Er gab ihnen ein Kind

Predigt am 4. Adventssonntag 18.12.2016

Heute, so nah vor Weihnachten, kann uns eine Weihnachtsgeschichte auf das Kind einstimmen, das zur Welt kommt als Gottes großes Geschenk. Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten.


Im Himmel war man ratlos. Keiner im Himmel, kein Engel wusste mehr, wie man mit den Menschen klarkommen könnte. Die Menschen waren für die Geheimnisse des Himmels taub und blind geworden. Die Verbindung zum Himmel war wie unterbrochen. Die Träume waren auch erloschen. Wenn die Irdischen, die Menschen, träumten, dann von ganz anderen Dingen: von Reichtum, Erfolg und schönen Frauen. Die Menschen lebten und träumten nach außen, nicht nach innen oder gar nach oben.


Das darf so nicht bleiben, dachte man im Himmel. Die sichtbare und die unsichtbare Welt gingen immer mehr auseinander. Es tat den Menschen nicht gut, sich immer nur mit sich selber zu beschäftigen, um sich selber zu kreisen. Aber auch die Himmlischen waren traurig darüber, immer nur unter sich zu sein. Und so kamen sie zusammen und berieten: Was tun?


Eine Gruppe der Himmlischen sagte: "Vielleicht kommen die Menschen durch Naturkatastrophen und Erdbeben wieder zur Besinnung. So etwas hat doch früher immer großen Eindruck gemacht!" Doch dagegen wurde von allen Seiten Einspruch erhoben. "Strafaktionen können doch nicht himmlische Mittel sein!" "Vielleicht," so meinte eine andere Gruppe, "sollten wir in voller Ausrüstung den Menschen gegenübertreten, sie mit Glanz und Gloria überwältigen und auf die Knie zwingen; dem Aufmarsch der himmlischen Heerscharen könne doch niemand widerstehen." Aber die Jüngeren unter den Engeln hielten gar nichts davon. "Solche Machtdemonstrationen machen für den Moment ein bisschen Eindruck," sagten sie, "aber wir können doch nicht dauernd vor ihnen stehen bleiben! Wenn sie uns nicht mehr sehen, bleiben ihnen nur unsere Heere in Erinnerung. Sie werden nicht zögern, unseren Auftritt nachzuahmen und dann selber immer wieder Heere aufzustellen und Krieg zu führen!"


Bisher hatte sich eine weitere Gruppe zurückgehalten, die offensichtlich mit keinem der vorgeschlagenen Wege einverstanden war. "Nun denn," sagten sie, "wir haben uns unter den Menschen umgesehen und sind auf andere Dinge gestoßen. Wir haben seit Wochen den irdischen Markt erforscht. Man muss wissen, wie sie denken, was sie erwarten und welche Bedürfnisse sie haben. Danach müssen wir unsere Pläne richten. Sonst bleibt es ein Angebot ohne Nachfrage." "Ich erhebe Einspruch", rief einer der führenden Engel. "Wir sind vor ihnen dagewesen. Sie haben uns nicht zu kritisieren! Die Bedürfnisse des Himmels sind tiefer; auf die sollen sie achten. Sie sind Geschöpfe! Sie haben zu dienen!"


Plötzlich wurde es ganz still. Der Erzengel Gabriel war zu ihnen getreten. Er war bei Ihm - bei Gott - gewesen. Nun stand er unter ihnen und strahlte sie alle an. Dann sagte er nur: "ein Kind!" Und als sie ihn alle sprachlos anstarrten, da wiederholte er: "Ein Kind. Er gibt ihnen ein Kind. Das ist seine Antwort auf die Entfremdung der Menschen!"
"Ein Kind, ein Kind," riefen nun alle im Himmel miteinander, und es klang staunend und erschrocken, bewundernd und abwehrend: Ein Kind - wie göttlich! Ein Kind - wie gewöhnlich! Ein Kind - wie einfach! Ein Kind – wie unverständlich!


Als erstes brach es aus denen heraus, die den irdischen Markt erforscht hatten: "Aber sie wollen das Kind doch nicht! Sie wollen keine Kinder mehr, Kinder sind ihnen eher unerwünscht. Sie haben keinen Platz und keine Zeit für sie. Familien mit Kindern finden oft keine Wohnung. Darum wird auch für dieses Kind kein Platz in der Welt sein! Es ist unerwünscht!" Gabriel antwortete ruhig: "Eben darum soll es ein Kind sein, ein unerwünschtes neben unerwünschten. Es wird ihm gehen wie vielen anderen. Der Mann seiner Mutter wird sie noch vor der Geburt verlassen wollen. Der König wird es verfolgen und will es töten, kaum ist es geboren. Später wird man es ablehnen, weil es als erwachsener Mensch anders denkt und lebt als die anderen. Immer wird es unerwünscht sein, so wie Gott selber unerwünscht ist. Dieses Kind teilt sein Schicksal mit Gott und mit allen unerwünschten Kindern und Menschen."


Da Fragen erlaubt war, nahte sich einer der Engel, der die Menschen mit Schrecken erschüttern wollte, und fragte: "Warum soll es wieder einer von ihrer Sorte sein?" Gabriel antwortete: "Alles Menschliche, das mehr ist als ein Mensch, wird ein Übermensch und unmenschlich. Sie haben an Übermenschen schon genug zu leiden! Für Gott sind sie gerade recht als Menschen! Es genügt, wenn sie rechte Menschen sein können. Du brauchst keine Angst zu haben, das Kind wird von ihrer Art sein, aber nicht von ihrer Unart. Es wird ihnen zeigen, wie menschenfreundlich Gott ist – und wie gottesfreundlich der Mensch sein kann."


Daraufhin wagte kaum mehr ein Engel etwas zu fragen, bis sich zuletzt einer bescheiden erkundigte: "In welchem Volk soll das Kind geboren werden? Und ist es auch sicher, dass man es dort annimmt?" Ihm antwortete Gabriel: "Es wird in einem Volk, dem jüdischen, geboren werden, das keine Grenzen hat. Was dort geschieht, gehört von Anfang an der ganzen Welt. Es kommt in diesem Volk zur Welt. Und ob sie es annehmen? Es ist eine Gabe Gottes. Es ist Sein Geschenk und nicht ein Zwang. Es ist Sein Angebot an alle!"


(Nach einer von Werner Reisers Legendenpredigten)