Gedenkveranstaltung für die Opfer von Berlin


Lüdenscheider Weihnachtsmarkt 23.12.2016

„Nein, Ihr bekommt meinen Hass nicht. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich alle Leute mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Ihr habt verloren. Der Spieler ist noch im Spiel!"


Worte von Antoine Leiris, 34 Jahre, Journalist. Er hat einen Sohn von 17 Monaten, Attentäter haben gerade seine Frau im Konzertsaal Bataclan in Paris erschossen, vor einem Jahr. Sein Wort ging um die ganze Welt, es ist eines der großen bewegenden Worte der letzten Jahre: Auf meinen Hass könnt ihr lange warten! Das sagt einer, der jetzt mit seinem kleinen Jungen allein dasteht – die Mutter ein Opfer terroristischer Gewalt. Gewalt trifft hier auf Gewaltlosigkeit. Hass löst aus: Hasslosigkeit. Unglaublich!


Und was sagen wir? Wir sind hier auf einem Weihnachtsmarkt, kleiner als der in Berlin, und nicht so sehr im Fokus. Ein eher harmloser Ort, wo Menschen - wohl entspannt, gesellig, friedlich - sich auf Weihnachten einstimmen. In Berlin überrollte ein Lkw Dutzende von Menschen. Er überrollte und walzte viel mehr nieder - der Anschlag traf das Herz unseres Landes. Menschen wie du und ich. Menschen kurz vor ihrem Lieblingsfest, Weihnachten. Vor dem Fest, bei dem die Engel singen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen seiner Gnade.


In Berlin sangen nicht die Engel. In Berlin zeigte das Böse seine teuflische Fratze. Und diese dämonische menschenverachtende Energie, die sich in der Welt eingenistet hat, kann zu jeder Zeit und an jedem Ort wieder zuschlagen. Da hilft nicht viel: keine Schuldzuweisungen. Nicht die Betonpoller am Rande des Weihnachtsmarktes, nicht die Polizisten auf Streife. Wir wollen und müssen ja immer irgendwas tun. Lassen Sie uns zuvor eingestehen: Erstmal sind wir ohnmächtig, ungesichert. Das haben wir Menschen weltweit gemeinsam: viele Länder - nicht nur Syrien - trifft diese Ohnmacht ständig und wirklich hart. Wie in langsamen Wellen kommt das jetzt auch bei uns an.


Mit dem Bösen lässt sich nicht verhandeln. Man muss ihm deutlich Widerstand leisten! Wie Antoine Leiris, der sich weigert, die Mörder seiner Frau zu hassen. Wie viele Verantwortliche, die mit Vernunft und Augenmaß nach Lösungen suchen. Wie alle die, die die Hassparolen in unserem Land nicht mitschreien und ihnen laut widersprechen. Wie die vielen Menschen auch in unserer Stadt, die aus eigenem Antrieb - ehrenamtlich - etwas für Menschen in Not tun, auch für Flüchtlinge. Und die durch das dann (vielleicht) entstehende Miteinander selber bereichert werden.


Ja, wir sind oft ohnmächtig angesichts der schrecklichen Formen und Spielarten des Bösen. Sagen wir es deutlich: Nicht wir retten die Welt. Nicht wir sind die Erlöser! Eine andere Macht rettet die Welt, kann auch uns stärken, bringt ein strahlendes Licht in die um sich greifende Finsternis. Reden wir nicht so verschämt, so verlegen von dieser Macht, die stärker ist als alle Teufel in der Welt zusammen! Wegen dieser Macht feiern wir Weihnachten - trotz allem! Wegen Gott. Unsere schönen Worte, die sich zu Weihnachten einstellen - Liebe, Toleranz, Frieden, Harmonie - sind zu schwach, zu blass angesichts der Härte der Welt und der zerstörerischen Kraft des Bösen. Sie reiben sich auf an dieser Härte. Für mich ist Gott diese überzeugende Macht. Er steht über den Machtspielen dieser Welt. Er kommt nicht mit dem Schwert. Er kommt als Kind in der Krippe: wehrlos, gewaltlos, machtlos. Ohne Hass.


Das ist Seine Art von Macht. Krippe und Kreuz. Und wo diese Macht hinkommt, singen die Engel weiter.


Ich schließe mit einem Bild - vorgestern in der Zeitung. Es ist das UNICEF-Foto des Jahres 2016, das Siegerfoto eines internationalen Wettbewerbs. Ein kleines Nomadenmädchen mit leuchtend rotem Umhang steht vor einer Müllhalde im Iran. Schreckliche Landschaft! Und das Mädchen lacht! Und strahlt! UNICEF schreibt dazu: Das Lächeln des Mädchens steht für die Widerstandskraft, mit der Kinder ihre Unbeschwertheit leben.


Ein Mann, der sich weigert zu hassen. Ein Mädchen, das vor Müllhalden strahlt und lacht – ich glaube, sie haben das Singen der Engel gehört.