Noch mal neu beginnen – durch richtiges Sehen

Predigt im ökumenischen Buß- und Bettagsgottesdienst in Kierspe am 16.11.2016

Eine Art Bußpredigt soll ich halten. Um die 20 Minuten, mindestens! So hat man mir gesagt. Von einem reformierten Pfarrer vor 70 Jahren in Holland heißt es: "Er konnte so feurig von der Hölle predigen, dass die Leute in der Kirche beim Zuhören Brandblasen bekamen." (Marten t´Hart in einem seiner Romane) Ich denke, das wird Ihnen erspart bleiben - nicht aber ein Mitdenken, womit Buße und Umkehr heute beginnen könnten - dieses "Noch mal neu beginnen".


Der Bibeltext, der vorhin vorgelesen wurde (Jesaja 58), beschreibt eine Gefahr des religiösen Lebens: Da wird gefastet, was das Zeug hält, "in Sack und Asche". Da werden Traditionen und Vorschriften eingehalten, aber das Herz ist nicht dabei. Gott ist nicht dabei, sein Wille wird nicht beachtet. Gottes Wille: Brich das Brot mit dem Hungrigen. Löse ungerechte Fesseln. Stattdessen so eine Art Alibiveranstaltung: Fasten, oder ähnlich: Opfergaben bringen. Ich pfeife darauf, sagt Gott bei den Propheten, ich brauch das nicht und will das nicht. Kümmert euch lieber um die, die eure Hilfe brauchen.


Ich habe von Mafiabossen gehört, die als fromm und "gut katholisch" galten: Die gingen in die Kirche und spendeten der Madonna riesengroße teure Kerzen, damit ihre Vorhaben (Mordanschläge) Erfolg haben. So kann man Religion und Glaube pervertieren! So kann man den eigenen Willen mit dem Willen Gottes verwechseln. So kann man, unter "religiösem Anstrich" und Deckmäntelchen, "zum Teufel gehen"!


Wie kann Umkehr heute beginnen? Ich meine: Alles fängt mit dem richtigen Sehen an - wach sein, sehend sein für die Wirklichkeit - und darin für Gott. Wir haben ja in diesen Tagen im Zusammenhang der Wahl von Donald Trump deutlich mitgekriegt, wie schwierig richtiges Sehen ist, wie sehr Wunschdenken und Ausblendungen und Vorurteile unseren Blick bestimmen. Oder im Verhältnis der Konfessionen zueinander, wie sehr haben da Klischees unsere Sicht bestimmt! Ein Theologe, Fulbert Steffensky, erzählt von seiner katholischen Kindheit; ins Heimatdorf im Saarland zogen nach dem Krieg die ersten evangelischen Flüchtlinge, und unter Katholiken sprach man so: "Der und der ist zwar evangelisch (Nasenrümpfen), aber anständig!" Später war er in einer liberalprotestantischen Professorenfamilie in Köln zu Gast, und da redete man so: "Der und der ist zwar katholisch (Nasenrümpfen), aber klug!"


Über richtiges Sehen als entscheidenden Umkehrschritt möchte ich vor allem sprechen, und ich komme mir dabei so ein bisschen vor wie der italienische Künstler Lucio Fontana. Er hat schon vor über 50 Jahren Bilder geschaffen, die eigentlich nur Schnitte, Messerschnitte in einer weißen Leinwand zeigen. "Attesa", Erwartung hieß eines dieser Bilder. Schnitte in die Leinwand, Schnitte in die Oberfläche, damit man "dahinter" sehen kann, tiefer sehen kann - und nicht in der Oberfläche stecken bleibt.


Machen wir zwei beispielhafte Schnitte in die Oberfläche. Liebe evangelische Mitchristen, erlauben Sie mir, zunächst von zwei Päpsten zu erzählen, die sozusagen das Messer führen.
Der erste ist Papst Franziskus. Von ihm wird erzählt: Auf seinem Flur in der Casa Santa Marta steht ein neuer Schweizergardist. Der Papst hat ihn am frühen Morgen schon gesehen, jetzt ist es halb elf. Der Papst fragt ihn: Na, müde? Der Gardist schüttelt den Kopf; ein Schweizer-Gardist würde niemals zugeben, dass es anstrengend ist, sich "die Beine in den Bauch zu stehen"! Der Papst verschwindet in seinem Appartement, kommt wieder heraus, hat einen Stuhl in der Hand. "Komm, setz dich!" "Aber Heiliger Vater, das ist gegen das Reglement!" "Mag sein, aber das Wort des Papstes zählt jetzt mehr als eure Regeln!" Eine halbe Stunde später: Wieder geht die Tür auf, wieder ist es der Papst; er hat jetzt einen Teller in der Hand, mit zwei belegten Brötchen. "Egal, ob du sitzt oder stehst - du wirst Hunger haben", sagt der Papst.


