Danken

Predigt am 02.10.2016

Stellen Sie sich eine Szene in der Bäckerei vor. Da steht eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn an der Kasse und bezahlt. Die Kassiererin ist sehr freundlich, sie greift hinter sich und gibt dem kleinen Jungen, der ganz brav gewartet hat, einen Lutscher. Darauf die Mutter zum Kind: "Na, du - was sagt man denn?" "Danke!", sagt das Kind.


Ich möchte die beiden Frauen loben - die Kassiererin für ihre Freundlichkeit und die Mutter für ihre Frage: "Was sagt man denn?" Sie bringt ihrem Kind in diesem Augenblick mehr als nur Anstand bei, mehr als eine Formalität: Jetzt musst du dich halt bedanken, das gehört sich so. Ich denke vielmehr: Die Mutter führt das Kind in den "Vorhof des Betens". Danke zu sagen - das ist noch nicht beten. Aber das führt dahin, das führt sozusagen in den Vorhof, ins Umfeld des Gebetes – ist eine Stufe auf dem Weg dorthin. Die Mutter will dem Kind vermitteln: Das, was die Kassiererin gemacht hat, ist nicht selbstverständlich. Sie hat dir etwas geschenkt - auch wenn es etwas Kleines ist, nur ein Lutscher, ein Lolly. Aber darauf kommt es nicht an: ob groß oder klein. Sie wollte dir eine Freude machen. Sie wollte dir gut sein. Und du hast es gemerkt und sagst darum: Danke!


Du hast es gemerkt! So fängt Beten an. Da stehst du noch im Vorhof des Betens und sagst: Ja, das ist nicht selbstverständlich. Das muss die Frau an der Kasse nicht machen. Aufs Gut-sein und Gut-wollen gibt's keinen Anspruch. Nie! Ich kann das nicht fordern. Ich merke auf, dass mir etwas gegeben wird, und sage: Danke.


Ja - so fängt Beten an: mit Aufmerken - ganz aufmerksam. Mit dem Gespür, dass etwas nicht selbstverständlich ist. Auch nicht in einer so bescheidenen Geste wie in der Bäckerei. Ich sage Danke, ich übe das ein - von Kindheit an; der Junge an der Kasse war vielleicht drei Jahre alt. Ich lerne so den Unterschied zwischen dem, was selbstverständlich ist, und dem, was alles andere als selbstverständlich ist. Und dieser Bereich, - was nicht selbstverständlich ist -, dehnt sich dann aus. Ich frage mich dann: Ist mein Leben selbstverständlich? Meine Gesundheit? Die Tatsache, dass ich morgens wieder aufwache in einen neuen Tag hinein? Dass es eine Menge Leute gibt, die ich als Freunde betrachten darf? Dass mein Leben insgesamt glücklich verlief und mein Beruf mir Freude macht? Dass ich durch die ganze Welt reisen kann? Dass auch Herausforderungen, Nöte und Probleme nie zu Katastrophen auswuchsen? Oder ist es selbstverständlich, dass ich als Christ glauben kann?


Meine Urlaubserfahrung in den letzten Wochen, an der Ostsee, in Hamburg und Berlin: jeden Tag nur Sonne, vom Aufstehen bis zum Abend. Schöne Landschaften und Städte, - alles, wirklich alles gut! Und ich fühlte vom Morgen bis zum Abend nur Dankbarkeit, die mich geradezu überfiel!


Habe ich das alles verdient? Habe ich ein Recht und einen Anspruch darauf? Nein, das habe ich sicher nicht. Ich kann es mir nicht auf die eigene Fahne schreiben. Und darum trete ich in den Vorhof des Betens hinein und sage erst mal Danke.


Aber wohin mit meinem Dank? Ist es so eine diffuse Dankbarkeit, nur ein vages Gefühl? Wer soll das hören? Wer hat Ohren dafür? Und so sage ich weiter: Danke, Gott - und hoffe, damit meinen Dank richtig zu adressieren.


Gott ist die richtige Adresse. Sich an diese Adresse zu wenden ist für mich stimmiger und überzeugender als zu sagen: Danke, Leben, oder Danke, Gesellschaft, oder Danke, Schicksal. Man kann sich wohl nur bei einer Person bedanken - und Gott ist Person - und noch viel mehr als das!


Wer das nie gelernt hat, wer nie gelernt hat, Danke zu sagen, der wird wohl kaum in der Lage sein, beten zu können! Wer immer nur auf seine eigene Leistung pocht und denkt "Ich bin auf niemanden angewiesen, ich brauch keinen, - und etwas geschenkt bekommt man auf dieser Welt sowieso nicht" - wie kann der ins Vertrauen hineinwachsen? Wie kann der zu Gott kommen?


Nun, der Alltag bringt uns leicht wieder vom Dank ab. Wenn mir alles locker von der Hand geht und das Leben nichts zu wünschen übriglässt, dann klopft man sich gern auf die eigene Schulter und preist sich selber - und schreibt sich alles selber zu. Dann, ja dann müsste es so jemand geben wie die Mutter des kleinen Jungen, die auch mich erinnert, Danke zu sagen. Solche kleinen Erinnerungen brauchen wir immer wieder.


Auch dieser Tag, dieser Erntedankgottesdienst ist so ein kleiner Anstoß, der mich erinnert: "Na du, denkst du noch ans Danken?" Und ich, der ich mit Ernte direkt nichts zu tun habe, nie einen Apfel vom Baum pflücke, nie Trauben keltere, nie auch nur einen Halm Roggen mähe, sondern alles fix und fertig verpackt im Supermarkt kaufe - ich danke für die Ernte des Lebens, für alle Lebens-Mittel. Ich danke auch und besonders für die nicht käuflichen "Lebensmittel": die Freundschaft, den Glauben, die Zuversicht und denke noch einmal: Wie vieles ist dir doch im Leben geschenkt, ist dir zugeflogen, ist dir in den Schoß gefallen. Und ich sage, leise oder laut, je nachdem: "Danke, Gott - für alles". Und feiere darum gern die Eucharistie, die große Feier des Dankes.