Internationale Pfingstmesse

Pfingstpredigt am 20.05.2018

Gottes Geist wirkt - auch heute, wo Pfingsten schon zweitausend Jahre zurück liegt. Der Geist wirkt ganz unterschiedlich in einer Kirche, die weltweit lebt und handelt. Vier Beispiele: Ägypten, Korea, Schweden - und Lüdenscheid.

Ich spreche für die Christen in Ägypten
Wir nennen uns Kopten und sind eine uralte Kirche; wir gehen direkt auf die Apostel zurück. Das Arabische und der Islam sind viel jünger, aber zahlenmäßig viel stärker. Wir lebten immer als Minderheit. Aber das hat uns zusammengeschweißt. Immer wieder wurden wir verfolgt. Das Martyrium ist wie ein roter Faden in unserer Geschichte. Vor ein paar Jahren ging ein Video um die Welt, das der IS- Staat gedreht und in Umlauf gebracht hat. Da stehen 21 koptische junge Männer am Strand des Mittelmeers in Libyen. Sie stammen aus Gemeinden in Oberägypten - einfache Menschen, von denen nicht alle lesen und schreiben können. Sie haben dort als Bauern oder Handwerker gearbeitet. Sie gingen als Gastarbeiter nach Libyen, um dort ein besseres Auskommen zu haben. Ihr Glaube hielt sie dort zusammen. In ihren Unterkünften beteten sie gemeinsam. Das Gebet ist bei uns wie selbstverständlich. Dass man sich dabei "geniert" und es darum nicht in die Öffentlichkeit bringt, das ist uns ganz fremd. Die 21 sind nicht allein. Hinter jedem steht ein IS- Kämpfer mit dem Messer in der Hand. Die Kopten sollen ihrem Glauben abschwören, dann kommen sie frei. Kein einziger ist dazu bereit. Jeder von ihnen bekennt sich in seinen letzten Worten zu Jesus. Und wird geköpft. Das Video sollte Schrecken verbreiten. Aber es hat uns nicht geschwächt. Es hat uns stärker gemacht. Wir sind stolz auf die 21 und sehen sie als Heilige an. Trotz aller Schwierigkeiten und Benachteiligungen wächst unter uns der Glaube. Gottes Geist stärkt uns. Wir bitten ihn gerade in diesen Tagen, dass er uns hilft, den doch ganz überwiegend friedlichen Muslimen brüderlich zu begegnen. Und, was wirklich schwierig ist: den radikalen Islamisten zu verzeihen.

Ich spreche für die Christen in Korea
Sie wissen es: Unser Land ist gespalten. Der Riss geht tief. Zwei völlig verschiedene Systeme prallen da aufeinander. Seit gut einem Jahr haben wir in Südkorea einen neuen Präsidenten: Moon Jae-in. Eure Zeitungen berichten nichts über ihn, nur immer über den merkwürdigen Diktator des Nordens. Unser neuer Präsident ist katholisch, er ist überzeugt vom Evangelium und hat sein Leben lang die Bibel als Friedensbotschaft verstanden. Seine Familie ist vor rund 60 Jahren aus dem Norden in den Süden geflohen. Viele Verwandte sind im Norden geblieben. Die Trennung schmerzt ihn ganz persönlich. Präsident Moon ist Anwalt und hat sich immer für die Menschenrechte eingesetzt, auch als das gefährlich war. Er ist mutig und der geborene Vermittler. Schon immer, und oft allein auf weiter Flur, hat er den Dialog gesucht, das Gespräch mit Andersdenkenden. Vor allem das Gespräch mit dem Norden. Suche den Frieden - ja, das tut er mit ganzem Herzen. Ganz bescheiden, ohne aufzutrumpfen. Den Ruhm überlässt er den "Alphatieren" in Washington und Nordkorea. Er scheint damit Erfolg zu haben. Die Kirchen stehen hinter ihm. Die starke und einflussreiche christliche Minderheit in Südkorea setzt auf Dialog, setzt auf Frieden. Gottes Geist hat, wenn man so sagen darf, in Korea "ganze Arbeit geleistet".

