Gottvertrauen

Predigt am 26.02.2017

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Gottvertrauen - darum geht es heute. Es ist das Herzstück, der Kernpunkt des Glaubens.
Von einem bewunderten Hochseilartisten wird erzählt, er habe als letzte Steigerung seiner Kunst eine Schubkarre mit aufs Hochseil genommen und einen Jungen, der unten stand, die Hände in den Hosentaschen, und den Hals reckte, gefragt: Glaubst du, dass ich es schaffe, mit der Schubkarre über das Hochseil zu kommen? Der Junge sagte: Ja, ich glaube schon! Darauf der Seiltänzer: Dann komm und setz dich in die Schubkarre!
Glaube ist kein unverbindliches Gefühl. Gottvertrauen heißt, sich wirklich in die Schubkarre zu setzen, oben auf dem Hochseil. Nicht mit den Händen in den Taschen unten breitbeinig zu stehen und etwas für wahr und möglich zu halten, was einen eigentlich kaum etwas angeht. Gottvertrauen ist ein Risiko.
Abraham ist bekanntlich der erste, der dieses Risiko wagt. Er, der Vater des Glaubens. Er bricht auf in die dunkle Nacht, ohne Navi und Kompass, ohne zu wissen, wohin es ging.
Wer ihm auf diesem Weg folgen will, muss sich "leicht" machen, muss Ballast abwerfen und manches zurücklassen – sonst passt er nicht in die Schubkarre.


2


Die nötige Leichtigkeit findet sich in Jesu Worten, gerade im Evangelium: „Seht euch die Vögel des Himmels an, sie säen nicht, sie ernten nicht, und doch ernährt sie euer Vater im Himmel!“ Oder: „Die Blumen des Feldes - herrlicher sind sie gekleidet als der große König Salomon in all seiner Pracht! Seid ihr nicht mehr wert, als jede von ihnen?"
Jesus konnte so reden: er fand kraftvolle Bilder, die die Menschen bewegten. Aber taugen diese Worte auch für den Alltag? Kann man mit ihnen leben?
Sorgt euch nicht - wie soll das denn gehen? Wie soll das gehen, wo doch die Sorge unseren Alltag bestimmt, meistens vom Anfang bis zum Ende?
Also, ich mache mir leider jede Menge Sorgen: um die Gesundheit und das Älterwerden, um Menschen, die mir am Herzen liegen, um die Kirche mit ihren großen Problemen, um unsere Pfarrei, insgesamt um die Zukunft. Andere haben andere Sorgen: das Geld, das nicht reicht. Schulden. Ehekrisen. Die Kinder. Der blöde Chef. Die Sicherung des Alters. Und dann die großen Dinge, die alle betreffen: die Umwelt, das Klima, die Flüchtlinge, die merkwürdige Entwicklung der Politik in der ganzen Welt. Das reicht doch wohl! Sorgt euch nicht? Wirklich nicht?

Nun, Jesus war alles andere als ein utopischer Spinner. Kein Hippie, der einfach in den Tag hineinlebte, oder gar auf Kosten anderer. Kein Traumtänzer, der uns sagt: Legt euch auf die faule Haut! Nein, es ging ihm gerade um das Leben - hier und jetzt. Und da sah er: Viele Menschen starrten so gebannt auf das Morgen und Übermorgen, waren so voll von Ängsten und Sorgen, dass sie das Leben hier und heute richtig verpassten. Und darum sagt Jesus: Sicher - jeder Tag hat seine eigene Plage. Aber macht euch mit dem Morgen nicht verrückt.


3


Haben wir das verlernt? Ich interessiere mich sehr für Afrika oder Lateinamerika. Die meisten Leute dort (auch die Flüchtlinge hier, z.B. meine Freunde aus Eritrea) sind wirklich arm und haben Sorgen ohne Ende, aber sie können dennoch fröhlich sein. Sie klagen und jammern nicht, wie wir das auf hohem Niveau oft tun - mit unseren tausend Bedenken. Sie jedenfalls sind alles andere als Bedenkenträger! Sie lachen viel und gern, sie bejahen das Leben und können auch der eher düsteren Zukunft ohne Panik entgegensehen. Und immer beziehen sie Gott ein; mit seiner Hilfe wird es gehen, so sagen sie, und so meinen sie es auch. Sie schreiben das Gottvertrauen ganz groß! So sind sie meine aktuellen Lehrmeister im Gottvertrauen geworden. Solche Lehrmeister brauchen wir wohl. Vielleicht sind es vor allem unsere Großeltern, an deren Leben wir das Gottvertrauen ablesen konnten - weil sie in dieser Kraft durch schwerste Zeiten, durch Krieg oder Vertreibung hindurchgingen?
Das Gottvertrauen großschreiben, das möchte ich auch. Aber ich hänge drin in der Mentalität eines Deutschen. Wir Deutschen neigen dazu, alles selber in die Hand zu nehmen. Wir tendieren sehr zu Vorsicht, Planung, Kontrolle, Vorsorge, auf die hohe Kante legen, Versicherungen gegen alles und nichts abzuschließen. Das macht das Gottvertrauen zu einem noch größeren Abenteuer!


