Die enge Tür

Predigt am 21.08.2016

Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen…


Vielleicht geht Ihnen das auch so: Manchmal träume ich, ich bleibe in einer engen Tür stecken. Leuten mit Bauch wie mir kann das ja leichter passieren! Aber auch wenn Sie rank und schlank sind wie eine Tanne, können Sie im Traum feststecken: Sie kommen nicht weiter, der Durchgang ist zu eng. Kluge Psychologen meinen, dies Traumbild sei eine vage Erinnerung an den Geburtsvorgang. Sie weisen weiter darauf hin, dass die inneren Bilder, die Menschen im Sterben sehen, auch ein enger Kanal, eine Art Tunnel sind, durch den wir hindurch müssen. Wir kommen also auf engen Wegen ins Leben, und wir gehen auf engen Wegen aus dem Leben.


Und der Weg zu Gott? Enge - oder Weite? „Du führst mich hinaus ins Weite“, bete ich so gerne und ganz überzeugt. Weite - das lasse ich mir gern sagen. Aber die enge Tür, von der Jesus spricht? Durch die ich mich hindurch quetschen muss, um zu Gott zu gelangen? Frühere Generationen von Christen, vor allem von Protestanten wurden mit Bildern groß, die eine Weggabelung zeigten. Da gingen zwei Wege auseinander, ein breiter, bequemer, angenehmer Weg - wie eine Allee - führte vorbei an allerlei Lustbarkeiten, Wirtshäusern und anderen Vergnügungen geradewegs ins Verderben. Der zweite Weg - schmal, steil, anstrengend, eher was für Gämsen als für ungeübte Spaziergänger - führte an allerlei Kirchen und gottgefälligen Orten vorbei ins Heil und ewige Leben. Wähle den zweiten Weg, entscheide dich für die Steigung und Anstrengung, wähle die enge Tür und vermeide das breite Portal, das in den Abgrund und ins Verderben führt - diese Aufforderung lag in solchen Bildern.


Ich weiß: da waren Moralapostel am Werk. Die malten Schwarzweiß. Tanzen oder Fernsehen waren schon anrüchig, überhaupt alles, was „Spaß macht“. Das Verderben lauerte überall. Also: Lerne dich „abzutöten“, dich zu verleugnen. Lerne zu verzichten, und du passt durch die enge Tür!


Niemand wünscht sich diese Zeiten zurück. Und doch steckt etwas Richtiges und Wichtiges in diesen Bildern. Man kann sein Leben verfehlen. Man kann nicht nur die „Pforte ins ewige Leben“ verpassen, sondern auch die Tür ins richtige, ins gute Leben hier auf der Erde. Etwa indem ich nur an mich selber denke und die anderen unter „ferner liefen“ kommen. Etwa indem ich wirklich den falschen Göttern folge und mein Leben immer mehr erstarrt, unlebendig wird. Etwa indem ich kaum Zeit finde für Gott und die Menschen.


So leicht werden wir also das Bild von der engen Pforte nicht los. Lassen wir uns ruhig darauf ein und malen uns aus, wie wir trotz Wohlstandsbauch und zu viel Gewicht mit der engen Tür zurechtkommen.


Kann man vielleicht geistlich „abnehmen“?


Kinder kommen auch durch enge Türen hindurch. Also: Wie die Kinder werden! Jesus selber legt uns das ans Herz: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen!“ Kinder im Sinne Jesu sind leicht und nehmen sich leicht, sie pochen nicht auf Bedeutung und Wichtig sein, sie blicken nicht zurück, sondern leben mit Vertrauen „nach vorn“. Der Ballast des Erwachsenenlebens ist Kindern fremd. Sie rechnen nicht auf, sondern spielen, sind ganz offen für den Augenblick. Sie lassen sich gern beschenken und plustern sich nicht damit auf, was sie alles geleistet haben. Sie sind „Menschen der Gnade“!


Der Typ, der dem Kind entgegensteht, wird in der Bibel „der Reiche“ genannt, und so kann Jesus sagen: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes gelangt!“ Alles, was wir anhäufen, macht uns im Sinne Jesu „reich“. Nicht nur Geld und Besitz, sondern auch Bildung und Wissen. Unsere Erfahrungen, die wir gerne vorweisen. Alles, was uns Ansehen bei den anderen gibt. Das alles kann zum schweren Gepäck werden, zum Ballast, mit dem wir in der engen Tür zu Gott steckenbleiben. Wenn wir auf dieses Gepäck unser Leben bauen, wenn wir uns über andere erheben und „die Nase hochtragen“, stolz oder selbstgerecht werden.


„Abnehmen“, das heißt Loslassen. Mir fallen Menschen ein, die eine schwere Krankheit und Operation hinter sich haben. Manch einer von ihnen sagt: Das hat mir das Leben neu geöffnet. Vieles, worum ich mir Sorgen gemacht habe, vieles, das mich beschäftigte und innerlich herunterzog, ist nun verblasst – alte Kränkungen, alte Abneigungen. So viel Müll im Leben! Wer so an der Grenze stand und das Leben neu geschenkt bekam, der fühlt sich wohl frei und sehr dankbar und lässt los, was nicht mehr wichtig ist. Vielleicht ist das eine Einübung, eine „Schule des Loslassens“ für die letzte enge Tür, die noch auf uns wartet: den Tod. Wir gehen auf sie zu in der Hoffnung und Zuversicht, dass Gott – der liebende Gott – seine Kinder, die er geschaffen hat, nicht im Stich lässt.