Was kommt nach dem Tod?

Predigt am 06.11.2016

Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod kommen die Rechnungen
für Sarg, Begräbnis und Grab.
Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod
kommen die Wohnungssucher
und fragen, ob die Wohnung erhältlich ist.
Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod
kommen die Grabsteingeschäfte
und bewerben sich um den Auftrag.
Was kommt nach dem Tod?
Nach dem Tod
kommen die Lebensversicherungen
und zahlen die Versicherungssumme.
Was kommt nach dem Tod?

So, liebe Schwestern und Brüder, schreibt Kurt Marti, der schweizerische Dichter und Pfarrer, in seinem Gedichtband „Leichenreden“. Ja, was kommt nach dem Tod? Wirklich nur Rechnungen und Versicherungen? Im Gedicht wird die Frage am Schluss neu gestellt. Sie bleibt offen, sie hat sich nicht erledigt.


Was kommt nach dem Tod? So leicht werden wir die Frage nicht los. Seit Jahrtau-senden geht sie durch die Menschheit. Die alten Ägypter, die alten Griechen und Germanen, die Juden und Inder, alle Naturvölker, alle Kulturen und Religionen stottern sozusagen um diese Frage herum - bis heute. Man muss es allerdings zugeben: erst in unserer Zeit, heute, haben viele aufgehört, so zu fragen. Viele, auch unter uns Christen, interessieren sich eigentlich nur noch fürs Diesseits. „Vor hundert oder zweihundert Jahren lebten die Menschen im Schnitt 40 oder 50 Jahre - plus Ewigkeit“, sagt Paul Zulehner. „Heute leben sie nur noch 90 Jahre.“ Nur noch 90 Jahre, d.h. ohne Ewigkeit, ohne diese Aussicht. Das Leben ist also verkürzt, ist trotz Länge kürzer geworden! Alles muss jetzt hier, im Diesseits geschehen! Hier und jetzt - das ist die „letzte Gelegenheit“. Die Zeit drängt; man darf nichts verpassen. Man will „alles mitnehmen“. Daher die hektische und krampfhafte Suche nach Glück.


In Todesanzeigen finden wir immer häufiger die Formulierung „Du lebst in unseren Herzen weiter.“ Das ist gut, aber das heißt auch: 70 oder 80 Jahre Lebenszeit plus 40, 50 Jahre Weiterleben in den Herzen der Kinder. Dann sind die auch tot, und vorbei ist es mit dem Erinnern und Weiterleben.


Ich muss gestehen: Das alles ist mir zu wenig. Ich lasse mir die Hoffnung auf die Ewigkeit nicht ausreden. Gewiss: sie ist oft als billige Vertröstung missbraucht worden. Haltet hier still und schluckt das Unrecht, im Jenseits geht es euch besser! Das alles hat es gegeben. Aber der mögliche Missbrauch heißt noch lange nicht, dass die Sache selbst, die Frage „Was kommt nach dem Tod“, damit vom Tisch wäre.


Damals im Evangelium lachten und spotteten die Sadduzäer, eine mächtige Gruppe aus der Oberschicht. Man könnte sagen: die Liberalen von damals. Sie glaubten nicht an die Auferstehung. Die Sadduzäer erzählten Jesus die absurde Geschichte von der Frau mit den sieben Männern und dachten, damit sei die Frage erledigt. So einen Quatsch kann doch keiner glauben!


Heute reden und spotten die Sadduzäer unter anderen Namen. Vielleicht im Namen des „modernen Bewusstseins“. Das hat für die Ewigkeit keine Zeit mehr. Und dann werden wir angefragt und manchmal unter Beschuss genommen: Wie haltet ihr es denn damit? Wie steht ihr dazu?


Vielleicht fragen die eigenen Kinder, vielleicht fragen wir uns manchmal selbst. Und dann schwirren uns Begriffe und Bilder im Kopf herum wie: Auferstehung, Hölle, Himmel, Fegefeuer, Gericht, ewiges Leben. Eines ist klar: wir reden dann nicht aus Erfahrung. Niemand ist aus dem Jenseits zurückgekommen. Wir wissen nicht Bescheid. Wir können bestenfalls etwas andeuten: ein Geheimnis des Lebens und des Glaubens. Wir glauben daran - wegen Jesus. Wegen seiner Worte. Und vor allem: wegen Ostern.