Was ist hier die Oberfläche, und was der Schnitt? Oberfläche ist, den Menschen nur in seiner Rolle, in seiner Funktion zu sehen. Der muss ja da stehen, dafür wird er ja schließlich bezahlt (vermutlich schlecht!). Man gewöhnt sich an den Anblick solcher "Statisten": man schaut gar nicht mehr richtig hin. Und der Schnitt? Den Gardisten als Menschen sehen, den der lange Dienst müde macht. Dem die Beine wehtun. Der nach fünf Stunden Hunger kriegt. Der sich womöglich langweilt: Allzu viel ist auf dem päpstlichen Flur ja nicht los - immer dieselben Typen! Toll und ziemlich ungewohnt, dass ein Papst z.B. in einem jungen Gardisten aus der Schweiz erst mal den Menschen sieht.


Noch grandioser Johannes XXIII. Als er noch der Kardinal Roncalli von Venedig war, kam sein Sekretär zu ihm: Eminenz, die Beschwerden häufen sich über Padre Luigi. Er ist mehr in der Bar als in seiner Kirche zu finden. Schon mittags ist er blau. Was sollen wir machen? Roncalli kommt nun nicht auf den nahe liegenden und vermutlich in solchen Fällen üblichen Gedanken, den trunksüchtigen Priester ins Bischofshaus zu zitieren. Stattdessen sagt er: Finden Sie die Bar raus! Später fahren die beiden dorthin. Der Sekretär wird gebeten, den Padre herauszuholen. Da steht draußen der Kardinal und sagt zum leicht schwankenden Padre: Don Luigi, ich bin gekommen, um bei Ihnen zu beichten.


Was ist da passiert? Die Oberfläche ist klar: eine Schande für die Kirche! Ein Trunkenbold als Pfarrer! Einer, der seine Arbeit nicht mehr richtig macht. Und der Schnitt: Er ist immer noch Priester. Man sollte ihn bei seinen Stärken nehmen, nicht bei seiner so offensichtlichen Schwäche. Immer noch kann er in der Beichte Gottes Vergebung zusprechen. Wie wird das auf ihn wirken? Erinnert das nicht an die Geschichte von Zachäus, mitten in der Bibel, wo der korrupte Finanzamtschef von Jericho nicht "den Kopf gewaschen kriegt", sondern Gastgeber von Jesus sein darf? Und dieses erfahrene Vertrauen "arbeitet" im Zöllner Zachäus und legt frei, was unter der Oberfläche, unter der äußeren Schale verborgen da ist.


In beiden Geschichten ist diese Wachsamkeit, dieses andere Sehen so etwas wie ein Türöffner der Barmherzigkeit. Wenn die Wachsamkeit die Tür aufmacht, kann die Barmherzigkeit eintreten und wirken.


In der nächsten Geschichte gibt es nur die Oberfläche, und der Schnitt kommt zu spät - verpasste Wachsamkeit, verpasstes richtiges Sehen mit bedenklichen Folgen. Martin Buber war ein berühmter jüdischer Denker des 20. Jahrhunderts mit dem Aussehen eines alttestamentlichen Propheten. Wer von ihm auch nur ein wenig kennt, weiß: Es geht in seinem Denken um das ganz groß geschriebene Wort DU, nicht, wie sonst meistens, um das ganz groß geschriebene ICH!


Bei Martin Buber gibt es ein Schlüsselerlebnis, das er selber als "Bekehrung" beschreibt. Er erzählt sinngemäß: Nach einem Morgen religiöser "Begeisterung" bekam ich Besuch von einem unbekannten jungen Menschen, der mich sprechen wollte. Ich war aber nicht mit der Seele dabei. Wohl unterhielt ich mich mit ihm freundlich und aufmerksam. Aber ich unterließ es, die Fragen zu erraten, die er nicht stellte. Diese Fragen habe ich später, nicht lange darauf, von einem seiner Freunde erfahren - er selber lebte da schon nicht mehr. Ich habe erfahren, dass es ihm nicht, wie sonst so oft, um Plauderei ging, sondern um eine Entscheidung, um Leben und Tod. Und so kam er gerade zu mir, gerade in dieser Stunde.


