Ende der Welt

Predigt am 13.11.2016

Das Ende der Welt – so steht es heute auf der Titelseite des SPIEGEL: ein Komet, der so aussieht wie Donald Trump, rast auf die Erde zu. "Ende der Welt, wie wir sie kennen," ist etwas kleiner hinzugefügt. Nun, ein bisschen viel der Ehre. Ende der Welt - das ist schon eine andere Hausnummer.


Ende der Welt? Das ist nicht gerade ein Lieblingsthema unter uns Predigern - und wahrscheinlich auch kein Lieblingsthema für Sie! Es klingt immer im November an, kurz vor Ende des Kirchenjahrs - und es ist wie ein Ausblick in etwas, das zeitlich, nach der Uhr, noch himmelweit weg ist. Das uns aber doch nach unseren Empfindungen, nach unserer "inneren Uhr", sehr nahe kommen kann.


Himmelweit weg - und vielleicht doch sehr nah. Ich kenne Menschen, meist sensible, feinfühlige Menschen, die sagen: Wir leben in der Endzeit. Es ist wie auf der Titanic: die Passagiere feiern und amüsieren sich - und sie kriegen nicht mit, wie nah der Eisberg ist, der das Schiff zum Sinken bringt, wie nah der Untergang. Religiös sammeln sich diese Menschen eher in den Sekten, auch in Freikirchen. Sie schauen auf die Bilder des Evangeliums und sagen: Seht doch hin! Die Vorboten sind doch da! Der Klimawandel, die Zerstörung der Umwelt, Natur- und Dürrekatastrophen, Hungersnöte, Gewalt, Terrorismus, die neue Völkerwanderung der unzähligen Flüchtlinge, der moralische Niedergang, der Hass, mit dem man übereinander herfällt, meinetwegen auch die Wahl von Donald Trump - wir leben wirklich auf dünnem, brüchigem Eis! Wie aufgestört sind viele, wie herausgerissen aus den bequemen Komfortszenen, aus unseren normalen, d.h. ziemlich gemütlichen Verhältnissen.


Damals, in der Zeit des Evangeliums, haben viele Leute in Israel ähnlich empfunden. Der große Schock war da: die Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer, im Jahre 70, rund 40 Jahre nach der Kreuzigung Jesu. Ein Blutbad, ein unvorstellbar grausames Wüten! Vor allem: Dieser wunderbare prächtige Tempel, das Haus Gottes, zerstört? Der Ort Gottes in der Welt in Schutt und Asche? Wie konnten die Uhren einfach weiterticken? Wie konnte sich die Welt einfach weiterdrehen? War sie nicht dem Untergang geweiht? War die Endzeit nicht gekommen?


Diese Stimmung, diese "apokalyptische Angst" vor dem Untergang ist heute stark in der Welt. Vielen rutscht der Boden unter den Füßen weg. Sie sehen schwarz. Sie sehen überall nur Schlechtigkeit und Niedergang. Ich muss für mich gestehen: Manchmal hadere ich mit Gott. Lernt die Menschheit denn nichts dazu? Greif doch ein! Tu dies. Verhindere das. Wenn wir Menschen alles vermasseln, dann bring du die Welt wieder in die Spur.


Liebe Schwestern und Brüder, natürlich liegt die Welt im Argen, und es geschehen schlimme Dinge. Aber das war immer so. Krieg und Gewalt gab es immer, Naturkatastrophen ebenso. Nur sind heute die Fernsehkameras dabei und liefern die Bilder ins Haus. Die Ereignisse rücken uns ganz nah - wir schauen zu. Sie sind deshalb noch keine Vorboten der Endzeit. Und sie sind auch nur ein Teil der Wirklichkeit. Die "Zeichen der Zeit" zeigen auch viel Gutes, viel Hoffnungsvolles. Gutes, das wir durch unser Leben mittragen und stärken können.


Die Bibel denkt über diese Dinge überaus nüchtern. "Die Gestalt dieser Welt vergeht", schreibt Paulus. Ja, die Gestalt dieser Welt vergeht, die Schöpfung ist nicht ewig, sie ist geschaffen mit Anfang und Ende. Aber Paulus kümmert sich nicht darum, wann das Ende kommt. Mit Panikmache hat er es nicht. Er ruft stattdessen zur Wachsamkeit auf: Lebt wachsam und aufmerksam in der Gegenwart! Versucht zu erkennen, was Gottes Geist uns sagen will in den Ereignissen der Welt. Haltet Euch ans Gute, widersteht dem Bösen. So etwa ist die Linie des Paulus.


Und was das Kommen der Endzeit angeht: Nur Gott weiß es. Wir können es nicht wissen. Wer mehr behauptet, wie so manche Sekte, der verrechnet sich. Er spielt mit der Angst der Menschen und „führt sie irre“.


Es ist gut, sich an die Nüchternheit des Paulus und der Bibel zu halten. Wir können nicht sagen: Die Welt geht zu Ende, jetzt oder bald. Aber - ein großes Aber: unsere eigene vertraute Welt, die uns persönlich ganz nahe Welt, die kann sehr wohl zu Ende gehen! Und das tut weh und kann sehr schmerzhaft sein. Einem Menschen kann wirklich, ganz persönlich, die Welt untergehen: durch einen Schicksalsschlag, der wie eine Bombe einschlägt in mein friedliches Leben. Durch einen Todesfall in der Familie, durch die Diagnose Krebs. Da kann die Erde wirklich für ihn "beben" und ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Der Verlust des Arbeitsplatzes reicht da schon aus!


Auch die Kirche - gerade im Bistum Essen - spürt, dass die vertraute Form von Kirche sein zu Ende geht. Die neue und zukünftige Gestalt zeigt sich noch nicht so richtig. Dem Sterben des Alten folgt oft genug die Geburt von etwas Neuem. Christus hat ja auch nicht gesagt: Es wird mit der Kirche alles beim Alten bleiben! Er hat gesagt: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. Das ist seine Verheißung! Sie wird leben als Zeichen der Güte Gottes, auch in neuer und anderer und wohl kleinerer Gestalt. Sie wird leben "unter der Sonne der Gerechtigkeit", wie es in der Lesung hieß.


Unser heutiges Evangelium endet: "Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen." Das ist eine gute Einladung: standhaft bleiben in allen Verwirrungen und Ängsten und aller Ratlosigkeit. Standhaft bleiben und einen Pessimismus vermeiden, der nichts löst, sondern nur blockiert. Standhaft bleiben - im Aufblick zu Gott, im Vertrauen auf Ihn, der die Welt in Seinen Händen hält.