heißt es in der Bankenwerbung. Das haben die Bankenwerber von diesem Johannes gelernt, oder "geklaut"! Er macht den Weg frei für Jesus. Der berühmte übergroße Zeigefinger, mit dem Johannes im Isenheimer Altar des Matthias Grünewald auf den gekreuzigten Jesus zeigt, ist ein Symbol dafür. Er zeigt nicht auf sich, sondern von sich weg auf einen anderen. Gar nicht so einfach, den eigenen Geltungsdrang hinter sich zu lassen, die eigene Person nicht in den Mittelpunkt zu stellen, sich selber als Vorläufer, als "vorläufig" zu betrachten. Johannes sagt ganz deutlich: Ich bin nicht die Botschaft! Ich bin nur ein Bote!

Die riesengroß aufgeblähten Egos von heute, die Wichtigtuer einer medialen Gesellschaft mit ihrem Imponiergehabe - und auch wir selber - sollten lange den großen Zeigefinger des Johannes meditieren. Wir sind nicht die Botschaft, wir sind nur Boten. Personenkult ist nicht drin, letztlich nicht einmal für einen Papst! Auch er ist nur Zeigefinger, der von sich weg weist. Hin zu Christus! In dem am deutlichsten wird, was das Wort "Johannes" heißt: Gott ist gnädig!

Vielleicht verstehen Sie, dass ich einen großen Respekt habe vor so einem Namenspatron!