Der König und der Räuber

Predigt am 20.11.2016

Man kann im Heiligenkalender blättern. Tausende von Namen gibt es da. Aber kein Plätzchen gibt es für den sogenannten „guten Schächer“, den Räuber, der neben Jesus am Kreuz hing! Es gibt Plätze und Feste für alle anderen, die mit Jesus am Karfreitag auf Golgota waren. Natürlich für Maria. Natürlich für den Lieblingsjünger Johannes und für Maria Magdalena, obwohl die für manche ein bisschen anrüchig ist - bei ihrer angeblichen Vergangenheit!


Es gibt auch Plätze für die, die nicht dabei waren. Für den ersten Papst, für Petrus, der irgendwohin geflohen ist, um sich auszuweinen wegen seines Verrats und seiner Feigheit. Auch für alle anderen Apostel, die vor Angst wie gelähmt waren, und alle gemeinsam ihr Heil in der Flucht suchten.


Für den "guten Schächer", den mitgekreuzigten Verbrecher, gibt es dagegen keinen Platz im Heiligenkalender. Dabei hat Jesus ihn selbst doch heiliggesprochen - als Einzigen aller Menschen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“ Wenn das keine Heiligsprechung ist.


Wir kennen nicht einmal seinen Namen. Nichts sonst ist von ihm überliefert. Wahrscheinlich wollte man uns Christen mit ihm nicht in Verlegenheit bringen. Man stelle sich vor: ein Räuber, vielleicht auch ein Mörder, möglicherweise ein Terrorist seiner Zeit - damals gab es die auch schon, die kämpften vor allem gegen die Römer. Und so einer bekehrt sich in den letzten fünf Minuten seines Lebens, sozusagen fünf vor Zwölf, und wird dann gleich von Jesus ins Paradies versetzt: fürwahr ein Arbeiter der allerletzten Stunde! An jedem Punkt des Lebens, wirklich an jedem Punkt, selbst ganz zum Schluss, kann das Leben mit Jesus, kann der Glaube neu anfangen. Was für ein Trost!


Liebe Christen, soll man für Al Khaida und die über Leichen gehenden Terroristen des IS-Staates beten? In meiner Heimatgemeinde in Essen, in der Pax-Christi-Kirche, wird das getan. Es wird dort aller Menschen gedacht, die in Gewalt verstrickt waren, und für sie gebetet. Natürlich für die Opfer, das ist klar; aber auch für die Täter, etwa für die Terroristen aller Zeiten. Für Hitler oder für Stalin. Da wird nicht vorsortiert in Gut und Böse. Alle werden dem Gericht und dem Erbarmen Gottes überlassen. Gott richtet, nicht wir. Und er begnadigt, er vergibt, wie er will und meint. Auch einem Räuber, einem Mörder, der neben Jesus am Kreuz hängt und von ihm heiliggesprochen wird.


Was wissen wir schon von den verpfuschten Existenzen, von denen, die längst abgeschrieben sind, für die das Urteil schon feststeht: Lebensziel nicht erreicht! Was wissen wir schon, welche Begnadigung, welches Erbarmen sie in den letzten fünf Minuten oder wann auch immer empfangen. Ein ganzes schief gelaufenes Leben - und dann die Chance von Sekunden! Diese kurze letzte Minute, auf die es ankommt, hat der Verbrecher mit etwas sehr Großem ausgefüllt: Er hat den Spott und die Verachtung der anderen gegenüber Jesus nicht mitgemacht, hat nicht mitgehöhnt, nicht ins selbe Horn gestoßen. Stattdessen bereut er sein Leben: "Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten, dieser aber hat nichts Unrechtes getan." Bei ihm tun sich wirklich die Augen des Glaubens auf, die tiefer sehen, die durch die Oberfläche hindurch sehen. Die Oberfläche - das, was alle sehen -, das ist ein gekreuzigter Jesus, der sich und anderen nicht mehr helfen kann, der angenagelt ist und nicht mehr die geringste Bewegung hinkriegt, der grausam leidet und seinen Schmerz hinausschreit. Und zu diesem gefolterten, gekreuzigten Menschen mit der Dornenkrone sagt der gute Schächer: "Denk an mich, wenn du in deiner Macht als König kommst!" Dafür muss man wirklich Augen haben: in dieser Ohnmacht von Macht zu sprechen - vom Königtum zu reden! Ein Glaubensbekenntnis von Kreuz zu Kreuz: Jesus, denk an mich! Übrigens das kürzeste und eindrücklichste Gebet, das ich mir vorstellen kann: Jesus, denk an mich.


Der Räuber am Kreuz verkündet das Reich Gottes und das Königtum Christi in einem Augenblick, wo von Herrschaft und Triumph und Macht nun wirklich nichts zu merken ist. Er nennt einen Menschen „König“, der ohnmächtig ist und vor Schmerzen schreit und mit dem Tode ringt.


Aber er hat damit das Wesentliche getan, das, was wir im Leben und Sterben und angesichts unseres Todes hoffentlich auch tun. Er hat die Versäumnisse und die Schuld seines Lebens bekannt und seine Hoffnung ausgesprochen, dass Jesus an ihn denkt und sich seiner erbarmt. Er hat Jesus als seinen Herrn bekannt. Und sofort erfährt er auch dieses Reich Gottes: Ihm wird vergeben. Ihm wird Gemeinschaft mit Jesus im Paradies zugesagt. Heute noch ...


Eines Tages, so heißt es im Evangelium, kam eine Mutter zu Jesus mit einer merkwürdigen Bitte: "Sag, dass meine beiden Söhne in Deinem Reich Dir zur Rechten und zur Linken sitzen dürfen." Sie wusste nicht, dass das unmöglich war. Der Platz zur Rechten Jesu war schon reserviert. Für einen Räuber.