Herr, lehre uns beten

Predigt am 24.07.2016

„Herr, lehre uns beten“ - so baten die Jünger einst Jesus.
„Wir wissen ja nicht, was rechtes Beten ist,“ schreibt Paulus im Römerbrief.


Wir befinden uns da offensichtlich in guter Gesellschaft. Wenn schon die Jünger und einer wie Paulus um eine Art „Schulung“ im Gebet bitten, um wieviel mehr können wir da einstimmen: „Herr, lehre uns beten!“
Ein Leben lang werden wir das Beten lernen müssen – ohne Rezepte, wir können noch so viel darüber hören oder lesen. Ein mehr als 80jähriger frommer und gebildeter Priester sagte mir mal: „Beten heißt Üben“, und er fügte hinzu: „Ich übe in meinem Alter immer noch!“ Beten lernt man nur durch Beten. Man muss es einfach tun, man muss einfach damit anfangen.


„Herr, lehre mich beten,“ sagt vielleicht der Erste. „Ich hab´s verlernt. Das Gebet ist mir entglitten. Erst betete ich noch, als ich Lust darauf hatte, und wenn mir danach war. Aber dann schlief es ein. Aber ich spüre deutlich, dass es mir fehlt!“
„Herr, lehre mich beten,“ sagt vielleicht ein Zweiter. „Ich mache es so kompliziert. Immer schieben sich meine Skepsis und meine Zweifel dazwischen: Rede ich vor eine Wand? Führe ich ein Selbstgespräch? Hörst du zu? Ich möchte einfach mit dir sprechen können, wie mit einem Freund, ohne die abwehrenden Gedanken und die Skepsis im Hinterkopf!“
„Herr, lehre mich beten,“ sagt vielleicht ein Dritter. „Ich bete den Rosenkranz, ich weiß: „Nur der Kopf will immer das Neue, das Herz will immer dasselbe.“ Aber manchmal denke ich: Ich mache viele Worte, ich plappere daher, mein Herz ist woanders. Ich möchte von den Worten freikommen, ich möchte mit dem Herzen und in der Stille beten. Ich möchte im Beten ein Hörer sein! Hilf mir dabei!“
„Herr, lehre mich beten,“ sagt vielleicht ein Vierter. „Ich bin mehr ein Machertyp. Ich kremple die Ärmel hoch und pack an und helfe den Leuten. Beten ist schwierig für mich – mir ist, als wenn ich die Verantwortung wegschiebe auf Dich! Mach Du! Aber ich weiß, dass Beten eine Kraftquelle ist für richtiges Handeln. Ich habe gelesen, dass Mutter Teresa jeden Morgen ein, zwei Stunden gebetet hat, ehe sie an die Arbeit ging. Herr, lehre mich, zu beten und dadurch immer wacher zu werden fürs Handeln!“


Beten kann so vieles sein: Danken, jubeln, klagen, flehen. Lange Litaneien, feierliche Hymnen und kurze Stoßgebete („Danke, Gott!“).
Beten lässt sich in jeder Lebenslage: Beim Autofahren und Kartoffelschälen, man muss nicht „feierlich“ werden, man muss nicht die Hände falten, man muss keinen eigenen „Gebetsjargon“ pflegen. Eher so wie Don Camillo in den berühmten Filmen aus Italien: Er stellte sich unter das Kreuz in seiner Kirche und sagte sehr ungeschminkt, was er auf dem Herzen hatte – wie er z.B. seinem Gegenspieler, dem kommunistischen Bürgermeister Peppone, eins auswischen wollte. Und Jesus antwortete ihm! Nicht laut, wie im Film, über die Ohren, sondern leise im Herzen kann er uns antworten, und plötzlich sehen wir Wege, finden Trost – oder mäßigen uns, wie bei Don Camillo, der von Jesus hörte, er solle mit seinem Gegner Peppone etwas sanftmütiger umgehen.


So viele Formen kennt das Gebet – aber was ist es denn im Kern? Worauf kommt es denn an?
Der heilige Pfarrer von Ars, ein einfacher französischer Dorfpfarrer vor zweihundert Jahren, war beeindruckt von einem armen Bauern, den er in der Kirche beobachtete. Der Bauer saß einfach nur da, sehr lange, und der Pfarrer fragte ihn: „Was betest du?“ Der Bauer antwortete: „Ich sage: Herr, Du bist da, und ich bin da!“


Beten heißt hier: in der Gegenwart Gottes leben. „Du bist da!“ Der eigenen Seele dafür Raum geben, das zu erspüren: Du bist da. Du gehst mit. Und sich dafür etwas Zeit lassen.
Das heißt nicht: Immer an die Gegenwart Gottes denken! Denken wir an Familien: sie wissen und verlassen sich darauf, dass sie zusammenstehen und füreinander das Beste wollen. Das trägt sie, das gibt ihnen Halt. Das ist sozusagen der Boden, auf dem sie stehen. Aber deshalb wird der Mann wohl nicht den ganzen Tag an seine Frau und an seine Kinder denken. Ganz tief drinnen lebt er mit ihnen, und manchmal aus ihnen, und das ist viel mehr!


„Mit Gott leben“ – das könnte so selbstverständlich werden wie der Herzschlag, wie das Atmen, Ein- und Ausatmen, das wir ja auch nicht ständig beobachten.
Mit Gott leben – das ist der „Herzschlag“ eines Christen. Das ist der „Boden“, das Fundament des Gebetes, und so verstehe ich das Wort des Paulus: Betet allezeit!


Das ganze Leben soll Gebet sein: Leben in der Gegenwart Gottes.