Traueransprache

05.12.2016

Das Thema Tod kam sehr plötzlich für ihn und für alle, mit denen er sich verbunden fühlte. Kaum zwei Monate hatten sie Zeit, sich vorzustellen, dass er bald nicht mehr da ist. Sein Lachen, seine Freude, sich zu unterhalten, sein Singen, seine Vitalität, seine Nähe, alles nicht mehr da! Er ging erstaunlich stark mit seiner Krankheit und seiner Todesnähe um. Ich traf ihn im Krankenhaus und zuhause und dachte, einen gebrochenen Mann vorzufinden. Aber er war nicht gebrochen - oder vielleicht nur in ganz privater, intimer Weise, wenn er allein war. Ungebrochen war sein Wunsch: "Ich möchte gerne leben und bei meiner Frau bleiben." Die Hoffnung kämpfte mit dem Realismus: "Schön, wenn ich es noch bis Weihnachten schaffe!" Er wusste, was ihm bevorstand und verdrängte es nicht. Ich brachte ihm bei meinem Besuch zuhause einen flachen Stein mit, in den eine kunstsinnige Frau den Text von Dietrich Bonhoeffer eingraviert hatte: "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag …" Mein Eindruck: Genau das lebte er – "erwarten wir getrost, was kommen mag". Es ging eine Kraft von ihm aus. Er stärkte die anderen, und sie stärkten ihn. Bis zum Schluss konnte er noch seine Familie zum Lachen bringen.


Wie konnte er das? Er stand fest im Glauben. "Jesus ist mein Freund," sagte er häufig. Der Glaube gab ihm Halt, sein Leben lang. Jeden Sonntag war er in St. Joseph und Medardus zu finden. Er sang im Kirchenchor, wie auch in anderen Chören. Im Singen kam seine Lebensfreude, seine Dankbarkeit zu leben heraus. Im Singen verband er sich mit seinem Schöpfer. Im Singen, im Gebet, in der Stille, wenn er ganz versonnen in seinem Garten saß, oder am Meer in Griechenland, und nur schaute.


Wie der Schöpfer war er selber kreativ, ganz schöpferisch. Mit seiner ersten Frau teilte er die Freude am Schönen und die Fähigkeit, Schönes zu schaffen. Sein Haus weist vieles auf, was er mit seinen Händen aus Metall oder aus Holz geschaffen hat, und was bleibend an ihn erinnert. Er liebte und genoss sein Haus, sein Refugium, den Blick hinauf zum Wald, und war sehr dankbar dafür.


Ganz besonders dankbar war er, dass sein Haus in den letzten 18 Jahren wieder belebt wurde durch seine griechische Frau und ihre Familie. Ein Zettel fand sich, in seiner Handschrift: "Das Beste im Leben ist die Verbindung mit Menschen, die dem Leben einen Sinn geben." Diesen Lebenssinn fand er ganz stark in der Liebe und Nähe zu seiner Frau und zu deren Kindern. Es war ein Geben und ein Nehmen, wie in jeder Familie. Seine Frau, die er 1998 zufällig - oder gefügt - in einer Pizzeria kennengelernt hatte, half ihm, aus der psychotischen Erkrankung langer Jahre heraus zu finden. Er war seitdem im Großen und Ganzen gesund und stabil. So nahm er und er gab viel: Er wurde den heranwachsenden Kindern wirklich ein Vater, ein Gesprächspartner, Ratgeber und Vorbild; sie sagen: "Er hat immer Leben in die Bude gebracht", oder: "Er war wirklich ein freier Mensch. Großzügig und hilfsbereit." Oder: "Er hat immer zu uns gestanden, auch wenn wir in großen Schwierigkeiten waren!" Ja, es fiel sogar das Wort vom "Engel". Der Mensch - ein Engel! Engel sind Boten Gottes. Ja, es kann sein, und dazu sind wir eigentlich bestimmt, dass ein Mensch zum Boten Gottes wird und Gottes gute Botschaft von der Liebe weiterträgt – in der Regel nicht so sehr durch Worte, sondern durch Gesten und Taten.


Er wurde in den letzten Jahren so ein "halber Grieche" - er hatte dort ein Haus in der Nähe des Meeres, im Urlaub saß er gern in der Sonne Griechenlands, Meer und Sonne ließen ihn aufleben. Die Leute im Dorf kannten ihn, er gehörte dazu. Das war eine Begabung: schnell integriert zu sein, dazu zu gehören. Seine Kontaktfähigkeit machte ihn auch zu einem guten Geschäftsmann. Sein Laden mit Gebrauchtwaren gab ihm Freude. Es ging ihm nicht so sehr ums Geldverdienen, sondern darum, Kontakt mit den Kunden zu haben und ihnen zu günstigen Geräten zu verhelfen.


Alles spricht dafür: Er war ein guter Mensch und ein guter Christ. Und so mischt sich in die Trauer die große Dankbarkeit für sein Leben und der Ansporn, vieles von dem, was ihm wichtig war, wachzuhalten und weiterzuführen: die Freude an den anderen. Eine Lebensweise, die nicht um sich selber kreist, sondern die anderen aufnimmt ins eigene Haus und ins eigene Leben.