Brandstifter Jesus

Predigt am 14.08.2016

„Er lähmt mit seinen Reden die Hände der Krieger“. So hörten wir gerade in der Lesung. Die Rede ist von Jeremia, einem Propheten, der ständig Ärger hat. In grauer Vorzeit, im 7. Jahrhundert v. Chr., protestiert er gegen einen Krieg in Israel. Er will den Krieg nicht. Die herrschenden Kreise, die den Krieg betreiben und natürlich am Krieg verdienen, sehen ihn als „Wehrkraftzersetzer“, der mit seinen Friedensparolen ihre Geschäfte stört. Sie setzen sich gegen den schwachen König durch und lynchen den Propheten geradezu. Sie wollen ihn mundtot machen und werfen ihn in eine Zisterne, in einen tiefen Brunnen ohne Wasser. Da sinkt er ein in den Schlamm; die stinkende Brühe steht ihm bis zum Hals. Jeremia ist dem Tod preisgegeben. Nur ein Hofbeamter des Königs mit dem Namen Ebed-Melech, ein Äthiopier, d.h. ein Ausländer, setzt sich für ihn ein. Er tritt vor den König, erhebt sehr freimütig und entschieden Einspruch gegen die schlimme Behandlung des Jeremia, und so sorgt er dafür, dass der Prophet gerettet wird und überlebt. (Jer 38). Man sollte sich den Namen merken: Ebed-Melech, der schwarze Mann aus Äthiopien, ist einer der stillen Helden in der Bibel. Er macht den Mund auf, wo sonst alle, auch die Freunde des Jeremia, „die Klappe halten“. Er sagt Nein, wo sonst alle Ja sagen und sich den Mächtigen andienen.


Jetzt ist es nicht mehr weit zu Jesus im Evangelium: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ Ein kühnes Bild: Jesus als Brandstifter? Ja, man kann das so sagen: ein geistiger Brandstifter. Das klingt sehr anders, als was sonst über ihn gesagt wird: „lieber Heiland“ zum Beispiel! Diejenigen, die ihn zum Tod verurteilt haben, sahen ihn so: als einen Brandstifter, der ihre Auffassungen, letztlich ihre Macht zerstören könnte. Das Feuer, das Jesus auf die Erde warf (ein apokalyptisches Bild!), nannte er „Reich Gottes“, und es wurde wirklich ein Flächenbrand, dehnte sich aus. Ein Großfeuer rund um die Welt, und die Glut ist heute noch da - jetzt auch hier bei uns.


Wie bei Ebed-Melech in der Lesung hören wir aus dem Feuer Jesu ein deutliches Ja heraus: Ja zu Gott, dem Vater, Ja zur Gerechtigkeit, zur Barmherzigkeit - und ein ebenso deutliches Nein. Nein zum Bösen, zur Ungerechtigkeit, zum Krieg, zur Lüge. Dieses Böse in seinen unzähligen Formen der Gewalt, das sollte „weggebrannt“ werden, zerstört werden! „Feuer“ ist ein starkes Bild für die Kraft und glühende Ausstrahlung Jesu, die Ausstrahlung des Guten und des Lebens, das Sünde und Tod besiegt, das in Jesu Worten und Taten steckte und immer noch steckt. Er selber „ging durchs Feuer“, er selber ging ans Kreuz, er selber kam so zu diesem „Leben in Fülle“. Der Weg Jesu war alles andere als harmlos und harmonisch, er musste sich entscheiden zwischen Ja und Nein, zwischen Freund und Feind, und so kann er hinzufügen: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern Spaltung, Zwietracht.“ Wer mit ihm zu tun bekommt, muss sich auch entscheiden: so oder so. Gleichgültigkeit, Lauheit - diese häufigste aller Reaktionen - sind da eigentlich nicht drin. Man muss sich entscheiden: Ja oder Nein.


Sprechen wir nun „auf etwas kleinerer Flamme“, etwas alltäglicher. Meine schönsten Feuer-Erlebnisse haben mit Zeltlagern zu tun. Als ich noch Kaplan war und bei Zeltlagern mitmachte, freute ich mich immer auf das abendliche Lagerfeuer. Das warme oder heiße Wetter in der Normandie hatte zum Abend hin schon nachgelassen, es wurde kühler, und da tat das Feuer mit seiner Wärme richtig gut (vor allem unserer körperlichen Vorderseite!) Und es tat der Gemeinschaft gut, so um das Feuer zu sitzen, Stockbrote in die Glut zu halten, Geschichten zu hören und Lieder zu singen. Je später es wurde, desto ruhiger auch! Die Kinder und Jugendlichen wurden „besinnlich“, nachdenklich. Bei einigen kam dann auch das Heimweh durch.


Feuer - das war für die Leute zur Zeit Jesu vor allem das „Lagerfeuer“, das Herdfeuer. Darum versammelte sich die Familie, der Clan oder die Nachbarschaft. Da erlebte man die Gemeinschaft und die Wärme des Zusammenseins. Als gleich nach dem zweiten Weltkrieg eine große und wichtige Laienbewegung in Italien entstand, gab sie sich den Namen „Focolare“, nach dem „fuoco“, den Herdfeuern, um die sich während des Kriegs die ersten Mitglieder in kleinen Gruppen versammelt hatten. Ein schönes Bild, wie Gemeinde gedacht ist: ein Feuer, um das sie sich versammelt, das sie hütet, das Feuer Christi, Glut, die da ist - Wärme - menschliche Wärme, Wärme von Gott her in einer Gemeinschaft des Glaubens.


Gestern war ich bei einer Hochzeit in St. Joseph dabei. So gut wie alle, die ich getraut habe und traue, machen ein Kerzen-Ritual mit. Sie zünden eine Hochzeitskerze an der Osterkerze an. Das Licht, das Feuer, soll „überspringen“ von Jesus auf die Brautleute. Auch sie sind berufen, mit ihrer Liebe zueinander „zu leuchten“, eine Flamme zu sein, eine Glut. Ihr Herdfeuer, ihr Zuhause soll wärmen. Und dann gehen sie durch die Reihen ihrer Gäste, die ebenfalls eine kleine Kerze empfangen haben, und zünden diese mit ihrer Hochzeitskerze an. Das Licht, die Flamme, die Glut soll für alle reichen. Denn ein Feuer ist auf die Erde geworfen, glühend, lebendig, wie auf Pfingsten, voller Kraft – wie froh wäre Jesus, es würde brennen!