Sabbat für Herscheid und die ganze Welt

Predigt bei der Einführung des neuen Pastors Albert Akohin am 3.6.2018 in Herscheid

Liebe Schwestern und Brüder,

man braucht Ihnen Ihren neuen Pastor Albert Akohin kaum vorzustellen! Sie kennen ihn wohl alle schon - die Herscheider und Plettenberger genauso wie die Gäste, die gekommen sind, eben weil sie ihn kennen und schätzen - manche von Ihnen, wie ich, seit fast einem Vierteljahrhundert! Darum geht es jetzt nicht um eine Vorstellungspredigt oder eine Lobrede, sondern ich möchte die biblischen Texte sprechen lassen. Manchmal "schimmert" dabei aber Albert durch.

Lesung und Evangelium sprechen ja vom Sabbat, und so geht es jetzt um die Zeit, um den Sonntag auch, und es geht um die Freiheit. Kurz gesagt: dass wir vor Gott freie Menschen sein können! Im Sabbat liegt ein großes Aufatmen, ein wirklicher Frei-Raum! Jesus fasst das sehr einprägsam zusammen: "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat!"

Und da könntest Du, lieber Albert, da könnte der neue Pastor wirklich ins Spiel kommen: als einer, der hier in dieser schönen kleinen Stadt Herscheid für diese Worte einsteht. Als ein Hirte, der für die Menschen und ihre Freiheit eintritt. Für die Leute, die häufig nach einer anderen Regel leben, leben müssen: Der Mensch ist da für die Wirtschaft, fürs Geldverdienen, für die Leistung, fürs Funktionieren, fürs Ansehen. Der Mensch, ein kleines, gut geöltes Rädchen im Getriebe.

Wir sind alle in der Gefahr, nur noch Teil dieses "Getriebes" zu werden. Viele stehen ständig mit dem Fuß auf dem Gaspedal. Und da kann es richtig gut sein, wenn einer - der Hirte - "von außen" kommt (Papst Franziskus würde sagen: von den Rändern der Welt) und noch nicht betriebsblind ist vom deutschen Stress. Es ist gut, wenn einer sich dem Hamsterrad verweigert, das sich immer schneller dreht, und die Weisheit Afrikas noch nicht vergessen hat: Gott hat uns in Afrika die Zeit geschenkt - und euch in Europa die Uhr! Die Uhr, die dann alles diktiert.

Die Zeit ist ein Gottesgeschenk. Ein großer Teil geht drauf fürs Arbeiten, und das ist gut so. Aber es bleibt hoffentlich genug für das gemeinschaftliche Leben, für die Familie und die Freunde, fürs Feiern und Erholen, fürs Reden und fürs Schlafen. Ein altes Wort, das ganz aus der Mode gekommen ist, spricht von der "Muße" und meint, dass der Mensch Zeit braucht, um sich selber zu finden - und Gott auf der Spur zu sein. Die Seelen müssen mitkommen können! Sie dürfen nicht abgehängt werden. Im Hamsterrad gehen sie ein. Stille tut den Seelen gut. Der Lärm und die Dauerbeschallung durch die Medien wirken dagegen wie Verstopfung. Stille, Ruhe, zu sich kommen, Besinnung, Gebet! Ora et labora! Bete und arbeite! Mit diesem weisen Leitspruch werden viele Benediktiner steinalt. Der klare Rhythmus von Anspannung und Entspannung, von Arbeit und Besinnung, vom Werktag und "Feierabend" ist gesund und menschenfreundlich und heilsam. Ihr neuer Pastor weiß darum und lässt sich Zeit in seinem Gebetsraum. Das ist die Kraftquelle seines Lebens.

Stellen Sie sich einmal eine Welt vor, in der es keinen Sabbat oder Sonntag gibt. Jeder Tag - ohne gemeinsame Unterbrechung - bedeutete dann: Arbeit in der Fabrik, auf dem Feld oder am Schreibtisch. Jeder Tag! Wir würden vielleicht denken: Das ist Sklaverei, selbst wenn wir uns dabei eine goldene Nase verdienen. Wir wären Sklaven der Arbeit, "workaholics". Wir wären Getriebene: getrieben durch Leistung, durch Karriere, durch vielfache Zwänge. Die Arbeit würde uns ganz beherrschen, würde dann zum "Gott", zum Götzen.

