Mutter Teresa

Predigt am 04.09.2016

Heilige sind Menschen, die es anderen leichter machen, an Christus zu glauben.


Heute wird Mutter Teresa in Rom heiliggesprochen. Sie ist wie eine Ikone der Nächstenliebe, und so passt diese Heiligsprechung sehr gut in das „Jahr der Barmherzigkeit“, das unser Papst ausgerufen hat. Kein Wort wird in der Kirche zurzeit so viel gebraucht wie das Wort „Barmherzigkeit“ - zu Recht, es gibt einen großen Nachholbedarf.


Viele Leute kennen Mutter Teresa. Bei einem Kondolenzbesuch vor kurzem sagte die Tochter der Verstorbenen: „Unsere Mutter half allen Leuten, sie war wirklich eine „kleine Mutter Teresa“. So erinnert sich die ganze Welt. Die kleine alte gebeugte Nonne, die Friedensnobelpreisträgerin von 1979, ist den allermeisten mit Namen bekannt - außer den Jüngeren. Bittet man jemanden um Hilfe und Einsatz, dann kann die Antwort sein: „Bin ich denn Mutter Teresa?“


Nein, das sind wir nicht. Ihre Mischung war schon einzigartig: demütig (sie putzte selbst die Toiletten in ihrem Krankenhaus) und zugleich sehr selbstbewusst. Selbstlos und bauernschlau. Bodenständig und visionär. Mystisch nach innen gerichtet, versunken im Gebet und zugleich mit einem Blick, dem keine Einzelheit entging, mit einer Aufmerksamkeit für die kleinsten Details. Voll von Gott und manchmal - in dunklen Phasen - ganz leer von ihm (wie ihre nach dem Tod veröffentlichten geheimen Aufzeichnungen bekennen).


Ein amerikanischer Journalist sagte einmal zu ihr: „Was Sie da machen, würde ich nicht für eine Million Dollar tun.“ Mutter Teresa gab zurück: „Ich auch nicht!“ Nicht für eine Million Dollar. Für kein Geld der Welt, sondern für Gott, für Jesus. Und den trifft man am besten in den Armen. Mutter Teresa verglich sich einmal mit einem Spiegel: „Ich möchte wie ein Spiegel sein, der vom Lichtstrahl Gottes, von seiner Liebe getroffen wird - und der dann dieses Licht reflektiert, zurückstrahlt zu den Menschen.“ Also: Göttliche Liebe empfangen, menschliche Liebe weitergeben. Das ist in Kurzform Mutter Teresa.


Sie liebte die anschaulichen Bilder. So sagte sie auch: „Wissen Sie, ich bin nur ein kleiner Bleistift in der Hand Gottes, der gerade im Begriff ist, einen Liebesbrief an die Welt zu schreiben.“ Anderes Beispiel: „Wir müssen wie Rohre sein. Egal, aus welchem Material die sind – ob aus Gold oder aus Plastik. Wichtig ist nur, dass sie für Gottes Wirken durchlässig sind.“


1946, mit 36 Jahren, war sie Lehrerin an einem Ordensgymnasium der Lorettoschwestern in Kalkutta in Indien: brave fromme Schülerinnen umgaben sie. Die Klosterschule war eine Oase des Friedens in der riesigen verarmten Stadt. Da hatte sie ein mystisches Erlebnis, das ihr Leben veränderte. Ausgerechnet in einem Zugabteil, auf einer Zugfahrt Richtung Himalaja! Sie hörte den sterbenden Christus am Kreuz zu ihr sprechen „Ich habe Durst. Mich dürstet!“ (Jo 19,28) Sie hat das nicht als körperlichen Durst verstanden, als Durst nach Wasser oder Wein, sondern als die Sehnsucht des verlassenen gekreuzigten Jesus nach Liebe. Sie erkannte: „Es gibt viele Menschen auf der Welt, die nach einem Stück Brot hungern, aber noch mehr, die nach ein bisschen Liebe verlangen.“ Das wurde ihr jetzt zur Lebensaufgabe: den seelischen Hunger und Durst der Menschen zu stillen, an dem selbst der Gekreuzigte litt. Die größte Armut war für sie, sich ungewollt und ungeliebt zu fühlen – nicht willkommen zu sein.


Viele Kritiker (und sie hatte viele davon!) haben ihr später vorgeworfen, dass sie keine entwicklungspolitischen Projekte und Strategien vertrat. Dass sie Geburtenkontrolle ablehnte und „Hilfe zur Selbsthilfe“ nicht ihr Thema war. Dass sie eine katholisch-konservative Ordensfrau blieb. Ja, anderes war wirklich nicht ihr Ding. Sie schaute immerzu auf Christus und diente ihm in den Armen. Ohne ihn kann man sie nicht verstehen! Sie war eine Missionarin, die aber nicht mit Worten predigte, sondern durch ihr Tun. Nicht durch Hymnensingen, sondern durch Putzen oder die feuchte Stirn eines Schwerkranken trocknen. Im Mittelpunkt stand für sie der Satz Jesu: „Was ihr einem dieser geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan!“


Die Geringsten. Die brauchte sie nicht lange zu suchen. Mutter Teresa verließ die Komfortzone des gepflegten, bequemen Klosters mit seinen Schulen und „ging auf die Straße“. Da fand sie - in Augenhöhe - diese Geringsten. Zum Beispiel 1948 ein Baby im Müll. Die Mutter hatte es dort ausgesetzt - sie konnte ihr Kind nicht ernähren. Das war das Elend einer Millionenstadt mit schreiender Armut! Sterbende Menschen fand sie auf der Straße, um die sich niemand kümmerte. Ihre Aufgabe sah sie nun darin, diese verlassenen und übersehenen Menschen - vielleicht in den letzten Tagen ihres Lebens - liebevoll zu pflegen. Ihnen ein Gespür zu geben, dass sie willkommen sind, ein Gespür für ihre Würde als Menschen, als Kinder Gottes - als sein Ebenbild.


Im Lauf der Jahrzehnte fand sie diese Armen nicht nur in Ländern wie Indien, son-dern auch in den Ländern des Wohlstands, bei uns – Menschen, für die niemand Zeit hat, Menschen, denen niemand seine Aufmerksamkeit schenkt. Sie trug auch dorthin die zärtliche Liebe Gottes.


So etwas steckt an. Die wunderbare Brotvermehrung kennen wir aus der Bibel, die wunderbare Menschenvermehrung von Mutter Teresa. Nach 10, 20 Jahren hatte sie ein paar Tausend Schwestern hinter sich, die diese Aufgabe teilten - ihren neuen Orden: die „Missionarinnen der Nächstenliebe“. Keine von ihnen sagte: Die Aufgabe ist zu groß, weil das Elend so groß ist. Es hat doch keinen Zweck, es ist ja nur der berühmte „Tropfen auf dem heißen Stein“! Nein, niemand sagte das. Aber alle beteten und schauten auf Christus und empfingen in der Eucharistie die Liebe für den neuen Tag. Glaube und Liebe blieben zusammen und wurden nicht auseinandergerissen. Aber die Liebe ist das Größte.


Darum, weil die Liebe das Größte ist, wurde Mutter Teresa zur Heiligen. Die ganze Welt wurde zur Zeugin dieser Liebe. Und vielen wurde es so leichter gemacht, an Christus zu glauben.