4


Für mich ist Gottvertrauen nichts Passives. Ich sage nicht: Gott macht das schon. Ich halt mich raus. Ich lege die Hände in den Schoß.
Ich glaube, es geht eher um "Zusammenarbeit", um eine Art "Arbeitsteilung" zwischen Gott und mir. Gerade in wichtigen Entscheidungen und Weichenstellungen meines Lebens habe ich das gespürt. Gehe ich da lieber auf Nummer Sicher, nehme ich den bequemen Weg, oder bin ich bereit, ein Wagnis, ein Risiko einzugehen? Dann erst bekommt das Gottvertrauen Raum. Dann erst bin ich bereit, in die Schubkarre zu steigen.
Denken Sie an Angela Merkel. Sie wimmelte die andrängenden Flüchtlinge nicht ab, sondern sagte mit Zuversicht: "Wir schaffen das!" Dafür hat sie Prügel bekommen, unter Umständen verliert sie deshalb die nächsten Wahlen. Wir schaffen das - das bleibt für mich immer noch ein großes inspirierendes Wort, das unserem Land Ehre macht - und dem dann natürlich kluges, engagiertes Regierungshandeln folgen muss. Das ist die Arbeitsteilung! Die Kanzlerin sprach nicht ausdrücklich von "Gottvertrauen", aber es klang doch sehr danach! Wie schön, wenn sich eine solche Haltung nicht nur im ganz Privaten zeigt, sondern im öffentlichen und politischen Raum! Dann werden nicht Mauern, sondern Brücken gebaut!
Gottvertrauen hat zu tun mit der Lust nachzuschauen, wohin man käme. Diese Haltung macht uns Mut, macht uns Beine, lässt uns Schritte tun, die wir sonst vielleicht niemals wagen würden!


5


Die folgende Geschichte erzähle ich mit leichtem Augenzwinkern; ich komme nicht so gut dabei weg! Der junge äthiopische Student Misrak, den ich gut kannte, mailte mir vor drei, vier Jahren, er würde so gerne nach Deutschland kommen und hier "richtig" studieren. Ich mailte äußerst vorsichtig zurück, ich fühlte mich zu alt, ihn darin zu begleiten; wenn er mit dem Studium fertig wäre, wäre ich in den Siebzigern, und ich wüsste ja nicht, ob ich dann noch lebe. Ein klassischer Fall von "Bedenkenträger"! Seine Antwort, mit einem Smiley, diesem lachenden Gesicht, hatte es in sich: "Ich wundere mich doch sehr, dass ein Priester so wenig Gottvertrauen hat!" (Nun, er wusste offensichtlich, wie er einen Priester überzeugen kann; heute studiert er erfolgreich Maschinenbau in Aachen, und ich lebe immer noch!)
Gottvertrauen heißt hier: Wimmle nicht ab. Drück dich nicht an den Herausforderungen vorbei. Sag nicht zu schnell: Das geht doch nicht! Für Gott ist alles möglich. Und das färbt irgendwie ab - auf den, der auf Gott vertraut - das (fast) Unmögliche wird möglich!
Vielleicht kann man es auch so sagen: Gottvertrauen heißt nicht: glauben, dass alles immer gut ausgeht. Gottvertrauen ist eher die Zuversicht, dass das, was ich tue und erlebe, sinnvoll und richtig ist - egal, wie es ausgeht.


6


Zurück zum Evangelium, zur Bergpredigt. Jesus sagt: "Euch soll es zuerst und vorrangig um Gottes Reich und seine Gerechtigkeit gehen. Dann wird euch alles andere dazu gegeben."
Also zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit! Gott kommt bei Jesus zuerst, er steht an erster Stelle! Und sein Reich: Frieden stiften. Sich versöhnen. Miteinander teilen. Dann folgt alles andere.
Der unter Hitler hingerichtete Jesuit Alfred Delp hat einmal sehr schön formuliert: "Wir haben alle einen geheimen Motor in uns, der uns antreibt in allem, was wir tun." Dieser Motor unserer Handlungen und Entscheidungen ist uns oft gar nicht recht bewusst. Was ist mein geheimer Motor, mein "Zuerst"?
Bei vielen Menschen ist die Sorge um die Kinder der geheime Motor und die Triebfeder ihres Handelns. Vieles wird mit Blick und Rücksicht auf die Kinder geplant und entschieden. Für manche ist das Geld, das eigene Ansehen, oder der Wunsch nach Liebe, Freundschaft und Geborgenheit der geheime Motor. Wenn man genau hinschaut, dann steckt hinter all dem eine große Portion Angst: Angst, zu kurz zu kommen, Angst, nicht genug gewürdigt und geliebt zu werden, Angst, Wichtiges zu verpassen. Angst und Unsicherheit.
Der Motor Jesu, sein "Zuerst" kommt aus einer anderen Haltung. Nicht Angst, sondern Vertrauen! Jesus lebt aus diesem Vertrauen, und er wirbt um dieses Vertrauen.
Vielleicht hatte er die Worte des Jesaja im Ohr, die Worte unserer Lesung: Wird eine Mutter jemals ihr Kind vergessen? Und selbst wenn sie es vergäße - ich vergesse dich nicht. Spruch des Herrn.
Dieses Vertrauen ist das Fundament, auf dem Jesus das Lebenshaus aufbaut. Und wenn das Fundament stimmt, dann fügt sich alles andere, dann hat nicht die Sorge die Oberhand, sondern die Zustimmung zum Leben, die Freude am Leben, die Hoffnung und Zuversicht.