Windhauch und die falschen Schätze

Predigt am 31.07.2016

Eine Welt voller Wahn kommt auf uns zu. Noch ganz harmlos: der Spielwahn von unzähligen Spielern, die Pokemon suchen - manche selbst im Kölner Dom. Dann der Machtwahn des türkischen Präsidenten, der Egowahn des amerikanischen Kandidaten für das Präsidentenamt, und - am schlimmsten - der psychische und religiöse Wahn der vielen Attentäter. Einem friedlichen und frommen französischen Priester von 86 Jahren, Jacques Hamel, in einer kleinen friedlichen Morgenmesse auf dem Lande wird die Kehle durchgeschnitten. Ein paar alte Leute waren mit ihm in der Messe. Der alte Priester war mit vielen Muslimen in seiner Stadt gut bekannt und befreundet.


Was wird aus der Welt? Spielt sie verrückt? Was wird aus der Vernunft? Was wiegt die Geste von Papst Franziskus, der allein, betend, in einer Todeszelle im KZ in Auschwitz kniet? Was wird noch alles kommen?


Alles ist Windhauch. So steht es in der Lesung. Der Autor - Kohelet, der Prediger - gehört zu den Weisheitslehrern des Alten Testaments. Er ist ein großer Menschenkenner, ein Mann mit Lebenserfahrung. Sehr nüchtern, sehr skeptisch, fast schon pessimistisch, ohne jede Illusion. Ohne den Ansatz von Wahn. Kohelet kennt auch die, die es weit gebracht haben, die Mächtigen, die Reichen seiner Zeit. Er weiß, wie sehr sie auf Sicherheit bedacht sind und daher an ihrem Besitz hängen: mein Konto ist gut gepolstert, ich bin für bzw. gegen alle denkbaren Fälle gut versichert, was sollte mir passieren? Windhauch, Illusion, ruft Kohelet ihnen zu, eitler Wahn! Denn Besitz ist flüchtig und vergänglich, du kannst dich nicht darauf verlassen! Wir haben das ja in den letzten Jahren weltweit erlebt, wie der Besitz wie Schnee in der Sonne schmelzen kann. Windhauch ist das ganze Leben: flüchtig, vergänglich. Wenn ein Mensch überraschend stirbt und wir dann darüber sehr erschüttert sind, weht uns dieser Windhauch wie ein Sturm direkt ins Gesicht.


Ähnlich äußert sich Jesus im Evangelium, im Gleichnis vom reichen Kornbauern. Dieser hortet einen großen Vorrat in seinen Scheunen und lädt sich selber ein: „Nun ruh dich aus, iss und trink, und freu dich deines Lebens!“ Was für ein Narr, sagt Jesus, er hat auf die falschen Schätze gesetzt. Noch in dieser Nacht wird man sein Leben von ihm zurückfordern.


Gibt es andere Schätze und Besitztümer, die einem nicht genommen werden? Ich werde nun privat: Die Geschichte von den letzten Jahren meiner Mutter, die noch im letzten Jahrhundert starb, ist wohl nicht ganz untypisch - es dürfte vielen so gehen! Mit 83 Jahren gab meine Mutter ihre große Wohnung auf und zog zu mir ins Pfarrhaus, in eine kleine Einliegerwohnung mit zwei Zimmern. Wir halfen ihr beim Aussortieren und Ausrangieren. Das ist ein in jeder Hinsicht schwieriges Geschäft! Immer wieder die Frage: „Brauchst du das noch?“ Nein, sie brauchte das meiste nicht mehr! Viel Liebgewordenes und Vertrautes, vieles, an dem ihr Herz hing, blieb auf der Strecke, wurde entsorgt und weggeschmissen.
Ein paar Jahre später wurde der Lebensradius meiner Mutter noch kleiner. Sie zog krankheitshalber auf ein Doppelzimmer in einem Altenheim, und wieder derselbe Vorgang: aussortieren, ausrangieren. Da blieb nicht mehr viel: etwas Kleidung, einige „Habseligkeiten“, wie man so schön sagt. In den letzten Monaten war sie ans Bett gebunden. Was braucht man noch auf zwei Quadratmetern Bett? Welche Schätze zählen da noch? Nachthemden, und was in eine Schublade passt. Doch, eines brauchte meine Mutter noch: Bilder. Familienfotos hingen an der Wand überm Bett, außerdem ein Kreuz, ein Madonnenbild. Diese Bilder hatte sie bis zuletzt im Blick. Sie standen für den „Schatz“ ihres Lebens. Es waren Erinnerungen an das Leben in der Familie. Das war ihr Schatz, das, was sich unter dem großen Wort „Liebe“ fassen lässt. Und dazu das Kreuz an der Wand, das Marienbild, die Zeichen des Glaubens. Auch das gehörte zum Lebensschatz: fast selbstverständlich geglaubt zu haben, ohne viele Worte und Erklärungen. Das Schwere im Leben (die Kriegsjahre, oder die Lasten des Alters) im Glauben getragen zu haben.


Diese Schätze und Erinnerungen der Liebe und des Glaubens kann jeder innerlich mitnehmen! Das Leben mag dann noch so beschränkt und reduziert sein - etwa auf die Größe eines Bettes -, die Schätze kann man mitnehmen in die Krankheiten und ins hohe Alter, selbst ins Sterben und in den Tod. Vielleicht denken Sie jetzt: von all dem bin ich Gottseidank noch meilenweit entfernt; ich spüre Vitalität, ich spüre Lebensfreude, ich weiß mit meiner Kraft kaum wohin. Aber auch dann - mitten im vollen Leben - sollten Sie das Gleichnis Jesu vom reichen Kornbauern ruhig an sich heranlassen, und den Windhauch und Anti-Wahn des Kohelet auch! Der muss die Lebensfreude und Urlaubsstimmung nicht schmälern! Niemand muss ständig an die Vergänglichkeit denken - das Aschenkreuz gibt es ja auch nur einmal im Jahr! Aber die richtigen Schätze sollte man von Anfang an sammeln und auf sie bedacht sein: die Schätze, die vor Gott zählen. Die Schätze, denen, wie Jesus sagt, Rost und Motten nichts anhaben können. Die werden die Lebensfreude noch vertiefen und das Leben zu etwas Schönem und Wertvollem machen.