Da klopft also einer an - aber der Gastgeber ist nicht wirklich zuhause. Er ist dabei nur mit halber Aufmerksamkeit, mit halbem Herzen. Unsere "Alltagspräsenz" sieht oft so aus. Wer ist denn immer voll da? Was schwirrt uns im Gespräch, in der Begegnung nicht noch alles im Kopf herum? "Wach" - das könnte heißen, zu unterscheiden: Hier, bei diesem Menschen, reicht nicht die Alltagspräsenz, die halbierte Wachheit, sozusagen der Stand-by-Modus. Hier und jetzt sei ganz Ohr, ganz Herz, ganz ungeteilte Aufmerksamkeit. Versuche es wenigstens.


Wie ging die Sache bei Martin Buber weiter? Diese Begegnung "mit halbem Herzen" hat ihn dann im Nachhinein zutiefst erschüttert. Die Antennen waren nicht auf den Menschen gegenüber gerichtet, der seine Not und Verzweiflung mühselig getarnt hatte. Das, schrieb Buber später, war der Zeitpunkt einer "Bekehrung". Bisher hatte er das Religiöse, "die religiöse Begeisterung am Morgen", im Außergewöhnlichen gesucht, abseits vom Alltag, im Gefühl des Emporgehoben-Werdens, im Aufschwung der Seele. Wir würden sagen: Im Gottesdienst. Im Kloster oder in der Kathedrale. Jetzt wusste er: Gott klopft im Alltag an. In der Wirklichkeit. Nicht in einer frommen Extrawelt. Gott klopft an - an der Tür zum Arbeitszimmer. Oder an der Küchentür, wo nach den Worten der hl. Theresia "Gott auch gegenwärtig zwischen Kochtöpfen" ist. Ein schöner Satz für die Hausfrauen unter uns.


Auch Martin Buber findet sich fortan wach und sehend im Alltag wieder: Ich besitze nichts mehr als den Alltag, aus dem ich nie herausgenommen werde. Das Geheimnis Gottes hat hier Wohnung genommen; es wohnt mitten unter uns. Wir hören es, wenn wir wach sind. Wir überhören es wohl, wenn wir schläfrig, mit halbem Herzen, wie taub und wie blind leben. Jedenfalls: Buber war durch diese verfehlte Begegnung wach geworden für sein Leben.


Im späten Mittelalter, vor 700 Jahren, schrieb ein anderer Denker, Meister Eckhart: Immer ist die wichtigste Stunde der gegenwärtige Augenblick. Immer ist der wichtigste Mensch der, der dir gerade gegenüber steht. Und immer ist die wichtigste Tat die Liebe. - Vielleicht hatte er Ähnliches erlebt. Die Klopfzeichen Gottes an unserer Tür, die Klopfzeichen im Alltag, in der Wirklichkeit wollte auch er nicht überhören.


Ich will noch von einem meiner wichtigsten "Helden und Heiligen" erzählen, der ebenfalls eine Art "Bekehrung" erlebt hat - hin zur Wachheit. Manche werden sich erinnern: Oscar Romero, Erzbischof der mittelamerikanischen Hauptstadt San Salvador, wurde 1980 erschossen, während er in einer Krankenhauskapelle eine Messe feierte. Die Schüsse fielen gleich nach der Wandlung. Das Blut Christi im Kelch und das Blut seines Zeugen, des Märtyrerbischofs, mischten sich. Er wurde im letzten Jahr seliggesprochen.


"Bekehrung", das hieß bei ihm: Als Priester und Bischof war er lange Jahre unauffällig, "brav", harmlos, konventionell, zurückhaltend. Die Mächtigen, die Generale und Großgrundbesitzer dieses unerlösten Landes mit allen Formen der Gewalt und Ungerechtigkeit förderten ihn und freuten sich, als er Erzbischof der Hauptstadt wurde. Von ihm hatten sie keinen Einspruch und keinen Ärger zu erwarten. Dachten sie! In den drei Jahren, die dann kamen (drei Jahre - wie das öffentliche Wirken Jesu), wurde Romero zum großen mutigen Propheten, zum Wecker, zur Stimme des Volkes. Was hatte ihn so verändert, was hatte ihn sozusagen aus der Sakristei herausgeholt und in die Leiden des Volkes hineingestellt?
Es war die Ermordung eines Freundes, eines Armenpriesters, Pater Rutilio Grande, der sehr dem heutigen Wort von Papst Franziskus entsprach: Der Hirte muss nach Schaf riechen. Dieser Mord wühlte Romero auf, berührte ihn zutiefst. Mit dem Tod des Freundes fing die Wachheit und Präsenz des Erzbischofs in seinem Volk an, mit dem eigenen Märtyrertod endete sie.


