Amos

Predigt am 25.09.2016

Lang, lang ist´s her. 2800 Jahre ungefähr. Da gab es einen, den die Bibel Amos nennt - einen Vieh- und Maulbeerfeigenzüchter. Keiner der typischen Hofschranzen, die den Mächtigen nach dem Mund reden. Vielmehr einer, der sehr zornig werden kann und die Dinge beim Namen nennt. Der Mann vom Lande hielt nicht den Mund. Er klagte an und benannte Missstände und Ungerechtigkeiten in aller Öffentlichkeit. Diese klaren und ungeschminkten Worte machten ihn nicht gerade beliebt. Was wäre die Welt ohne solche kantigen und sperrigen Typen, die sich kein X für ein U vormachen lassen. Die darauf pfeifen, sich der Mehrheit anzuschließen, und die dadurch angreifbar werden. Zornige Männer und Frauen, die sich gegen Lüge und Betrug, gegen Unrecht und Unterdrückung stellen - auch auf die Gefahr hin, dabei unter die Räder zu kommen.


Zorn - das ist ein Gefühl, das oft verkannt wird. Zorn gehört sich nicht, so denken auch manche Christen. Sie finden es besser, auf Harmonie bedacht zu sein, immer ausgeglichen, "alles wird gut" zu murmeln und ein Dauerlächeln im Gesicht zu tragen. Sanftmut ja, Zorn nein. Für sie ist Zorn ein Störenfried. Denn er zeigt ja an, dass wir nicht einverstanden sind mit einer Situation, dass die Harmonie gar nicht besteht. Ich meine: Gut, dass es den Zorn gibt! Den Zorn, nicht die blinde Wut! Denn der Zorn ist ein Antreiber. Er sagt uns: Finde dich nicht ab mit der Ungerechtigkeit oder mit anderen unhaltbaren Zuständen.


Dränge auf Veränderung! Es ist der Zorn, der sich einmischt, der auf den Tisch hauen kann und sagt: Freunde, so nicht! Manchmal denke ich, es müsste vielmehr Zorn geben - viel mehr zornige Menschen, die sich über schlechte Zustände erregen und auf Besseres hinarbeiten.


Diesen Zorn teilen wir mit dem Gott der Bibel. Man kann es nicht überhören, dass die Bibel immer wieder vom "Zorn Gottes" spricht - nicht nur im Alten Testament, sondern bis ins Evangelium hinein. Jesus vertreibt z.B. die Händler aus dem Tempel und stößt ihre Tische um. "Ihr habt das Haus des Vaters zu einer Räuberhöhle gemacht!" Das sind deutliche, zornige Worte - kein sanftes Säuseln. Auch wenn er den Pharisäern und Schriftgelehrten die Meinung sagt, spürt man, wie ihm der Zorn hoch kommt. Er muss einfach sagen, was zum Himmel stinkt und schreit. Es ist wie bei Amos ein Zorn, der aus der Liebe kommt. Hören wir noch einmal hin auf Amos:


Ihr verfolgt die Schwachen und unterdrückt die Armen. Ihr sagt: Wir werden die Preise erhöhen und die Gewichte fälschen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir noch zu Geld. Mit Geld kaufen wir uns die Hilflosen, für ein Paar Sandalen die Armen (Am 8,4 )


Also Korruption, Betrug, Wucher - alles zu Lasten des Armen. Damals schon! Soll Gott dazu freundlich gucken? Ist der Zorn Gottes nicht geradezu geboten? Seine Parteinahme für alle, die unter der Ungerechtigkeit einer kleinen, sehr reichen Oberschicht schon damals zu leiden hatten? Amos versteht sich als Prophet, als die Stimme Gottes. Er ist das "Gewissen" seines Volkes. Er meldet sich zu Wort für Gerechtigkeit, für den Willen Gottes. Aber die Wucherer und bedenkenlosen Ausplünderer der Armen halten sich die Ohren zu. Sie hören auf die Hofpropheten am Königshof, die den Mächtigen nach dem Munde reden und sich für ihre Sprüche auch noch bezahlen lassen.


Ein zorniger Prophet, ein zorniger Gott! Vielleicht ist das nicht das Bild des "lieben Gottes", das hier bei uns tonangebend geworden ist. Das Bild vom lieben Gott, der zu allem Ja und Amen sagt, der immer harmonisch, gelassen und ausgeglichen ist, und bei dem man so vieles unter den Teppich kehren kann. Nein, Gott kennt den Zorn, aber der Zorn stammt aus der Liebe! Er liebt seine Welt, liebt die Menschen, und es ist ihm ganz unerträglich, die Ungerechtigkeit der Sieger und Gewinner gegenüber den Armen und Hilflosen zu sehen. Sein Zorn hat den Zorn vieler prophetischer Menschen genährt, die sich mit den schlimmen Zuständen der Welt nicht abfinden können.


Die Armut wächst. Sie trifft immer mehr Menschen in unserem Land - viele auch, die arbeiten und trotzdem kaum über die Runden kommen. Daneben die Gier, die blanke Gier nach immer mehr und immer schnellerem Erfolg - diese Luftblase im Finanzwesen, die geplatzt ist, aber schon wieder neue Gier weckt. Wie sagte damals Amos: "Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld."


Zeit für Zorn. Obwohl wir Christen in der Kirche mit eigenen, fast hausgemachten Problemen genug zu kämpfen haben, ist die Zeit da für einen Zorn, der die schmerzliche Ungerechtigkeit zwischen Armen und Reichen, zwischen Gewinnern und Verlierern in der Gesellschaft beim Namen nennt. Der vor liebloser Kälte und Gleichgültigkeit nicht die Augen verschließt. Der nach Möglichkeiten für alle - auch die Schwächsten - sucht, ein wirklich menschenwürdiges Leben zu führen. Ein Zorn aus Liebe. Ein Zorn aus Gott.