Mit Abraham unterwegs

Predigt am 08.07.2016

Auf Grund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein fernes Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er brach auf und zog weg, ohne zu wissen, wohin es ging. (Hebr 11)


Zu diesem Bibelwort habe ich einen besonderen Bezug. Als wir 13 Seminaristen meines Kurses 1975 zu Priestern geweiht wurden, einigten wir uns auf dieses Wort, auf diesen Abraham. Wir druckten den Vers auf Karten und Programme, so wie Brautpaare das mit ihrem Trauspruch tun. Er war gedacht als eine Art „Motto“ über unserem Leben, über unserer Zukunft. Abraham so eine Art Leitfigur! Besonders das „ohne zu wissen, wohin es ging“ zog uns an. Wir waren wahrscheinlich unsicher. Wir wussten auch nicht, wohin es ging, in welche Zukunft hinein.


1975 - das ist schon ein bisschen her. Hätten wir heute die Wahl, würden wir dieses Wort wieder wählen? Passt es noch? Ich denke, es passt mehr denn je. Es passt zum Lebensgefühl eines Priesters, eines Christen heute. Wir wissen nicht, wohin es geht, wie unsere Gesellschaft und unsere Kirche sich entwickeln. Wir wissen nicht, wie z.B. unsere Pfarrei St. Medardus im Jahr 2030 da steht.


Lähmt uns das, dieses Nichtwissen? Ja, manchmal lähmt es mich. Aber dann den-ke ich an Abraham, die Leitfigur unserer Priesterweihe, ja, den Vater des Glaubens für Juden, Christen und Muslime. Diese drei Religionen schauen auf ihn. „Was wir unter Glauben verstehen, das haben wir von ihm“, so sagen alle drei.


Glauben. Das ist nicht im Sinne von: Ich glaube, dass morgen die Sonne scheint. Es ist eher so, wie wenn ein Fußballtrainer seinem schwächelnden Schützling nach einigen Niederlagen sagt: „Ich glaube an dich!“ Also nicht bloß: ein paar Überzeugungen für wahr halten, sondern: Vertrauen - ganz groß geschrieben! Glauben ist ein Tuwort wie gehen oder laufen: aufbrechen, auf Gott vertrauen mit ganzem Herzen, und so in die Dunkelheit hineingehen, in die Zukunft, die wir nicht kennen.


Ich habe ein Gemälde vor Augen: ein weiter leerer Raum, die Wüste. Ein hoher Himmel darüber, nachtschwarz. Und ganz unten ein kleiner Mensch. Er ist losgezogen in diesen weiten Raum hinein. Gibt es einen Kompass, ein „Navi“ für den Weg? „Kompass ist das Gotteswort“, heißt es in einem Lied. Auf dem Bild ist ein Lichtpunkt am Himmel zu sehen. Abraham hat keine Landkarten und Wegweiser, er lässt sich vom Wort Gottes ziehen und locken. Gott hat zu ihm, dem schon alten, aber kinderlosen Mann gesagt: „Brich auf. Zieh los. Ich werde dir Neuland zeigen. Du wirst Nachkommen haben, Vater eines Volkes wirst du sein. Und vor allem: Du wirst ein Segen sein!“ Abraham setzt nichts dagegen, sagt nicht: „Ich bin doch viel zu alt!“ Er vertraut Gott und zieht los. Wie ein heutiger Flüchtling - ins Unbekannte! Das war einzigartig! Dieses Vertrauen in Gott, das gab es noch nicht. Es ist in Abraham entstanden. Es kommt in ihm zur Welt. Darum ist er der Vater des Glaubens, des Gottvertrauens.


Der Raum der „Wüste“ ist noch weiter geworden und das Firmament nicht heller. Die Ratlosigkeit und Unsicherheit ist gewachsen: Wo geht die Welt hin? Wohin geht Europa? Wohin das Christentum, wohin unsere Kirche? „Fürchte dich nicht, du kleine Herde“, heißt es im heutigen Evangelium.


Wo geht es hin mit der kleinen Herde? Immer mehr leben wir mit offenen Fragen. Das ist nicht besonders bequem. Die Wüste ist kein bequemer Ort. Aber sie ist näher am Glauben des Abraham, als wenn man gemütlich, satt und bequem in einer „heilen Welt“ sitzt.


In einer solchen Lage wird der „Lichtpunkt am Himmel“ immer wichtiger. In dieser unübersichtlichen, sperrigen Welt gilt es solche Lichtpunkte zu entdecken. An ihnen hat Abraham sich ausgerichtet. Aber sie stehen nicht mehr am Himmel, wie die Sterne. Sie sind mitten im Leben. Oft überlagert und verborgen, in der Unruhe der Tage wie verschüttet. „Sie sind in unser Herz geschrieben“, weiß die Bibel. In den ruhigen Tagen der Ferien sehen wir sie vielleicht deutlicher - die Lichtpunkte, die Anknüpfungspunkte für Gott. Momente der Zuversicht, der Liebe und des Glücks. Mitunter sogar das Gespür, wie erlöst zu sein - von den Zwängen, den Anspannungen und Ängsten. Eine große Ruhe mitten in der Wüste, mitten in der unruhigen Welt.


Und der Kompass des Abraham? Gott sprach damals direkt zu ihm, in sein Herz hinein. Wir haben als eine Art Kompass das Evangelium. Es zeigt die Richtung an. Wenn wir es beherzigen und danach zu leben versuchen, dann leuchtet Gott in uns auf: in unseren Begegnungen mit anderen Menschen, in unseren Versuchen zu beten, im Einsatz für arme Menschen, im Vergeben, im inneren Frieden, in innerer Heilung. Ich frage mich manchmal abends, von welchen Lichtpunkten ich am Tag gelebt habe.


Auch die kleine Herde - sie kann noch so klein sein - ist ein Lichtpunkt, ja Leuchtturm, wenn sie nach dem Evangelium lebt. Es hängt nicht von den Zahlen ab, von der Größe der Herde! Eher von der Bereitschaft, ernst zu machen mit dem Glauben. Eher vom Gottvertrauen.


Fürchte dich nicht, du kleine Herde. Der verstorbene, weltweit bekannte Erzbischof Dom Helder Camara aus Brasilien, ein Mann der Armen, hat oft von den „abrahamitischen Minderheiten“ gesprochen, also von Minderheiten, die „in der Spur des Abraham“ gehen. Er meinte damit wohl: Nicht die großen Mehrheiten und Massen bewegen die Welt. Sie lassen sich eher schieben und treiben. Das, was alle denken und tun, ist nicht „das Evangelium“, sondern oft der bequemste Weg. Immer wieder braucht es Minderheiten, die sagen: So geht es nicht weiter! Und darum suchen wir und fangen an, anders zu leben! Minderheiten bewegen die Welt, sie sind das „Salz in der Suppe“. Vielleicht ist Abraham auch ihr Vater - mögen sie nun bewusst gläubig sein oder nicht. Abraham, der wie ein Flüchtling aufbrach in die Wüste, in die Fremde, ins Neuland, wo noch keiner war. Abraham mit seinem unglaublichen Vertrauen. Abraham, der Vater des Glaubens. Ein Leuchtturm durch die Zeiten und Religionen. Und wir können seine Söhne und Töchter sein!