Elisabeth

Predigt am 19.11.2016

Vor rund 800 Jahren hat sie gelebt, die hl. Elisabeth von Thüringen. Katholische und auch evangelische Christen verehren sie. In den östlichen Bundesländern wie Thüringen, in denen die Christen nur noch eine Minderheit sind, wird die Frau aus dem Mittelalter sehr beachtet. Denn Vorbilder sind rar geworden. Filmschauspielerinnen, Tennisstars oder Fernsehcomedians reichen allein nicht aus. In denen findet eine Gesellschaft kaum ihre Mitte und ihre Seele und ihren Halt. Elisabeth in ihrer radikalen Nächstenliebe ist da von anderem Kaliber.


Was war das für ein Mensch? Das Lexikon teilt mit: Geboren 1207, ungarische Königstochter. Schon mit vier Jahren dem zukünftigen Landgrafen von Thüringen in die Ehe versprochen. Das ging damals so! Mit 14 Jahren Heirat mit Landgraf Ludwig. Innige Ehe, drei Kinder. Glühende, fast extreme Frömmigkeit, inspiriert von der aufblühenden Armutsbewegung, von Franziskus von Assisi. Daher heftige Konflikte mit ihrer Adelsfamilie, die befürchtet, Elisabeth würde den Familienbesitz zugunsten der Armen verschleudern. 1227, da ist sie zwanzig, stirbt ihr Mann, ihre Stütze. Ein Jahr später verlässt sie die Wartburg, ist fast obdachlos, lebt drei Jahre als Spitalschwester in der Krankenpflege in Marburg, stirbt 1231völlig entkräftet mit gerade mal 24 Jahren. Schon vier Jahre später, ein Rekord an Schnelligkeit, wird sie heiliggesprochen.


Wer war also Elisabeth? Alles andere als ein Mauerblümchen. Fröhlich und heiter kam sie den Menschen vor, eine begeisterte Reiterin, eine leidenschaftliche und zärtliche Ehefrau und Mutter. Eine außerordentliche Frau, die wusste, was sie wollte, und die konsequent ihren Weg ging. Dieser Weg war dann irgendwann nicht mehr der Weg des Aufstiegs, der Karriere und des guten Lebens. Nicht mehr die Stellung als Landesfürstin von Thüringen war ihr dann wichtig. Sie ging den Weg des Abstiegs von der Wartburg hinab zu den Armen, Kranken und Hungernden, die damals einen großen Teil der Bevölkerung ausmachten.
Sie pflegte nicht sich, sie pflegte die anderen.


Am Fürstenhof wagte sie zu protestieren gegen das Unrecht, arme Bauern noch mehr auszupressen. Nach dem frühen Tod ihres Mannes, der immer zu ihr stand, empfanden die Adelskreise ihr Verhalten als verrückt, als skandalös. Immer, wenn einer das Evangelium ernst nimmt und danach lebt, kommt dieser Ruf: verrückt! Nicht mehr richtig im Kopf! Auch bei Elisabeth war das so. Sie verließ den Hof und das Hofleben. Da war sie ganze zwanzig Jahre alt, schon Witwe und im Ruf, "Mutter der Armen" zu sein. So wie einige Jahre vor ihr Franz von Assisi wählte sie die radikale Armut, zog nach einigem Umherirren in ein kleines Krankenhaus in Marburg und pflegte dort die Ärmsten der Armen. Sie ist so ein Urbild, ein Leitbild der Caritas geworden. Unzählige Frauen tragen ihren Namen, unzählige soziale Einrichtungen sind nach ihr benannt, wie z.B. das einzige katholische Altenheim in unserer Stadt: Haus Elisabeth.


Auch wenn Pflege heute ganz anders aussieht als im Mittelalter, auch wenn durch Kostendruck und das Diktat der Kranken- und Pflegekassen das Zeithaben und die menschliche Zuwendung ziemlich erschwert werden, die hl. Elisabeth in ihrer radikalen Selbstlosigkeit ist unvergessen!


Aber machen wir es uns nicht zu leicht. Heilige sind fast immer anders, als wir sie uns vorstellen. Heilige liegen quer. Heilige sind eine Provokation, eine Herausforderung. Die Elisabeth der Krankenpflege und des Rosenwunders ist nicht die ganze Elisabeth. Es gibt auch die andere Elisabeth: die große Beterin, die Mystikerin, die Frau, die sich in einer übergroßen Askese und Härte gegen sich selbst blutig peitschte. Ihr Eigenwille sollte ausgelöscht werden. Nur eines zählte: dem armen Jesus nachzufolgen, wie er arm werden - für andere. Man muss sich die Zeit von damals vorstellen: die Kirche war eine Großmacht, großer Reichtum sammelte sich in den Klöstern und Kathedralen. Was für ein Gegensatz dazu: Franziskus und Elisabeth: barfuß, selber freiwillig arm geworden, dem Riesenheer der Armen nah. In ihnen wollten sie Christus dienen, treu seinem Wort: Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.


Wir dürfen diese sperrigen harten Züge nicht ausblenden. Gerade das, was die Leute verrückt nennen, ist bedenkenswert, ist gegen den Strich gebürstet. "Sie ist eine Närrin"!, rief der Schwager, bevor sie fluchtartig die Wartburg verließ. Sie passte nicht in die dortige Welt, und sie passt auch nicht in unsere Welt. Selbstlosigkeit? Eine Dummheit. Wie kann man nur so blöd sein - ist heute die Mehrheitsmeinung. Aber was richtig und gut ist, wird nicht unbedingt von der Mehrheit entschieden. Ein echtes, glaubwürdiges, christliches Leben unterscheidet sich wahrscheinlich vom Lebensstil der Allermeisten. Elisabeth lebte das Neue und immer wieder Überraschende des Evangeliums. Das provozierte und verunsicherte viele. Aber andere waren fasziniert und spürten die Überraschung, die Neuentdeckung von etwas ganz Altem, das aber trotz aller Gottesdienste in Vergessenheit geraten war: nämlich das Evangelium.


Doch Elisabeth drehte den Spieß um. Sie zeigt uns, dass umgekehrt ein Leben "närrisch" sein könnte, das nur um sich selber kreist, dem es nur um den eigenen Vorteil, um Spaß und Geld und Ehrgeiz und Macht geht. Elisabeth lebte etwas anderes vor – eine bessere Möglichkeit, dem Leben einen Sinn zu geben. Liebe, die nicht rechnet. Großzügigkeit des Herzens. Eine innere Freiheit und Freude.


Allein die Liebe bleibt, sagt der heilige Paulus. Diese Liebe können wir nicht "machen": Sie ist Gabe und Geschenk von oben. Elisabeth war ein ungewöhnliches Bild der Gnade, auf die wir alle angewiesen sind. Sie zeigt uns, wovon und wofür es sich zu leben lohnt. Ein solche Leben darf gefeiert werden.