Kann man sich Menschsein so vorstellen? Die Bibel kann es jedenfalls nicht und verkündet - ausgerechnet in den Zehn Geboten: "Du bist ein freier Mensch!" Natürlich bist du eingebunden in dein Volk, in deine Familie, in den Glauben an Gott, aber gerade Gott - Jahwe - will dich frei! Die Nachbarvölker Israels müssen damals gestaunt und ziemlich neidisch herübergeschaut haben zu diesem merkwürdigen Volk! Am siebten Tag standen da in Israel alle Räder still, die schwere körperliche Arbeit, besonders in der Landwirtschaft, fiel aus, die Juden sangen stattdessen Lobgesänge auf ihren Gott und saßen ansonsten fröhlich im Garten. Selbst die Sklaven hatten frei. Und die Hausfrauen auch - das Essen wurde am Vorabend schon vorgekocht. Was für eine großartige Erfindung Gottes, dieser Sabbat!

Immer mehr ging den Juden in ihrer Geschichte auf: Ja, Gott ist Befreier! Er hat uns aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt, aus dem Tiefpunkt unserer Geschichte; er hat uns zu seinem Volk gemacht. Die Zehn Gebote versteht die Bibel nun als einen Schutzwall für diese Freiheit: als Hilfe, nicht gleich wieder in neue Abhängigkeiten zu fallen. Sie warnt vor den "fremden Göttern", den Götzen, die uns in ihren Bann ziehen und uns wieder unfrei machen. Wir sollten uns diese Warnung auch heute sehr zu Herzen nehmen: nicht nur damals, in der Wüste, wurde um das Goldene Kalb herumgetanzt. Die Götzen sind stark geblieben: der Mammon, der Götze "Geld", der wieder auferstehende Götze "Nation" ("America first"), der Götze "Leistung und Erfolg". Der große Götze "Ego". Auch der Sport, der Sex, das Auto, die Musik, die Mode oder Shopping können zu Götzen werden, an denen man mit geradezu religiöser Inbrunst hängt. Man gibt den Dingen dann eine Bedeutung des allerersten Ranges, der ihnen nicht zusteht. "Woran du ganz dein Herz hängst, das wird dir zum Gott", lehrte Martin Luther. Juden wie Christen sind sich da einig: God first! Gott in der ersten Reihe!

Das nun wird am Sabbat oder am Sonntag gefeiert: Gott zuerst! Ein Gottestag - aber für die Menschen! Der siebte Tag: eine Unterbrechung im normalen Funktionieren. Ein Tag, an dem man normalerweise keine Geschäfte macht und nicht sein Auto putzt. In dem das Getriebe still steht. Ein Tag, der uns spüren lässt: Das Leben darf gefeiert werden. Leben ist mehr als der Alltag, Leben ist mehr als Arbeit und Geld verdienen. Leben ist Gabe Gottes, Leben ist heilig, ein Abglanz von Gottes Heiligkeit, wie der Sabbat. Auch der ist heilige Gabe Gottes.
Halte den Sabbat heilig, rät die Bibel. Wie denn? Wie macht man das?

Nun, bei den Juden fiel der Sabbat sozusagen den Juristen in die Hände, und die haben sich Hunderte von Paragraphen ausgedacht. Die regelten alles: Was ist erlaubt, was ist nicht erlaubt? Darf man seinen Hund am Sabbat Gassi führen oder eine Flasche Wein entkorken? Alles nicht erlaubt! Alles Arbeit! Der Sabbat, der Hort der Freiheit, wurde geschützt und bewacht wie die Bank von England! Daraus sprach nicht mehr der Wille Gottes, dachten viele. Auch Jesus! "Der Sabbat ist für die Menschen da!", heißt es im Evangelium.

Warum? Weil Gott selber für die Menschen da ist - weil er menschenfreundlich ist. Weil Gott groß von uns denkt und uns Freiheit, Freiräume und Aufatmen schenkt. Der Gottesdienst am Morgen, die Fahrradtour, der Kaffee bei der Oma, die Party unter Freunden, der gemütliche Fernsehabend - das alles passt zum Sabbat, zum Sonntag. Passt zu unserer Freiheit.

Danke, Gott, für dieses unglaubliche Geschenk! Es ist so viel mehr als nur das "schöne Wochenende", das mir die Verkäuferin freitags im Laden wünscht. Lass uns immer mehr herausfinden, wie wir den Tag heiligen können, seine Heiligkeit und Freiheit leuchten lassen. Und hilf Albert, kein gestresster abgehetzter Pastor zu werden, sondern ein Zeuge und "Vorleber" der herrlichen Freiheit, die Du uns schenkst.