Weihnachtspredigt 2016



Was könnte dieses Jahr ein Einstieg für Weihnachten sein? Ich fragte einige Leute, und sie sagten: Nicht wieder die Flüchtlinge. Nicht das Attentat in Berlin. Sondern etwas, das uns viel näher ist: die Familie!


Die Familie? Für die Allermeisten unter uns ist sie der entscheidende Lebensbereich. Zu Weihnachten wird das ja ganz deutlich: Man feiert weithin in der Familie, lädt ein, besucht die Großeltern, sieht Onkel und Tanten. Aber in der Öffentlichkeit spürt man wenig davon. Da ist sie nicht das große Thema. Fernsehtalkshows diskutieren nicht über die Familie, sondern über alternative Lebensformen, etwa die Homo-Ehe. Familie - das ist so stinknormal! Irgendwie langweilig, altmodisch! Ohne Glanz und Glamour! Oder nur eine Problemzone, in der es immer wieder kracht. Selten die "heile Welt", die wir uns zu Weihnachten wünschen.


Was ist das Tolle an einer Familie? Ich meine, bedingungslose Liebe ist möglich! Ich muss immer noch schlucken, wenn ich das Lied von Reinhard Mey höre: Zeugnistag. Das Lied ist fast 40 Jahre alt, und der Sänger erzählt von seinem 12. Lebensjahr. Er ist schrecklich faul in der Schule und bekommt dafür die Quittung: ein Zeugnis, mit dem man eigentlich nur zur Fremdenlegion gehen kann! Es wird ihm bescheinigt, ein totaler Versager zu sein. Nicht einmal eine 4 in Religion! Die Eltern müssen das Zeugnis unterschreiben, aber der Junge schämt sich und fälscht deren Unterschrift. Dem Rektor fällt das auf, und er bestellt ziemlich hämisch die Eltern zu sich, um den Urkundenfälscher zu überführen. Vater und Mutter schauen sich das Geschreibsel an und sagen wie aus einem Munde: "Ja, das ist tatsächlich unsere Unterschrift!“


Das Lied endet:

Ich hab' noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor'n
und lernte widerspruchslos vor mich hin.
Nur eine Lektion hat sich in den Jahr'n herausgesiebt,
die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt,
ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!
Ich weiß nicht, ob es rechtens war, dass meine Eltern mich
da rausholten, und wo bleibt die Moral?
Die Schlauen diskutier'n, die Besserwisser streiten sich,
ich weiß es nicht, es ist mir auch egal.
Ich weiß nur eins: ich wünsche allen Kindern auf der Welt,
und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind,
wenn's brenzlig wird, wenn's schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt,
Eltern, die aus diesem Holze sind.


Ich vermute, Lehrer mögen dieses Lied nicht besonders. Immerhin geht es ja um Betrug. Aber viel mehr noch geht es um Eltern, die aus diesem Holze sind; die zu einem stehen, die wie eine Zuflucht sind. Das war die wichtigste Lektion in meinem Leben, singt der Sänger.


Bedingungslose Liebe! Vorbehaltlos! Ein junger Mann erzählte mir vor kurzem, in seiner Jugend sei er "echt daneben" gewesen: immer mit einem Bein im Gefängnis, Drogenkonsum, Diebstähle. Auch den eigenen Vater habe er beklaut, aber der habe immer zu ihm gestanden, habe ihn nie fallen gelassen, und das sei letztlich seine Rettung gewesen. Als ich das hörte, wurde mir klar: Solche bedingungslose Liebe ist alles andere als einfach und selbstverständlich, ist eine harte Lektion gerade für den Vater, der beim Sohn aushält, aber hat das Zeug, rettend zu sein - dem Sohn "das Leben zu retten", ihn heraus zu holen aus dem Sumpf, in dem er steckt.


Ich denke da auch an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, dessen Verlorenheit aufhört, als er die grenzenlose Liebe des Vaters spürt.


Und da sind wir schon bei Weihnachten! Bedingungslose Liebe auch hier, in der Weihnachtsgeschichte! Und darum passt das so gut zusammen: Weihnachten und die Familie. Nicht weil wir in schönen Worten schwelgen: Liebe, Frieden, Harmonie, Toleranz. Davon reden alle zu Weihnachten, auch die, die mit der Geburt Jesu nicht mehr viel am Hut haben. Aber diese schönen Worte laufen auf und prallen ab an dem oft so harten und sperrigen Alltag, - an der Wirklichkeit, wie sie ist -, an den Reibereien und Abneigungen, den hohlen Gewohnheiten und negativen Gefühlen. "Ein bisschen Friede, ein bisschen Liebe" zu Weihnachten: das ist ein bisschen zu wenig! Wir brauchen Eltern und Kinder und Schwestern und Brüder, die "aus diesem Holze sind", aus dem harten Holze bedingungsloser Liebe,nicht aus "Gummi" oder aus "Pudding2! Die gerade dann verlässlich da sind, wenn's brenzlig wird, wenn's schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt.


Als die Welt drohte zusammenzufallen, als die Römer das Land Israel beherrschten und die Hoffnungen der Menschen ins Leere liefen, da ist Gott in die harte und sperrige Welt hinein gegangen. Er schenkt der Welt ein Kind, das in der harten Krippe liegt, in einem Stall. Er setzt es der Welt aus. Was für ein Risiko! Ein wehrloses, hilfloses Kind! Was wird alles passieren: Kindermord in Bethlehem. Flucht nach Ägypten. Später: Einige Anhänger und viel Ablehnung. Konflikte und Nicht-verstehen. Endlose Wege und Wanderungen hin zu den Menschen. Noch später: das Kreuz. Krippe und Kreuz. Hartes Holz selbstloser, bedingungsloser Liebe.


In diesem Menschen Jesus Christus, da irgendwo am Rand der Welt, "erschien die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters" (Titus 3,4).


Wenn wir mal am Ende unser Lebenszeugnis bekommen und sehen sollten: kaum eine Vier, die Hauptfächer "Glaube Hoffnung und Liebe" noch nicht mal ausreichend - immer wieder und gerade dann hoffe ich auf diese Menschenfreundlichkeit Gottes. Dann hoffe ich auf seine rettende Unterschrift. Es heißt: Gott schreibt gerade auch auf krummen Zeilen! Selbst die totalen Versager fliegen nicht raus.


Gott liebt - trotz allem. Versuchen wir es auch - trotz allem.


Der große Theologe Karl Rahner sagt es so:

Weihnachten heißt: Er ist gekommen.
Er hat die Nacht hell gemacht.
Er hat die Nacht unserer Finsternis,
die Nacht unserer Unbegreiflichkeiten,
die grausame Nacht
unserer Ängste und Hoffnungslosigkeiten
zur Weih-Nacht,
zur heiligen Nacht gemacht.
Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort
im fleischgewordenen Wort Jesus Christus
in die Welt hineingesagt.
Und dieses Wort heißt:
Ich liebe dich, du Welt und Mensch.
Ja, zündet die Kerzen an!
Sie haben mehr Recht als alle Finsternis!