Die Heilung der Aussätzigen

Predigt am 09.10.2016

Als Junge von zehn Jahren sah ich im Kino den Film „Ben Hur“. Er spielt zur Zeit Jesu in Israel. Viele spannende Szenen habe ich nie vergessen, sie stehen mir auch nach über 50 Jahren immer noch vor Augen, am deutlichsten die Bilder mit den Aussätzigen. Die lebten in Höhlen am Rand der Wüste, weit abseits von den anderen, wirklich „ausgesetzt“, entstellt, in Lumpen gehüllt. Der Körper verfaulte langsam. Tiefer kann man eigentlich nicht fallen! Sie lebten noch und waren eigentlich schon tot – abgeschnitten vom Leben.


Und die anderen, die Normalen, die Gesunden, mussten sie sich vom Leib halten. Aus Angst. Die Gefahr war zu groß, angesteckt zu werden. Ich habe damals ziemlich erschüttert von diesem Elend geträumt.


Aussatz, Lepra. Eine Strafe Gottes sei das, sagten damals die Schriftgelehrten. Die Kranken würden bestraft für ihre Sünden. Oder die ihrer Eltern. Schicksal sei das. Da könne keiner helfen. Unrein seien sie vor Gott und den Menschen. Also: Auch Gott ist gegen sie.


Und die Aussätzigen übernehmen diese Meinung. Ihr Selbstbewusstsein ist gleich Null. Wir sind verdammt, so empfinden sie wohl. Wir sind hier schon in der Hölle. Es gibt keine Hoffnung. Keinen Spalt und keine Tür, um aus diesem schrecklichen Zustand herauszufinden! Nur Fatalismus ist möglich: dumpfe Ergebenheit ins Schicksal.


Bis Jesus kommt. Dem läuft ein Gerücht voraus: Er kann heilen! Selbst Aussätzige! Es gibt den Spalt, es gibt die Tür aus dem Grauen heraus! Da werden die Verzweifelten hellhörig! Sie klammern sich an jeden Strohhalm. Vielleicht gibt es ja doch Hilfe! „Jesus, erbarme dich unser!“, so rufen sie ihm von weitem entgegen - aus dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von mindestens 15 Metern.


Warum gerade Jesus? Jesus denkt nicht so wie die anderen, wie die Schriftgelehrten - Gott straft die Menschen nicht mit Krankheit! Jesus sieht nicht ein blindes Schicksal am Werk, sondern einen sehenden Vater. Einen Gott, der die Menschen – seine Schöpfung, seine Kinder – in Liebe anschaut. Und der sich sehr darüber wundern dürfte, auf welche Gedanken und zwanghaften Vorstellungen die Schriftgelehrten und Theologen kommen können.


„Geht, zeigt euch den Priestern,“ sagt Jesus dann. Er hält sich an die Spielregeln. Die Priester sind nach dem jüdischen Gesetz zuständig, Heilungen festzustellen und Menschen wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen. Nebenbei sind sie also auch so eine Art Gesundheitsamt. Die Kranken ziehen also los. Es könnte ihre letzte Chance sein. Und unterwegs werden sie rein.


Merkwürdig: Lukas erzählt danach nur noch von einem der zehn. Von den neun anderen hören wir nichts mehr. Man darf vermuten: Alle zehn haben sich unbeschreiblich gefreut. Wahrscheinlich haben sie auch Gott gedankt: mit einem Dankopfer im Tempel und mit einem Gebet. Wir müssen nicht meinen, sie seien undankbar gewesen.


Und doch baut Lukas einen Gegensatz vor uns auf: Neun zu eins. Neun gehen weiter. Einer kehrt um. Und der ist ein Ausländer, ein Fremder, ein Samariter, einer, den man von vornherein mit Misstrauen betrachtet. Ausgerechnet der! Was unterscheidet ihn von den anderen? Eben das: dass er umkehrt! „Ist denn keiner umgekehrt – außer diesem Fremden?“, fragt Jesus.


Der Angelpunkt des Evangeliums liegt also nicht im Wunder. Darüber erfahren wir wenig. Die Heilung geschieht unterwegs, fast beiläufig. Das ganze Gewicht liegt auf der Umkehr zu Jesus. Die Krankheitsgeschichte wird zu einer Umkehrgeschichte. Da erwacht bei einem nicht nur der Dank, sondern der Glaube. Dieser Fremde lässt Jesus nicht stehen, sondern kommt zu ihm zurück, um von ihm aus neu zu beginnen. Das ist hier der springende Punkt.


Dem Samariter ging die Heilung „tief unter die Haut“. Er sagt auch nicht nur „Dankeschön“. Der Fremde geht nicht nur ohne Aussatz, er geht verwandelt aus seiner Krankheit hervor. Er hat als einziger verstanden: Jesus will mir nicht nur eine reine Haut und ein ansehnliches Gesicht wiedergeben. Jesus will mir eine neue Haut und ein ganz neues Gesicht geben – ein neues Leben, ein Leben mit Gott.


Und so entsteht für den Fremden eine ganz neue Beziehung zu Gott und den Menschen. Er begreift: Ich bin Kind Gottes, Freund Gottes – einer, der jetzt auf seinen eigenen Beinen ungehindert durch Gottes Welt laufen kann. Ich bin einer, dessen Hände nicht mehr verkrüppelt sind, sondern handeln können. Einer, dessen Gesicht niemanden mehr abstößt, sondern ansehnlich ist, angeschaut wird – von Gott und den Menschen. Einer, den Gott brauchen kann, und den auch die anderen Menschen brauchen können.


Ich höre die Frage aus dem Evangelium heraus: Gehören wir, die Hörer heute, zu den neun, oder versuchen wir es wie dieser eine? Was ist, wenn Gott an uns allen „Großes getan hat“ - wir leben nicht nur, wir leben sogar im reichsten Drittel dieser Welt mit seinen vielen Möglichkeiten. Aber danken wir nur wie die neun: sozusagen pflichtgemäß, korrekt? Oder kehren wir um wie dieser eine? Nehmen wir unseren Ausgangspunkt auch bei Jesus? Erkennen wir, dass es um viel mehr geht als um unsere Gesundheit und unseren Dank für dieses oder jenes? Kehren wir um, d.h. wird Gott, wird Jesus zum Angelpunkt unseres Lebens? Entzündet er unsere eigene Menschenliebe? Helfen wir ihm beim „Heilen der Welt“ – oder vergrößern wir die Gräben, die Risse und Spannungen?


Jesus ruft auch in unser Leben hinein: „Steh auf und geh!“ Immer wieder, vom ersten Anfang bis zum letzten Ende: Steh auf – geh! Mit ihm können wir aufstehen, werden wir einmal sogar auferstehen - und können gehen, wie holprig, staubig, abwegig unsere Wege auch sein mögen. Steh auf und geh – und danke dem Herrn!