Geduld, Geduld, und nochmals Geduld

Predigt am 3. Adventssontag 11.12.2016

Ein neuer Lehrer kommt in die Schule. "Haben Sie auch genug Geduld mitgebracht?", fragt ihn der Rektor. "Ich hoffe doch," sagt der Neuling. "Nun, ist ja auch egal," meint der Rektor. "Wer keine Geduld hat, der lernt sie hier. Und wer Geduld hat, der verliert sie hier!" Es scheint etwas kompliziert zu sein mit der Geduld.


Geduld, Geduld, und nochmals Geduld. Das ist wohl das Erste, was wir hier in der Lesung heraushören:
Geduld brauchen die Eltern mit ihren Kindern und umgekehrt, die Lehrer mit ihren Schülern und umgekehrt, der Mann mit seiner Frau und umgekehrt, der alte Mensch mit seinen Beschwerden: - es geht nicht mehr so schnell - und das Kind, das alle seine Wünsche sofort erfüllt haben will.
Geduld brauchen wir - auch in der Kirche: Die Gemeinde mit dem Pfarrer und der Pfarrer mit der Gemeinde. Geduld braucht der Prediger, bis er seine Vorbereitung endlich fertig hat und die Gemeinde, bis die Predigt endlich zu Ende ist.
Und wer sich selber ein bisschen kennt, braucht am meisten Geduld mit sich selber. Vermutlich könnte jeder von uns einstimmen: "Herr, gib mir bitte viel Geduld, - aber sofort!"


Aber was soll das bei Jakobus hier in der Lesung:
So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn. Lateinisch: bis zum Advent des Herrn.
Geduldig sein - bis zum Kommen des Herrn? Kommt der überhaupt? Eher rechnen wir doch mit dem Weltende wegen Klima-, Umwelt- oder Atomkatastrophen, aber dass Jesus wiederkommt? Auf diese Erde? Gibt es das, dass Christen das Wiederkommen Jesu so dringend erwarteten, so darauf brannten, dass sie zur Geduld gemahnt werden mussten?


Wenn wir uns mit den ersten Christen vergleichen und vermutlich mit dem Wiederkommen des Herrn wenig bis nichts am Hut haben, dann merken wir wohl:
Die ersten Christen hatten in sich ein Feuer, das wir so nicht mehr kennen. Und sie "bekamen Feuer": Druck von außen, Verfolgungen, auch das Martyrium. Da haben wir es doch sehr bequem! Aber schauen wir nur in die IS-Gebiete etwa im Nordirak, wo man Christen massen- und grauenhaft umbringt! Wer für Jesus brennt, der kriegt oft Feuer von außen, muss leiden, wird verfolgt. Das gehört wohl untrennbar zusammen.


Also: Weil diese ersten Christen so "feurig" waren, deshalb brauchten sie die Mahnung zur Geduld bis zum Kommen Christi. Sie wussten: der Welt in ihrer Not - und auch ihnen selbst - konnte nichts anderes mehr grundlegend helfen als die Wiederkunft Christi, das Kommen des Reiches Gottes. Und je eher die Hilfe kommt, desto besser - oder? Sie hofften - nicht auf eine langsame Verbesserung der Zustände in der Welt, nicht auf kleine Reformen. Sie hofften auf Gott, den Erlöser, auch wenn er noch verborgen ist, auch wenn er schweigt. Diese Hoffnung war die beharrliche Flamme, mit der sie die Kälte und Dunkelheit des Lebens und der Zeit aushielten.


Vielleicht verstehen wir das besser, wenn wir uns das Wort für "geduldig sein" noch etwas näher anschauen. Im Griechischen heißt das zunächst: einen langen Atem haben. Habt einen langen Atem bis zum Kommen des Herrn. Das ist das Gegenteil von kurzatmig sein, kurzatmig leben.


Unsere Zeit ist ungeheuer kurzatmig und ungeduldig geworden. Warum? Sie hat kein wirkliches Ziel mehr. Und wer kein Ziel mehr hat, der versucht bald dieses und bald jenes, alles nur kurz und oberflächlich, und immer in Hektik.


Wer nun ein großes, ja großartiges lohnendes Ziel hat, der stellt sich mit seinem ganzen Leben darauf ein, der teilt seine Kraft ein, konzentriert sich, lässt sich nicht mehr so leicht ablenken und verwirren, sondern steuert das Ziel mit langem Atem an.
Seid geduldig, habt langem Atem, man kann auch übersetzen: Seid langmütig, habt lange Mut, seid großmütig, habt ein großes Herz (das ist das Gegenteil von kleinkariert und verzagt sein), habt guten Mut, also: verliert nicht die Fassung, gebt nicht auf, zieht euch nicht zurück wenn's nicht gleich klappt. Mut und Tapferkeit kann man nur beweisen, wenn man etwas verteidigt, was sich lohnt oder wenn man ein lohnendes Ziel nicht verpassen will.


Ich denke: Geduld meint nicht ein schlappes, passives Abwarten und Aussitzen, auch nicht ein billiges Vertrösten. Sondern es geht darum, dass wir Atem, Herz und Mut bis zum Ziel behalten. Richtige Geduld hat immer etwas mit Stärke und Vertrauen zu tun.


Lernt vom Bauern, sagt Jakobus.
Der Bauer weiß: die Frucht geht zu ihrer Zeit auf und wird reif. Der Bauer muss auch nicht ungeduldig jeden Tag aufs Feld rennen und an den Halmen ziehen, damit sie schneller wachsen.
Die gute Saat ist in die Erde gelegt, Jesus wurde hier geboren, hat hier gelebt und gewirkt, wurde gekreuzigt und ist auferstanden, und die Frucht von all dem wird noch zur vollen Reife und Entfaltung kommen. Das haben wir noch nicht. Aber es kommt, wenn ER kommt!


Und dafür lohnt es sich, langen Atem zu behalten und nicht durch dieses Leben zu hecheln und am Ende schlapp zu machen.
Langer Atem - auch heute in der Kirche: Nein, wir müssen nicht langsam dichtmachen, weil sowieso alles den Bach runter geht. Auch wenn die Zeiten schwierig sind und sicher noch schwieriger werden: Wir müssen nicht kurzatmig durchs Leben hecheln, uns in Einzelheiten und Lappalien verlieren, uns von jeder Welle mitnehmen lassen, vor Widerständen zurückweichen und am Ende ganz schlapp machen - und das war's dann! Sondern das Beste - der Beste - kommt ja noch! Wir dürfen IHM erhobenen Hauptes entgegengehen, mit langem Atem das Ziel ansteuern und bis zum Ziel durchhalten! Und wer so lebt, der hat dann wohl auch Geduld für den alltäglichen Kleinkram, denn das Kleine ist im Großen immer eingeschlossen und enthalten.


Seid geduldig, habt langen Atem und Mut - und stärkt eure Herzen, denn das Kommen, der Advent des Herrn ist nahe!