Ich denke an einen Professor der Theologie aus Österreich, Ferdinand Klostermann, gestorben 1982. Er war in seinen letzten Lebensjahren einmal für klinisch tot erklärt worden. Er war zumindest an der Schwelle des Todes gewesen. Er schrieb darüber: „Alle Begriffe waren weg. Da hatte ich sechzig Jahre lang studiert und mit den Begriffen gelebt. Die ganze Theologie war weg an dieser Schwelle zum Tod. Aber ich spürte ein ganz tiefes Gehalten-Sein. Und ich glaubte, all diese Anstrengungen des Studierens haben sich gelohnt wegen dieser einen Erfahrung: von Gott gehalten und getragen zu sein. Es war mir, als wenn ein Magnet mich zieht, mich hineinzieht in eine große, wunderbare Liebe.“ – Das also können wir erwarten!


Sind das alles vielleicht nur Wünsche, Illusionen, Projektionen, weil der Mensch nicht zurechtkommt mit dem Tod und seiner brutalen Endlichkeit? Für mich ist das anders. Ich möchte über das Leben nachdenken und sehe darin viele „Andockpunkte“ für die Ewigkeit. Wir sind schon irgendwie „merkwürdig“ geschaffene Wesen:


- Unser Leben ist immer nur bruchstückhaft. So vieles geht kaputt. In so vieler Hinsicht scheitern wir. So oft haben wir nur Scherben in den Händen. Ich frage mich: Gibt es also keine Ganzheit, die das Leben sozusagen „rund“ macht, wenn ich es schon nicht kann? Mein Leben - ein Scherbenhaufen?
- Unser Leben ist wie eine große Frage. Wir leben mit so vielen ungelösten Fragen. Diese ständige Frage Warum geht uns nach. Warum leben wir überhaupt? Warum der Tod? Warum das Leiden? Fragen über Fragen. Gibt es einmal eine Antwort, oder bleibt alles offen und in der Schwebe?
- Unser Leben heißt auch: in Verantwortung zu stehen. Da steckt das Wort Antwort ja drin. Geben wir eine Antwort über unser Leben? Vor wem verantworten wir uns? Könnte es so etwas wie ein letztes Gericht geben, das uns zur Antwort einlädt – in aller Liebe? Oder sind wir nur vor der Gesellschaft verantwortlich?
- Unser Leben heißt: Unruhe. „Unruhig ist unser Herz, bis dass es seine Ruhe findet in dir“, betete einst der große Augustinus. Könnte es diesen Punkt geben, wo nach so viel Bewegung und Unruhe alles zur Ruhe kommt, zum großen Aufatmen, zum Himmel?
- Unser Leben heißt: Sehnsucht. So sind wir geschaffen - mit einer großen Sehnsucht, die nicht zu stillen ist. Unsere Wünsche hören niemals auf. Hat sich Gott einen Spaß erlaubt, als er uns so schuf, so unstillbar und unheilbar sehnsüchtig, oder gibt es nicht doch ein Ziel, eine Erfüllung über unsere ganze Erfahrung hinaus?
- Leben heißt auch: ständige Ungerechtigkeit, die vermutlich immer weitergeht. Unsere Welt ist ungerecht. Denken wir jetzt an Syrien, an Aleppo: Oft genug triumphiert der Mörder über sein Opfer, der Starke über den Schwachen. Ist das die Weltordnung? Ist das der Lauf der Welt? Die Eintrittskarte in eine solche Welt möchte ich dann gern zurückgeben! Die Lesung aus dem Makkabäerbuch hat eindrucksvoll erzählt, was Menschen zugemutet wird. Finden wir uns ab mit dieser Ungerechtigkeit? Oder protestieren wir und erwarten darüber hinaus einen „neuen Himmel und eine neue Erde“, eine Gerechtigkeit, in der Gott die Dinge ins rechte Licht und ins rechte Lot bringt?


Liebe Schwestern und Brüder, achten wir ruhig auf die Fragen, die so oder ähnlich ganz tief in unserer Existenz darin stecken. Ungläubige sagen vielleicht: es sind offene Fragen, unlösbar, man muss sie aushalten. Gläubige dagegen hoffen zuversichtlich, dass es eine Antwort gibt, und dass Gott sie kennt und sagt. Das meint: „Jenseits“ oder „Leben nach dem Tod“: eine göttliche Antwort und Erfüllung.


Die Antwort wird im Evangelium zum Schluss angedeutet: Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Um mit dem großen Künstler Michelangelo zu sprechen: „Ein Gott, der uns ins Dasein rief, wird uns im Tod doch wohl nicht im Stich lassen.“ Darauf vertraue ich. Und das genügt mir eigentlich auch!