Ich spreche für die katholische Kirche in Schweden
Katholiken in Schweden? Das Land ist doch protestantisch! Und Schweden ist doch ganz und gar säkularisiert, verweltlicht! Ja, das ist richtig - und doch nur die halbe Wahrheit. Gottes Geist wirkt auch in Schweden, verhaltener vielleicht, ohne Martyrium, ohne große kirchliche Auftritte. Aber so, dass sich Gottes Spuren auch in einer weithin gottlos gewordenen Gesellschaft zeigen.
Wir Katholiken leben in radikaler Diaspora. Wenn unsere Familie zur Sonntagsmesse fährt, braucht sie dafür mehr als siebzig Kilometer, rund eine Stunde Fahrt. Bei euch klagt man schon, wenn man 5 km bis zur Kirche hat! Kommt mal nach Schweden, dann wisst ihr, was auf Euch zukommen könnte! Aber wir jammern nicht darüber. Die langen Fahrten nehmen wir in Kauf: weil Gott uns das wert ist. Weil man den Glauben nicht allzu "billig" und ohne Anstrengungen leben sollte. Und weil wir uns auf die Gemeinschaft mit den anderen freuen.
Die meisten Katholiken hier sind Emigranten. Sie kommen z.B. aus Polen und Litauen, aus Vietnam und den Philippinen. Sie sind Chaldäer aus dem Irak oder stammen aus Nigeria. Mit einem Wort: Weltkirche "aus allen Sprachen und Nationen"! Wie das seit Pfingsten gedacht ist. Sie treffen sich untereinander. Mehr als zweitausend katholische Chaldäer z.B. haben sich in einer Stadt angesiedelt und bilden jetzt die größte Gemeinde außerhalb des Irak. Das stärkt ihre Identität, ihre Kultur und ihren Zusammenhalt. Aber sie versuchen auch, sich in die Gesamtkirche Schwedens zu integrieren. Das "Alte" ihrer Herkunft und das "Neue" ihrer Zukunft müssen zusammenpassen. Und dass Gottes Geist in einem Land wie Schweden zur Ökumene drängt, zur engen Verbundenheit mit der lutherischen Mehrheitskirche, das versteht sich von selbst. Gerade zu Pfingsten.

Ich spreche für Lüdenscheid
Ja, auch hier wirkt der Geist! Trotz leerer Kirchbänke. Trotz lahmem Gemeindeleben. Trotz sinkender Zahlen. Trotz des Gefühls: Es geht alles den Bach runter!
Gewiss: Uns fehlt wohl die Glaubensstärke der Kopten in Ägypten. Uns fehlt die Kraft, die Gesellschaft so aktiv zu gestalten - auf Frieden hin -, wie das die Christen in Korea tun. Eher ähneln wir den Verhältnissen in Schweden. Die krasse Diaspora-Situation haben wir irgendwann auch bei uns.
Also, wo bleibt da der Geist? Manchmal denke ich: Der Geist "ist aus der Flasche" und liegt nun in der Luft. Der Geist ist nicht eingeschränkt auf das kirchliche Leben und auf die Kirchräume. Er hat sich "verflüchtigt" - so ähnlich wie ein Parfüm. Und liegt in der Luft. Manchmal spürbar. Manchmal aber auch äußerst dünn geworden, völlig "verdunstet".
Ich begegne ihm z.B. im Freiheitsgedanken. Der Geist ist der Geist der Freiheit! Zum ersten Mal in der Geschichte ist es so, dass der Glaube nicht "vorgeschrieben" ist (man glaubt, weil das so üblich ist). Zum ersten Mal: Ich muss nicht glauben. Ich kann und darf glauben, weil ich überzeugt bin.
Ich begegne dem Geist z.B. in der Liebe. Der Geist ist der Geist der Liebe. Ein junges Brautpaar ist bei mir. Die beiden haben eine Kirche schon seit längerem nicht mehr von innen gesehen. Aber ihre Liebe zueinander ist "schön" und strahlt aus. Gott wirkt in ihnen. Mein Beitrag im Gespräch ist, ihnen das "Göttliche" in ihrer Liebe bewusst zu machen.
Ich begegne dem Geist z.B. im sozialen Einsatz. Der Geist ist der Geist des Füreinander, der Geist der Caritas. Wieviel Gutes geschieht in unserer Stadt: in der Alten- oder Flüchtlingshilfe, in Kindergärten und in der Nachbarschaft! Es ist der Geist Gottes, der da in der Luft liegt, auch wenn die Beteiligten sagen: Das ist doch selbstverständlich, einander zu helfen!
Ich begegne dem Geist z.B. in der Suche nach Sinn. Die Welt ist nicht Chaos (auch wenn sie oft so erscheint). Sie ist geordneter Kosmos. Vieles ist zu entdecken durch Vernunft und Wissenschaft. Der Glaube und die Vernunft sind wie Geschwister, sie stehen nicht feindlich zueinander. Sie brauchen einander und können sich wechselseitig korrigieren. Der Geist Gottes ist der Geist des Sinns. Ich bin dankbar dafür, dass das Glauben und das Denken in unserem Land zusammengehören und sich ergänzen, und dass der Glaube sich einlassen und einbringen kann in den Diskurs der Öffentlichkeit. Er hilft uns, die Götzen unserer Zeit zu erkennen. Wir müssen uns ihnen nicht ausliefern - vor allem nicht dem Obergötzen Geld.

Ja, so kann der Geist "in der Luft liegen". Aber gern feiere ich ihn auch "konzentriert", hochprozentig, sozusagen "noch in der Flasche". Ohne Verflüchtigung. Zum Beispiel: Hier und jetzt, in der Eucharistie. Zu Pfingsten.