Dieser Zeuge des Glaubens, dieser Zeitzeuge Romero zeigt uns, dass die Wachheit ihren Preis hat, in diesem Fall sogar den Preis des eigenen Lebens. Wache Christen setzen sich aus, machen sich angreifbar, verwundbar. Schläfrige Christen leben vielleicht länger, auf jeden Fall bequemer. Bekehrungen zur Wachheit hin sind selten bequem. "Nur wer für die Juden geschrien hat, darf heute auch gregorianisch singen", schrieb der Märtyrer Dietrich Bonhoeffer in den Kriegsjahren.


Wenn ich noch einmal das Ausgangsbild bemühen darf - mit einem Messer Schnitte in die Oberfläche zu machen -, so sind es bei einer Bekehrung, beim Prozess des Sehenlernens ja nicht nur Schnitte in fremde Oberflächen, sondern erst mal in die eigene - ins eigne Fleisch! Ich breche z.B. aus Gewohnheiten auf, aus liebgewordenen Seh-, Denk- und Lebensgewohnheiten. Ich sehe mich auf einmal aus meiner alten Sicherheit geworfen, aus meiner Zurückhaltung gedrängt. Ich sehe neu und genau hin. Ich muss umdenken.


Vielleicht gibt es in uns allen eine Seite, die gar nicht so gerne wach sein möchte. Dann wollen wir nicht hinsehen, scheuen die Härte der Wirklichkeit, fliehen vor ihr und leugnen oder verharmlosen sie. Denken Sie an die Reaktionen auf die Flüchtlinge - bei uns und anderswo! Kommt uns das Jesajawort wieder ins Ohr: Das gefällt dem Herrn, wenn du heimatlose Elende ins Haus führst?


Ein gutes Gewissen ist kein sanftes Ruhekissen, sondern eine Erfindung des Teufels, warnt Albert Schweitzer. Umkehren heißt: den Mut haben, die Wirklichkeit wirklich anzuschauen, auch wenn sie weh tut. Umkehren heißt: sich gerufen wissen. Verantwortung spüren. Das "sanfte Ruhekissen" überlassen wir lieber anderen. Wie wäre es stattdessen mit einer Frömmigkeit der "offenen Augen und Ohren", die wachsam Schnitte in die Wirklichkeit macht und dann darin die leise Stimme Gottes vernimmt?


Gott kann mit seiner leisen Stimme auch im Herzen der Glaubens- und Kirchenfernen ein Echo finden. Seine Spuren finden sich auch in ihrem Leben. Eltern sind oft bekümmert, dass ihre jugendlichen oder erwachsenen Kinder sich ganz außerhalb des kirchlichen Lebens eingerichtet haben. Aber gleichzeitig spüren sie, dass der Nachwuchs auf seine Weise fragt und sucht: sicher mit anderen Worten und Vorstellungen, oft sparsam im Umgang mit dem Wort "Gott", das - wieder Martin Buber - zu den "zertretensten und besudeltsten Worten" der Menschheit zählt. Nachdenklich, mit einer Sehnsucht, die nicht sofort das Label "Gott" trägt, aber in seine Richtung weist. Mit einem Glauben, der sich nicht in eine feste Gestalt und in ein Bekenntnis hinein traut, sondern oft unbestimmt und vage bleibt - wie so vieles im Leben!


Wache Christen "lauschen" nun in diese Richtung, beschränken sich nicht auf die Bekenntnisstarken und im Glauben ganz sicheren Gleichgesinnten, sondern suchen das Gespräch mit den Suchenden und finden ganz sicher viele Anknüpfungspunkte.


Im "Gotteslob", dem katholischen Gesangbuch, finden wir eine Liedstrophe, die mir wichtig geworden ist (von Huub Oosterhuis):
Du bist in allem ganz tief verborgen,
was lebt und sich entfalten kann.
Doch in den Menschen willst du wohnen,
mit ganzer Kraft uns zugetan.


Gott, der tief verborgene, wartet auf uns in allem, was lebt und sich entfalten kann. Er will in uns wohnen und ist uns zugetan. Er hat ja Wohnung genommen und seine Zuwendung gezeigt in seinem Sohn Jesus Christus.


Gott, kann man sagen, ist hellwach, wenn es um die Liebe zu uns geht. Umkehren zu dieser Wachheit, zum aufmerksamen und liebevollen Schauen, - dazu sind wir eingeladen.